ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2000Johanniskraut: Nur geprüfte Präparate verwenden

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Johanniskraut: Nur geprüfte Präparate verwenden

Dtsch Arztebl 2000; 97(34-35): A-2255 / B-1765 / C-1608

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Eine Metaanalyse von verschiedenen klinischen Studien mit Johanniskraut-Extrakten aus den Jahren 1979 bis 1994 bei depressiven Patienten ergab, dass leichte bis mittelschwere Depressionen gut ansprechen: Die Responder-Quote betrug 55 Prozent im Vergleich zu Placebo mit 22 Prozent. In sieben jüngeren Studien, die methodisch einwandfrei waren und seit 1996 durchgeführt wurden, zeigte sich sogar eine Responder-Quote von 61 Prozent im Vergleich zu Placebo mit 35 Prozent, berichtete Prof. Gregor Laakmann (München) bei einer Pressekonferenz des Komitees Forschung Naturmedizin in München.
In der Metaanalyse wurden auch drei Vergleichsstudien berücksichtigt, in denen der antidepressive Effekt von Hypericum-perforatum-Extrakten mit denen von synthetischen Andidepressiva wie Amitriptylin, Imipramin und Maprotilin verglichen wurde. Die Ergebnisse waren überzeugend: Mit einer Responder-Quote von 64 Prozent waren die Johanniskraut-Extrakte mindestens ebenso gut wirksam wie die synthetischen Antidepressiva mit 58 Prozent.
Nach 1996 wurde in fünf Vergleichsstudien das Phytopharmakon in seiner antidepressiven Wirkung mit Amitriptylin, Imipramin und Fluoxetin gemessen. Auch hier zeigten sich vergleichbare Ansprechraten mit 53 Prozent für Hypericum-perforatum-Präparate und 52 Prozent für die synthetischen Antidepressiva. Ein deutlicher Unterschied war jedoch in allen Vergleichsstudien aufgefallen: Die Johanniskraut-Extrakte seien viel besser verträglich gewesen als die synthetischen Medikamente, betonte Laakmann.
Ein großer Teil der Johanniskraut-Präparate wird bei leichten bis mittelgradigen Depressionen nach den Diagnose-Kriterien ICD-10 beziehungsweise DSM IV verordnet. Wie Prof. Reinhard Saller (Zürich) berichtete, werden Johanniskraut-Zubereitungen häufig auch bei depressiven oder als depressiv gedeuteten Episoden eingenommen, die nicht die Kriterien einer Depression im Sinne von ICD-10 beziehungsweise DMS IV erfüllen. Solche Verstimmungen sind seiner Einschätzung nach ein wichtiger Anlass für die Einnahme von Johanniskraut-Präparaten.
Das Nebenwirkungspotenzial der Johanniskraut-Präparate ist niedrig. Eine relevante unerwünschte Arzneimittelwirkung kann nach hohen Dosen Fotosensibilisierung sein. Typisch dagegen ist, dass diese Phytotherapeutika eine Manie auslösen können; dieser Effekt gilt sogar als Wirksamkeitsnachweis.
Ob Hypericum-Zubereitungen ein so genanntes Serotonin-Syndrom provozieren können, ist noch fraglich. Es äußert sich in zentraler Erregung bis zu Bewusstseinstrübung, in erhöhtem Muskeltonus, Myoklonie, Zittern und vegetativen Störungen. Risiken mit einer Johanniskraut-Therapie könnten aber dann auftreten, wenn ungenügend geprüfte Präparate verwendet würden und wenn die Gefahr von Arzneimit-
tel-Interaktionen missachtet werde, betonte Prof. Walter E. Müller (Frankfurt/Main). Über 40 Präparate sind im Handel, und alle erheben den Anspruch auf gleiche therapeutische Wirksamkeit, auch die weniger gut geprüften Extrakte.
Als krasses Beispiel nannte Müller verschiedene Präparate, die mit einer Einmal-Tagesdosis von 400 bis 600 mg werben. Dass einmal 600 mg nicht zwangsläufig das Gleiche ist wie dreimal täglich 300 mg, zumal die Extrakte häufig noch unterschiedlich sind, muss jedem einleuchten, der sich mit Pharmakologie, Bioäquivalenz und Bioverfügbarkeit auskennt.
Dem Arzt, der seine depressiv kranken Patienten nicht mit einem relativ teuren Placebo behandeln will, rät Müller, nur Präparate zu verschreiben, für die die Hersteller Daten zur Wirksamkeit vorlegen können, die in kontrollierten Studien gewonnen wurden. Das sind zum Beispiel: Futuran®, Helarium®, Jarsin®, Laif®, Neuroplant® und Psychotonin®.
Relevante Risiken
Da Johanniskraut-Wirkstoffe über eine Induktion des Cytochrom-P450-Systems in der Leber metabolisiert werden, vor allem über CYP 3 A/4, und möglicherweise auch p-Glykoprotein induziert wird, können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht ausgeschlossen werden, die auf ähnliche Weise metabolisiert werden. Ob diese Mechanismen aber wirklich der Grund für die beobachteten Arzneimittel-Interaktionen sind, ist noch nicht geklärt. Jedenfalls können Johanniskraut-Extrakte mit Substanzen wie Cyclosporin, Warfarin und Theophyllin interagieren, deren Serumspiegel können sich verändern.
Das gilt auch für den Proteaseinhibitor Indinavir, der in der antiretroviralen Therapie eingesetzt wird. Auch die Serumkonzentration des trizyklischen Antidepressivums Amitriptilyn sinkt unter der Gabe von Johanniskraut-Extrakten um etwa 20 Prozent ab, die Serumkonzentration von Digoxin kann dagegen leicht ansteigen. Patientinnen, die ein orales Kontrazeptivum einnehmen, sollten auf das möglicherweise leicht erhöhte Risiko von Zwischenblutungen hingewiesen werden, vor allem, wenn die „Pille“ Ethinylestradiol und Desogestrel enthält. Siegfried Hoc

Blühendes Johanniskraut Foto: BPI/Krzeslack
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