BRIEFE

Gutachter: Im Kreuzfeuer

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2230 / B-1900 / C-1784

Tessmann, R.

Zu dem Beitrag „Zwischen Staatsraison und Patientenwohl“ von Heike Korzilius in Heft 23/2000:
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LNSLNS Als ehemals neurologisch-psychiatrischer Chefarzt und erfahrener Gutachter fällt mir bei Ihrem Beitrag auf, dass Gutachter es schwer haben, der Medienschelte zu entgehen. Ich lese heraus: Die bösen Gutachter missachten die seelischen Folterspuren der armen Asylbewerber im Interesse der bösen staatlichen Abschiebeinstanzen.
Als Psychiater kann ich sagen, dass sich die Stoßrichtung der Medienkritik auf psychiatrischem Gebiet in den letzten Jahrzehnten schon einige Male um 180 Grad gewendet hat. So könnte sich auch dieser Spieß der Medienattacken in absehbarer Zeit einmal umdrehen,
- wenn auffällig wird, wie unter den Dauerprozessierern wegen vermeintlicher Chemie- und Umweltvergiftungen ausgesprochen viele rentenneurotisch-hypochondrische Personen anzutreffen sind, die die Medien zu mobilisieren wissen und durch ständiges Prozessieren enorme Kosten verursachen,
- wenn zum spürbaren Ärgernis wird, wie einige Ärzte sich als Sozialanwälte der Chemie- und Umweltopfer profilieren und durch eine Unzahl von Chemieopferattesten wirtschaftliche Vorteile und lobende Beachtung der Medien finden und
- wenn eines Tages auffällig wird, dass zahlreiche politische Asylbewerber, denen durch falsch-mitleidige Gutachten seelische Folterspuren attestiert wurden, in Wahrheit in ihrem eigenen Land selbst Übeltäter waren und nun in unserem Land Straftaten begehen.
Kritische Journalisten wollen Stellung beziehen und aufrütteln. Dabei können die vielen kleinen Zwischenwahrheiten der Alltagsrealität oft störend sein. Wenn an ihren Reportagen Kleinigkeiten nicht stimmen, werden sie auch kaum zur Verantwortung gezogen. Verantwortliche sachverständige Gutachter sollten sich Scheuklappen zulegen, wie man sie Pferden anlegt, damit sie nicht durch Unruhen an beiden Straßenseiten aus der Bahn gelenkt werden. Gutachter sollten sich nicht durch jeweilige Tendenzen der „Political Correctness“ in ein vorsichtiges Vermeidungsverhalten drängen lassen. Das wird manchmal Zivilcourage erfordern.
Zum Schluss noch eine Klarstellung: Der sachverständige ärztliche Gutachter handelt nicht als Arzt im Interesse eines Patienten, sondern er ist dem jeweiligen Auftraggeber behilflich, die Wahrheit zu finden und zu begründen, und er übernimmt die Verantwortung für die Folgen. Der Zubegutachtende ist nicht sein Patient. Der Gutachter ist nicht dazu berufen, Patienteninteressen durchzusetzen. Wenn dies vor der Begutachtung mit dem Zubegutachtenden pflichtgemäß geklärt wird, gibt es auch keine Konflikte zwischen Staatsraison und Patientenwohl.
Dr. med. R. Tessmann,
Il Costa Reale 5, I-17031 Albenga-Salea/Savona
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