ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2000Krankenhaus-Kongress: Immun gegen Kritik

POLITIK

Krankenhaus-Kongress: Immun gegen Kritik

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): A-2277 / B-1945 / C-1829

Flintrop, Jens

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LNSLNS Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium zeigt kein Verständnis für die Rationierungsdebatte.

Zum Diskutieren ist Georg Baum, Unterabteilungsleiter im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), nicht im Kölner Maritim-Hotel erschienen: Zu viele Betten, zu hohe Verweildauern, zu wenig ambulante Operationen, ein überproportionaler Anstieg der „weichen“ Indikationen wie Bauchschmerzen oder Schwindel – die Überversorgung im Krankenhaus sei doch überall sichtbar, wie könne da jemand von Rationierung medizinischer Leistungen reden, erklärte Baum beim
3. Kölner Krankenhaus-Kongress. Aufgrund der Tagespflegesätze sei die Überversorgung im Krankenhausbereich „systemimmanent“. Rationierung in dem Sinne, dass medizinisch Notwendiges aus Geldknappheit nicht mehr angeboten wird, könne es in einem Land, in dem jährlich 260 Milliarden DM in die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung fließen, schlicht nicht geben.
Darauf angesprochen, dass den Krankenhäusern in den letzten Jahren zusätzliche Aufgaben wie Maßnahmen zur Qualitätssicherung oder die ICD-10-Codierung aufgebürdet worden seien, ohne dass mehr Geld oder Personal bewilligt wurde, antwortete Baum nur lapidar: „Nutzen Sie die vorhandenen Ressourcen besser, mobilisieren Sie Wirtschaftlichkeitsreserven!“ Harscher seine Antwort auf die Frage, ob es für die Krankenhäuser nun endlich wieder ein gewisses Maß an Planungssicherheit gebe: „Das hängt von Ihrer Bereitschaft ab, sich flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen einzustellen.“ Ende der Fragestunde. Die etwa 250 Teil-nehmer der Eröffnungsveranstaltung merkten schnell, dass Baum nicht gekommen war, um Versöhnungswillen aus dem BMG zu übermitteln.
Dementsprechend direkt auch die Worte von Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, der sich jüngst erst für einen „runden Tisch“ im Gesundheitswesen ausgesprochen hatte: „Die Politik macht es sich zu einfach, wenn sie immer nur auf die angeblich vorhandenen Rationalisierungspotenziale im Krankenhausbereich verweist. Die heutige Krankenhauslandschaft ist schließlich einmal politisch gewollt gewesen.“
Gefahren der Öko­nomi­sierung
Kein Verständnis zeigte Hoppe auch für Baums Vorwurf, in Deutschland würde ein im internationalen Vergleich zu großer Anteil des Bruttoinlandsproduktes (BIP), nämlich 10,8 Prozent, in die Krankenhäuser fließen. Der Vergleich sei unfair, weil sich erst durch die Wiedervereinigung ein Anstieg von damals acht Prozent auf die heutigen 10,8 Prozent ergeben habe. Verantwortlich für den Zuwachs sei das im Verhältnis gesunkene BIP des vereinigten Deutschlands. „Sonst lägen wir immer noch bei acht Komma irgendwas Prozentpunkten“, sagte Hoppe.
Der Bundes­ärzte­kammerpräsident verwies auch auf die Gefahren, die eine Entstaatlichung des Krankenhaussektors und die damit verbundene Öko­nomi­sierung mit sich bringen könnten. Gerade die Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups, DRGs) in der australischen Version habe es in sich und könne dazu führen, dass einige Patientengruppen und Therapieformen für eine Klinik unattraktiver würden. Fraglich sei auch, was dann mit strukturschwachen Regionen passiere. Jens Flintrop

Die Universitätskliniken Köln veranstalten den Krankenhaus-Kongress. Foto: Universität zu Köln
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