ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Psychosomatische Aspekte bei Erektionsstörungen: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Psychosomatische Aspekte bei Erektionsstörungen: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2247 / B-1915 / C-1799

Hartmann, Uwe

zu dem Beitrag Psychosomatische Aspekte bei Erektionsstörungen von Prof. Dr. rer. biol. hum. Uwe Hartmann (Dipl.-Psych.) in Heft 10/2000
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LNSLNS In seinem Diskussionsbeitrag hebt Kollege Momsen völlig zu Recht die Bedeutung des Lebensalters für die Ätiopathogenese der sexuellen Funktionsstörungen des Mannes hervor. Schon seit dem Kinsey-Report (2) wissen wir um die enge Korrelation von Lebensalter und Inzidenz von Erektionsstörungen, die sich in neueren Studien (2) bestätigt haben. Auch der Hinweis auf die Vielschichtigkeit des Alterns mit seinen zahlreichen Veränderungen und Problemstellungen, die die Sexualität in einen größeren Kontext rücken, ist richtig und wichtig, wenngleich die „krisenhaften Erscheinungen“, die Momsen anführt, keineswegs eine zwangsläufige Folge des Alterns sind. Grundsätzlich gibt es in jedem Lebensalter spezifische Anforderungen und Risikofaktoren bezüglich der Sexualität, die in jüngerem Alter stärker psychosoziale, in höherem Alter stärker organische Faktoren betreffen. Bei Letzteren muss unbedingt zwischen normalen Altersveränderungen der sexuellen Funktionen und krankheitswertigen beziehungsweise mit anderen (körperlichen wie seelischen) Krankheiten in Zusammenhang stehenden Zustandsbildern differenziert werden. Untersuchungen am gesunden alternden Mann („healthy aging male“) haben gezeigt, dass sexuelles Verlangen, sexuelle Erregung und sexuelle Aktivität gemeinsam und gleichzeitig abnehmen, Freude an Partnersexualität und Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität aber erhalten bleiben (3). Biologisch gehört neben der generell verlangsamten Reaktionsgeschwindigkeit und einer Reduktion der sexuellen Erregbarkeit im ZNS die (allmähliche) Abnahme des bioverfügbaren Testosteron, deren Implikationen derzeit kontrovers diskutiert werden, zu den robustesten Befunden. Kann der Mann sich in seinem sexuellen Verhalten mit diesen Veränderungen arrangieren und ist eine Partnerin vorhanden, die ihrerseits sexuelles Interesse hat, kann Sexualität bis ins hohe Alter ein Quell von Lebensfreude und Vitalität sein. Der neben der Qualität der Partnersexualität wichtigste Einflussfaktor ist das Vorhandensein chronischer Körperkrankheiten, die direkt oder durch die Nebenwirkungen therapeutischer Maßnahmen das durch die normalen Altersveränderungen „anfälligere“ sexuelle System zur Dekompensation bringen und zur Manifestation sexueller Funktionsstörungen führen. So weisen die einschlägigen Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen und für Erektionsstörungen eine weitgehende Deckungsgleichheit auf und es ist für die ärztliche Praxis wichtig, dass Erektionsstörungen nach dem heutigen Kenntnisstand als Frühsymptome und Warnsignale anderer Krankheiten betrachtet werden müssen, was die Bedeutung der Erhebung einer kompakten Sexualanamnese unterstreicht. Insgesamt erfordert so die Betrachtung des Zusammenhangs von Lebensalter und sexuellen Störungen einen differenzierten Ansatz, sollte aber niemals vernachlässigt werden.

Literatur
1. Feldman HA, Goldstein I, Hatzichristou DG, Krane RJ, McKinlay JB: Impotence and its medical and psychosocial correlates: results of the Massachusetts Male Aging Study. J Urol 1994; 151: 54–61.
2. Kinsey AC: Sexual behavior in the human male. Philadelphia: Saunders 1948.
3. Schiavi RC, Schreiner-Engel P, Mandeli J, Schanzer H, Cohen E: Healthy aging and male sexual function. Am J Psychiatry 1990; 147: 766–771.

Prof. Dr. rer. biol. hum. Uwe Hartmann, Dipl.-Psych.
Arbeitsbereich Klinische Psychologie
Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1, 30623 Hannover
E-Mail: Hartmann.Uwe@mh-hannover.de

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