ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2000Mobilfunkstrahlung: Neue Diskussion um Gefährdung

POLITIK

Mobilfunkstrahlung: Neue Diskussion um Gefährdung

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): A-2277 / B-1945 / C-1829

Rabbata, Samir

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Studien deuten auf zu hohe Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung hin.

N euere Untersuchungen deuten auf zu hohe Grenzwerte für die Mobilfunkstrahlung in Deutschland hin. „Es gibt gewichtige Hinweise aus Tierversuchen, dass die Strahlen auch unterhalb der gültigen Grenzwerte schädigen können“, sagt Professor Dr. med. Heyo Eckel, Präsident der Ärztekammer Niedersachsen und zugleich Vorsitzender des Ausschusses „Gesundheit und Umwelt“ der Bundes­ärzte­kammer. „Wir fordern das Bundesamt für Strahlenschutz auf, sich mit den seriösen wissenschaftlichen Ergebnissen auseinander zu setzen.“
Die Mobilfunkbetreiber räumen ein, dass für eine flächendeckende Versorgung mit der neuen Mobilfunktechnologie „UMTS“ (Universal Mobile Telecommunicators System) eine Verdichtung der Sendeanlagen in Deutschland notwendig ist. „Wir rechnen damit, dass langfristig in Deutschland bis zu 60 000 neue Antennen errichtet werden müssen“, erklärt Michael Rebstock von Viag Interkom gegenüber dem ARD-Magazin „Report“ (Mainz). Die möglichen Folgen der stärker werdenden Belastung durch Mobilfunkstrahlen sind kaum zu überblicken. BÄK-Vorstandsmitglied Eckel warnt: „Skandinavische Versuche haben gezeigt, dass die Blut-Hirn-Schranke, also die Mauer, die normalerweise zwischen Blut und Hirn besteht, durch Strahlungen für bestimmte Eiweißstoffe durchlässiger wird.“ Es sei nicht auszuschließen, dass es zu Schäden im Erbgut kommen könne, gab Eckel zu bedenken.
Nach Informationen von „Report“ geben eine Reihe von Studien Hinweise auf mögliche Gefahren durch Mobilfunkstrahlen. So bemerkten Bauern im bayerischen Schnaitsee auffällig oft Verhaltensstörungen und Missbildungen bei Tieren, die in unmittelbarer Nähe zu Mobilfunkanlagen gehalten wurden. Professor Wolfgang Löscher von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover hat sich damit befasst und sagt: „Auffällig ist der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Errichten von Mobilfunksendern und dem erstmaligen Auftreten dieser Störungen in ansonsten gesunden Betrieben.“
Anders das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter: „Die Grenzwerte berücksichtigen bereits im hohem Maße den Vorsorgegedanken gegenüber der Bevölkerung. Nach heutigem Kenntnisstand sind gesundheitliche Gefährdungen auszuschließen“, erklärte Dr. Jutta Brix vom Institut für Strahlenhygiene des Bundesamtes. Dagegen stützt sich die Bundes­ärzte­kammer auf Ergebnisse einer internationalen Tagung zu Mobilfunksendeanlagen Anfang Juni dieses Jahres in Salzburg.
In einer Resolution warnen die Fachleute vor möglichen Gefahren wegen zu hoher Grenzwerte. „Es wird empfohlen, für bestehende und künftige Mobilfunksendeanlagen alle technischen Möglichkeiten auszunutzen, um eine möglichst niedrige Exposition von Anrainern zu gewährleisten. Die Beurteilung von biologischen Wirkungen im Niedrigdosisbereich, ausgehend von Mobilfunksendeanlagen, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwierig, jedoch zum vorbeugenden Schutz der öffentlichen Gesundheit dringend erforderlich“, heißt es. In der Schweiz ist im Januar 2000 ein Gesetz zur Senkung der Grenzwerte in Kraft getreten. In Skandinavien und Österreich werden entsprechende Gesetzesnovellen vorbereitet. Samir Rabbata


Die Verbreitung von Handys schreitet schnell voran. Die neue UMTS-Technik lässt auf weiteres Wachstum schließen. Foto: BilderBox
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema