ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Als Ärztin in der Antarktis: Lockruf des Eises

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Als Ärztin in der Antarktis: Lockruf des Eises

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2226 / B-1896 / C-1780

Stüwe, Ursula

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LNSLNS Die Chirurgin Ursula Stüwe betreut ein Jahr lang das Überwinterungsteam einer Forschungsstation. Sie hat sich damit einen Traum erfüllt.


Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven annonciert jedes Jahr im Deutschen Ärzteblatt. Gesucht wird ein Arzt oder eine Ärztin zur Stationsleitung und zur medizinischen Betreuung des Überwinterungsteams auf der einzigen deutschen Forschungsstation in der Antarktis, der Neumayer-Station. 1999 bekam ich diese einmalige Stelle.
In der Vorbereitungszeit stellte ich fest, wie man später meinem Leserbrief im Deutschen Ärzteblatt entnehmen konnte, dass ich während der 15 Monate in Abgeschiedenheit und Eiswüste auf die „wunderbaren Menschen von Claudia Püschel-Knies“ würde verzichten müssen. Viele Leserinnen und Leser zeigten tiefes Verständnis für meine Trauer um den Verzicht – bei ihnen allen möchte ich mich mit diesem Bericht bedanken.
Seit gut sieben Monaten leben wir bei 70°39' Süd und 08°15' West in zwei Wellblechröhren im Ekströmschelfeis – sechs Meter unter der Oberfläche. Das Schelfeis ist hier etwa 200 Meter dick und schwimmt auf dem Meer. Draußen umgibt uns eine unendliche Weite aus Schnee und Eis. Die wohlige Wärme in unseren Wohn- und Arbeitscontainern, innerhalb der Röhren, stammt von zwei Dieselgeneratoren und einem Windgenerator – ohne solche Hilfsmittel wäre ein Leben in dieser menschenabweisenden Gegend der Welt unmöglich.
Im antarktischen Sommer dient die Station neben den Langzeit-Forschungsaufgaben auch als logistische Basis für Expeditionen ins Inlandeis, im Winter jedoch ist sie über fast zehn Monate von nur neun Menschen bewohnt und von der Außenwelt abgeschnitten. Es gibt jedoch gute Nachrichtenverbindungen in alle Welt und zu den antarktischen Nachbarn.
Zwei Geophysiker betreuen, warten und überwachen seismologische und magnetische Observatorien. Hier werden Änderungen im Erdmagnetfeld beobachtet und registriert, uns allen wohl bekannt als Polarlichter. Darüber hinaus gehört das Interesse der Forscher der Erfassung der Erdbeben dieser Welt. Ein Meteorologe beobachtet kontinuierlich das Wetter. Seine Daten gehen in ein internationales Wettervorhersagesystem ein. Außerdem erfreut er das Team täglich mit einer aktuellen örtlichen Wettervorhersage – hier mehr noch als daheim der Dreh- und Angelpunkt für alle Aktivitäten außerhalb der Röhren.
Gefragt ist medizinisches
„Allround-Talent“
Die tiefste Temperatur erlebten wir in den ersten Julitagen mit –42 Grad C, den stärksten Orkan mit Windstärke Beaufort 12 oder 148 Stundenkilometern im „Wonnemonat Mai“. Eine Luftchemikerin erfasst natürliche und anthropogene Umweltverschmutzungen, die zum Teil auf der Nordhalbkugel verursacht und hier in Luft und Schnee nachgewiesen werden. Um diese Langzeit-Veränderungen in der Natur kontinuierlich erfassen zu können, wird viel Technik benötigt: ein Ingenieur und ein Elektriker sind dazu vonnöten, darüber hinaus ein Funker für Kontakte zu all unseren Nachbarn. Dieser arbeitet auch als Systemadministrator für die unverzichtbare und ausgeklügelte EDV-Ausstattung.
Während der Koch verantwortlich ist für das leibliche Wohl der Gruppe, obliegt mir die gesundheitliche Betreuung. Nach Jahrzehnten in einer Chirurgischen und Unfallchirurgischen Klinik sehe ich darin eine große fachliche Herausforderung – hier wird behandelt aus allen Gebieten der Medizin. Dazu steht mir ein kleines, aber feines Hospital
mit umfassender Medikamentenausstattung zur Verfügung. Hier kann ich Augen und Ohren spiegeln sowie EKGs ableiten. Sonografie und Röntgen sind möglich, und ein gut ausgestattetes Trockenlabor erlaubt recht umfangreiche Teste, die durch Blutausstriche ergänzt werden können. Ein OP-Tisch mit Narkosegerät und Beatmungseinheit sowie das entsprechende Instrumentarium machen das Ganze zu einem funktionierenden OP-Saal. Die in Kliniken üblichen Assistenzberufe müssen im Bedarfsfall durch Gruppenmitglieder ersetzt werden – jeder muss mit zupacken, und das ist auch für alle selbstverständlich.
Mein bisheriges Krankheitenspektrum ist klein. Alle Überwinterer haben eine strenge medizinische Kontrolle bestanden, ehe sie eingestellt wurden und hierher reisen durften. „Multimorbidität“ gibt es hier nicht. Kleinere Wunden, leichte Erfrierungen, Sonnen- und Gletscherbrand in der Sommerzeit sind häufig, ebenso wie leichtes Nasenbluten, das durch die extrem trockene Luft verursacht wird und alle belästigt. Eine eitrige Conjunctivitis heilte problemlos ab. Die FS „Polarstern“ brachte uns im Januar mit den Sommergästen auch die in Deutschland grassierende Grippewelle. Etwas schwieriger ist es, eine Schulterluxation in einem engen Observatorium zu reponieren. Zahnprobleme gehörten bislang noch nicht zu meinem ärztlichen Alltag. Darauf habe ich mich aber zu Hause gut vorbereitet, und für unklare Situationen aus mir weniger bekannten Fachgebieten habe ich eine Liste von Kolleginnen und Kollegen, die mir über das Internet mit Rat zur Seite stehen. Mit dieser, insbesondere der menschlichen Unterstützung kann ich mit der nötigen Ruhe alle medizinischen Probleme angehen. Darüber hinaus erkenne ich jetzt, wie nützlich eine hervorragend funktionierende EDV ist! Medizinische Fragen fast jeder Art kann ich per Internet lösen, das Studium der Fachzeitschriften klappt sicher und zuverlässig, und das Entsorgen alter, überholter Fachliteratur erübrigt sich, insbesondere bei Nachschlagewerken. Hier steht immer die aktuellste Ausgabe im Netz. Auch der Zugang zu den Leitlinien der AWMF ist problemlos, und berufspolitische Entwicklungen gehen nicht unbemerkt an mir vorbei.
Schauspiel aus
Schnee und Eis
Doch das allein macht nicht das „Erlebnis Antarktis“ aus. Die Schnee- und Eislandschaft ringsumher übt eine ungeheure Faszination aus. An schneefreien Tagen sind die Eisberge in der Atkabucht zu sehen, rund fünf Kilometer von uns entfernt. Sie zeigen sich täglich neu: mal sind sie klein und kaum zu erkennen, dann erstrahlen sie in Weiß, auch hellblau zeigen sie sich gerne, manchmal „wachsen sie über sich hinaus“ – Luftspiegelungen verursachen dieses Phänomen. Es geht so weit, dass man denkt, die Eisberge seien wie Perlen auf einer Kette aufgereiht und hingen von oben herab. – Der Gegensatz: Drift. Ein heftiger Ostwind bis zur Orkanstärke bringt Schnee mit. Es sind winzige Schneeflöckchen, die sich wie Staub in sämtliche Taschen schleichen, sich in den Stulpen der Handschuhe verstecken, hinter Schneebrillengläser kriechen und die Sicht in kürzester Zeit unmöglich machen. Am Boden formen sie stromlinienförmige Sastrugis – harte Schneeverwehungen. Sie machen das Laufen durch Berge und Täler anstrengend, doch das ansehnliche, ausgewogene Relief entschädigt für die Mühen. Nach Sturmtagen ist es ein besonderer Genuss, hinauszugehen und die Stille zu hören. Man scheint sie körperlich zu spüren, die Gedanken werden ruhig und versuchen, sich die europäische Hektik vorzustellen. Je länger ich hier bin, desto schwerer fällt mir das.
Das „Licht der Polarnacht“ ist kein Widerspruch. Wir erleben immer wieder in der klaren, trockenen Luft einen inkompletten Sonnenaufgang im Norden, der nach wenigen Stunden übergeht in einen Sonnenuntergang – die Sonne selbst kommt nicht über den Horizont: ein tiefes Dunkelrot im Nordosten geht über in warmes Gelb, dieses wandelt sich beinahe über unseren Köpfen zu einem lichten Blau, das in einem tief-dunklen Nachtblau am südlichen Horizont endet. Und wenn dann noch eine schmale, elegante Mondsichel am Himmel steht, kennt das Staunen keine Grenzen.
Die größte Attraktion findet sich auf dem Meereis der Atkabucht. An offenen Wasserspalten rings um die Eisberge leben Wedellrobben. Elegant tauchen sie in die schmalen Spalten, robben eher unbeholfen über das Eis oder aalen sich genüsslich in der Sommersonne. Manche tragen noch eine Codierung am Schwanz, an der wir mit Hilfe unserer Biologen das Alter der Tiere ablesen können. In der Nachbarschaft der Robben lebt und brütet eine Kolonie von rund 4 000 Kaiserpinguinen, zuweilen gesellen sich einige kleine, lebhafte Adélie-Pinguine zu ihnen. Den Jahreszyklus im Leben der Kaiserpinguine können wir bei unseren Besuchen verfolgen: Im Dezember waren die meisten Elterntiere bereits zum Meer zurückgekehrt, wenige würdevolle Alte beaufsichtigten die Jungen, die nicht mehr gefüttert wurden. Sie waren in der Mauser und schlugen heftigst mit ihren Stummelflügeln. Wenige Wochen später hatten sie ihr wolliges Kleid gegen tauchfähige Federn getauscht und watschelten und rutschten auf dem Bauch ebenfalls ins Meer. Anfang Mai kehrten sie zurück. Die Kolonie rückte dicht zusammen, die Tiere suchten sich einen Partner und interessierten sich kaum für die neugierigen Menschen, die sie beobachteten. Die Bauchfalte der Männchen war über den Sommer, nach einer nahrhaften Zeit im Meer, groß und dick geworden. Jedes Paar legte ein Ei, das die Männchen zur Zeit auf den Füßen unter ihrer Bauchfalte ausbrüten. Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt, trippeln sie mit ihrer kostbaren Last vorsichtig auf dem Eis umher. Meist stehen sie dicht an dicht und wärmen sich gegenseitig, wobei sie ihre Köpfe zusammenstecken, als würden sie miteinander schwatzen. Bewegung kommt in die Gruppe, wenn die gewärmten von innen ihren Platz für die außen Stehenden räumen müssen – bei Temperaturen unter –30 Grad C verständlich. Im August, dem kältesten Monat des Jahres mit Temperaturen bis –40 Grad C, sollen die Jungen schlüpfen – das wird mit Sicherheit unser nächstes Ausflugsziel.
Man mag verstehen, dass mir der Verzicht auf manche verlockende Anzeige im Deutschen Ärzteblatt nicht mehr schwer fällt. Für mich hat sich ein Traum verwirklicht.

Dr. med. Ursula Stüwe
Alfred-Wegener-Institut, Logistik
Columbusstraße 6, 25757 Bremerhaven

Weitere Informationen finden sich im Internet unter der Adresse www. awi-bremerhaven.de.
Hier gibt es eine webcam mit direktem Blick in die Antarktis, über die Neumayer-Station hinweg. Es wird informiert über weitere Forschungsaktivitäten des Instituts und seine stationären und schwimmenden Außenstellen für Polar- und Meeresforschung.

Würdevoll geben sich die Pinguine auf dem Meereis der Atka-Bucht. Eine Kolonie von 4 000 Kaiserpinguinen lebt und brütet dort. Fotos: Ursula Stüwe

Temperaturen von minus 40 Grad C verlangen nach einer entsprechenden
Polarausrüstung, wenn die Mitglieder des Teams ihre wohlig warmen Wellblechröhren unter der Oberfläche zu Ausflügen ins ewige Eis verlassen.

Ein kleines, aber feines Hospital steht für die gesundheitliche Versorgung zur Verfügung. Die üblichen Assistenzberufe müssen bei Bedarf durch Gruppenmitglieder ersetzt werden – jeder packt mit an.
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