ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Erik Satie - Ein Komponist der Widersprüche: Satie brach mit allen Konventionen

VARIA: Feuilleton

Erik Satie - Ein Komponist der Widersprüche: Satie brach mit allen Konventionen

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2251 / B-1919 / C-1802

Ludwig, Timm

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LNSLNS Er stammte aus Honfleur, einem kleinen Ort an der Kanalküste. Die Saties nannten ihr erstes Kind, das am 17. Mai 1866 geboren wurde, Eric-Alfred-Leslie. Später schrieb er sich mit K, seiner nordischnormannischen Abstammung halber, die ihm wichtig war. Von der Mutter, Jane Leslie Anton, ist nur bekannt, dass sie aus Schottland stammte und als junge Frau von ihren Eltern über den Kanal geschickt wurde, um Französisch zu lernen. Der Vater, Alfred Satie, war Normanne, Inhaber einer Schiffsmaklerfirma in Honfleur.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zog die ganze Familie nach Paris.
Eriks Mutter gebar noch drei weitere Kinder, dann starb sie 1872 in Paris. Der sechsjährige Erik und sein Bruder Conrad werden von ihrem Vater zu den Großeltern nach Honfleur gebracht.
1878 endet das Leben der Großmutter mit einem Bad im Kanal. Der Vater nimmt seinen Jungen wieder zu sich nach Paris. Auch mit 13 Jahren braucht Erik noch nicht zur Schule zu gehen, da der Vater nichts davon hält. Als Inhaber einer Buchhandlung und eines Musikverlages kann der es sich leisten, Privatlehrer zu engagieren. Und – wieder zu heiraten: die Klavierlehrerin Eugénie Barnetsche. Sie unterrichtet Erik im Klavierspiel.
Quälereien
Der besteht am 4. November 1879 die Aufnahmeprüfung für das Conservatoire; und er tritt in die Klaviervorbereitungsklasse von Emile Decombes ein. Nach drei Jahren aber, 1882, wird Erik entlassen, weil seine Leistungen für sein Alter als zu gering beurteilt werden. 1883 wird er dann aber doch wieder am Konservatorium aufgenommen, als „Gasthörer“. Er schreibt seine ersten Kompositionen: „Valse-Ballet“, „Fantaisie-Valse“.
Später, im Krisenjahr 1893, komponiert er „Vexations“ (Quälereien), eine sarkastische Abrechnung mit dem Kompositionsunterricht am Conservatoire. Vexations sind vier kurze Zeilen, die genau 840-mal wiederholt werden müssen, „très lent“. Für eine tatsächliche Aufführung war das Stück sicher nicht gedacht. In voller Länge erklang es erst Jahrzehnte später, 1965 in New York. John Cage ließ zehn Pianisten mitwirken bei der Uraufführung von „Vexations“, von denen jeweils einer die Bühne betrat, spielte, dann Platz machte für den Nachfolger und als Zähler fungierte, bevor er die Bühne wieder verließ. 18 Stunden dauerte die Performance.
Einerseits war es Erik ganz lieb, als Schüler des Conservatoire vom Militärdienst befreit zu sein; wie schrecklich andererseits die „Quälereien“ des Conservatoire ihm waren, lässt sich daraus ermessen, dass er sich, um ihnen zu entkommen, schließlich freiwillig zum Militär meldet. Jedoch, vom Regen in die Traufe: Der Drill in Arras wird ihm so hart, dass er auf heroische Weise sich entzieht: Er bleibt im Winter unbekleidet eine Nacht lang im Freien stehen: Pneumonie, Krankschreibung, Untauglichkeit, Entlassung. 1887 verlässt der 20-jährige Erik sein Elternhaus, ausgestattet mit einer hübschen Summe (1 600 Francs), und er zieht, zusammen mit Contamine de Latour, nach Montmartre, rue Cortot 6. Dies war schon die zweite Wohnung. Die erste, eine Etage, hatte er nur kurze Zeit; und er hatte alle angeschafften schönen Möbel wieder veräußern müssen. So unfachmännisch war er mit seinem Geld umgegangen, dass er schon bald auf dem Montmartre bekannt war als „Monsieur le Pauvre“.
Satie nimmt 1888, aus purer Geldnot, eine Anstellung im Kabarett „Chat Noir“ an, überwirft sich aber mit dem Inhaber nach einigen Monaten und findet eine neue Stelle in der Auberge du Clou. Er tritt der Sekte der „Rosenkreuzer“ bei und liefert eine Komposition: „Première pensée Rose + Croix“; ferner schreibt er seine ersten „Trois Gnossiennes“.
Die Auberge du Clou wird zu einem Ort der Begegnung. Hier beginnt 1891 die legendäre Freundschaft mit Claude Debussy, die bis zu Debussys Tod 1818 anhielt. Die beiden grundverschiedenen Männer haben sich intensiv ausgetauscht, und verdanken einander viel.
Bausteintechnik
Satie hat schon während der ersten fünf Jahre seines Komponierens eine vorher nie da gewesene Methode dafür entwickelt: Bausteintechnik. Die Musik ist nicht dynamisch, sie ist statisch, ein Klangband entsteht, ohne Anfang und ohne Ende, das ein akustisches Ambiente ergibt. Zu Saties unkonventioneller Schreibweise gehören Verzicht auf Takt und Metrum sowie auf die traditionellen italienischen Vortragsanweisungen, dafür aber das Einfügen kurioser Kurztexte zwischen die Notenzeilen. !
1893 wird zum Krisenjahr. Satie spürt deutlich die Unzulänglichkeit seiner musikalischen Ausbildung. Im Januar 1893 zieht eine junge Frau mit einem neunjährigen Jungen in das Atelier in der Rue Cortot ein, gleich neben
Erik Satie. Die Malerin Suzanne Valadon wird seine Freundin. In diesen Tagen komponiert Satie die „Danses gothiques“, in seinem neogregorianischen Stil. Am 20. Juni ging Satie zur Polizei. Er hatte die einzige große Liebe seines Lebens, Suzanne Valadon, von Eifersucht und Schwermut umnebelt, aus dem Fenster geworfen. Sie hat ihr Mitleid nicht an einen Trinkenden verschwendet, und so ist sie am Leben geblieben und hat später eines ihrer schönsten Bilder malen können, das Porträt ihres Sohnes Maurice Utrillo.
Hatte Satie sein irdisches Glück nun vorerst vertrunken und vertan, so war ihm am himmlischen umso mehr gelegen – so sehr, dass er eine eigene Kirche gründete: Die „Eglise Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteur“, mit ihm selbst als Vorsitzenden. Zentrum des Ordens war seine Kammer in der Rue Cortot. Den Veranstaltungen seiner Sekte wohnte er ganz allein bei; ja er lud sich selbst postalisch dazu ein, oder er sagte ab. Er schreibt in der Baukastentechnik eine
„Messe des pauvres“ für die Zeremonien seiner Kirche, kommt aber nicht recht damit voran und lässt diese Armenmesse 1895 als Fragment liegen.
Sieben Cordanzüge
1896 wirft Satie seine Priesterroben auf einen Haufen und verbrennt sie. Dann kauft er sich sieben gleiche schlichte Cordanzüge: die er die nächsten neun Jahre ausschließlich tragen wird. 1908 wird er dem Comité Radical-Socialiste in Arcueil angehören, 1914 der Sozialistischen und 1920 der Kommunistischen Partei. 1898 hatte Satie im Arbeitervorort Arcueil, im grauen „Maison des quatre Cheminées, rue Cauchy 22, eine Kammer bezogen, die sein blieb bis zum Lebensende; niemandem, nicht einmal dem Concierge, gewährte er Zutritt. Er hat nicht nur gehungert, er hat auch gefroren. Sein Freund, der Montmartre-Chansonnier Vincent Hyspa, engagiert ihn als Lohnklimperer.
1903 kommt Satie heraus mit einer Art Retrospektive seiner musikalischen Ideen der letzten zehn Jahre, den „Trois morceaux en forme de poire“. Es ist erstklassige Salonmusik, die zum Repertoire jedes Pianisten gehört. Er findet mit diesen Stücken zu einem musikalischen Charakter, der allein für ihn typisch ist und der ihn so beliebt und so umstritten gemacht hat, zur Symbiose von Feierlichkeit und Chanson, von Esoterik und Schlager, von E- und U-Musik. Satie vertauscht nun, 1905, seine „Velvet gentleman“-Tracht mit einer „Bürokraten-Uniform“, zu der Bowler-Hut, steifer Kragen und Regenschirm gehören. Die Wandlung ist keineswegs nur äußerlich: fast 40 Jahre alt, schreibt er sich ein an der Schola Cantorum, studiert Kontrapunkt unter Albert Roussel und Orchestration unter Vincent d’Indy. Der Erfolg gibt ihm Recht: 1908 erhält er das Abschlusszeugnis der Schola: „Sehr gut“.
In den Jahren 1908 bis 1912 komponiert er „Aperçus Désagréables“ („Unangenehme Einfälle“). Sie zeigen, wie wenig die Schule seiner Originalität Abbruch hat tun können. In den Jahren 1911 bis 1913 geht es endlich mit Anerkennung und Publizität voran, weil andere Künstler sich für Satie einsetzen. Maurice Ravel und Ricardo Viñes spielen in einem Konzert in Paris Werke von Satie. Junge Künstler und Schreiber interessieren sich für Satie, der beginnt ein literarisches Selbstporträt zu schreiben und (1912) in Fortsetzungen zu veröffentlichen: „Mémoires d’un amnésique“. Er schreibt in den Jahren 1912 bis 1915 mehr als 50 „Fantasie“-Stücke für den Vortrag durch Viñes. Höhepunkt sind „Sports et Divertissements“.
Leberzirrhose
1915 begegnet er Jean Cocteau, der die „Morceaux en forme de poire“ in der vierhändigen Interpretation von Satie und Viñes vorgetragen hört und begeistert ist. Bereits 1916 schlägt der blutjunge
Jean Cocteau, von der Front verwundet zurückgekehrt, ein gemeinsames „Ballet Parade“ vor. Diaghilev mit seinem Russischen Ballett würde es aufführen, Picasso Kostüme und Bühnenbilder liefern. Für die Musik käme nur Satie in Betracht. Die Premiere von „Parade“ war ein Ereignis. Saties Orchestrierung brach mit allen Konventionen. „Parade“ ging über die Bühne wie ein musikalischer Urknall, gefolgt von Entrüstung und Skandal. Im kleinen Kreis schon 1918 präsentiert, wurde Saties „Socrate“, ein sinfonisches Drama mit Singstimme, 1920 uraufgeführt. Im Jahr 1922 ist Satie noch als ständiger Mitarbeiter in literarischen und künstlerischen Zirkeln in Montparnasse aktiv. Aber zwei Balletts aus seinem letzten Lebensjahr, „Mercure“ und „Relâche“, waren totale Flops.
Die einmalige Originalität des Menschen und Künstlers Erik Satie scheint mit seinem alltäglichen Krankheitsschicksal zu kontrastieren: der Alkoholkrankheit. Nach der Premiere von „Relâche“ wurde Satie schwer krank. Die Ärzte stellten eine Leberverhärtung fest. Freunde besorgten ihm ein Hotelzimmer in Paris. Immer mit Hut und Mantel bekleidet, den Regenschirm in der Hand, saß er dort und verbrachte seine Tage damit, sich im gegenüberliegenden Spiegel zu betrachten und dabei den Riegel seiner Tür vermittels eines komplizierten Arrangements von Schnüren zu bedienen. Er war so vom Telefon irritiert, dass die Freunde es vermieden, ihn anzurufen, aber dafür besuchten sie ihn häufig. Brancusi, Wiener, Désormière, Milhaud und Caby, ein junger Komponist, waren ständig um ihn. Caby pflegte Satie mit unglaublicher Ergebenheit und nahm die oft ungerechtfertigten Wutausbrüche des Kranken geduldig hin. Sechs Monate geht es so. Dann stirbt Erik Satie am 1. Juli 1925 im Hôpital Saint Joseph in Paris. An Leberzirrhose, kompliziert durch Pleuritis, heißt es. Dr. med. Timm Ludwig

Im Krisenjahr 1893 komponiert Satie „Vexations“ (Quälereien), eine sarkastische Abrechnung mit dem Kompositionsunterricht am Conservatoire. Vexations sind vier kurze Zeilen, die genau 840-mal wiederholt werden müssen, „très lent“.
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