ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 4/2000Vernetzte Informationen im Gesundheitswesen: Wenn Arzt und Patient zu Partnern werden

Supplement: Praxis Computer

Vernetzte Informationen im Gesundheitswesen: Wenn Arzt und Patient zu Partnern werden

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): [2]

Elsner, Christian; Kottkamp, Hans; Hindricks, Gerhard; Wolf, Armin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wissens- und Erfahrungsvernetzung erlangen besonders durch das Internet großen
Aufschwung. In keinem anderen Medium ist es so einfach, weltweit durch Suchraster und
Kommunikationswerkzeuge gleichgesinnte Interessengruppen zu finden und Informationen
auszutauschen. Für den „Markt Gesundheit“ hat dies durch
Erfahrungsvernetzung starke
Auswirkungen auf den sozialen und wissenschaftlichen Bereich.
Herkömmliche „Märkte“ in der Wirtschaft erlaubten bisher eine Beurteilungen von Dienstleistungen oder Gütern meist nur von Anbietern in Richtung der Kunden. Gegengerichtete Kommunikation kommt in diesem Modell nur stichprobenartig zustande, Erfahrungsaustausch unter Kunden findet nicht statt.
Vernetzte Verbrauchergemeinschaften hingegen ermöglichen es, innerhalb einer Interessengruppe schnell und unkompliziert zu kommunizieren. In der Folge können Bewertungen auf der Ebene derjenigen vorgenommen werden, die einen objektiven Erfahrungsschatz bezüglich vorliegender „Produkte“ besitzen. Die Interessengemeinschaft der Kunden verfügt damit über ein wirkungsvolles Instrument, Erfahrungen innerhalb einer gleichberechtigten Gruppe gezielt auszutauschen (1).
Virtuelle Patientengemeinschaften
Der Gesundheitsmarkt gehorcht eigenen Gesetzen – marktwirtschaftliche Verhaltensregeln lassen sich hierauf nicht oder nur schwer übertragen (2). Eine Vernetzung der Interessengruppe „Patient“ kann und soll daher nicht dazu dienen, zum Beispiel Kennzahlen und Statistiken einzelner Krankenhäuser zu vergleichen und hieraus Bewertungen abzuleiten (3).
Was aber lässt sich für den „Markt Gesundheit“ erkennen? Allgemein entsteht dem Verbraucher – im Gesundheitsmarkt dem Patienten – aus der engen Interaktion eigener Interessengruppen ein erheblicher Informationsgewinn: Der enge Austausch mit „Leidensgenossen“ hilft, eigene Erfahrungen leichter zu bewerten und zu artikulieren.
Das Internet hat sich als Markt solcher Interaktion und Kommunikation in den letzten Jahren etabliert – die ersten virtuellen Patientengemeinschaften wurden dabei von AIDS-Patienten geformt (4, 5), die das Netz nutzten, um sich über neue Medikamentenentwicklungen und Erfahrungen mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Am Extrembeispiel dieser ersten Patientengemeinschaften im Netz lässt sich neben den positiven Aspekten der Vernetzung jedoch auch die Gefahr eines derartig offenen Informationsaustausches aufzeigen: Wie kann der einzelne Patient die gebotene Information bewerten und richtig nutzen? Wie schafft man Wegweiser und Instanzen, die richtige Informationen von falschen oder gefährlichen Informationen trennen?
Eine mögliche Antwort ist die „Aufklärung“ darüber, wo valide und verlässliche Information zu bestimmten Themen zu finden sind, wo es zum Beispiel geeignete virtuelle Selbsthilfegruppen gibt, die durch kompetentes Fachpersonal geführt werden. Solche Instanzen sollten idealerweise von den behandelnden Ärzten empfohlen und vermittelt werden.
Eine Antwort gibt auch Professor Alejandro Jadad von der kanadischen McMaster Universität: Nachdem ein Mädchen aus British Columbia eine Website zu ihrer Krebskrankheit erstellt hatte und damit in kurzer Zeit etwa zehnmal soviel Besucher wie die Homepage der McMaster Universität selbst hatte, trat er die Flucht nach vorne an: In seinen Mitarbeiterkreis holte er mehrere Patienten, die gleichberechtigte Partner in Forschungsprojekten zum Thema „Internet und Patient“ sind und beispielsweise mitentscheiden, welche Informationen auf eine Website gelangen (6).
Gefahr für Patienten geht aus dieser Sicht von (virtuellen) Gemeinschaften immer dann aus, wenn sich die Kommunikation vom Arzt löst und dieser nicht mehr als Partner gesehen wird. Finden beide Parteien jedoch den richtigen Platz und verfügen über Erfahrungen und Einschätzungen innerhalb dieser Patientengemeinschaften, so kann von einem äußerst fruchtbaren Zusammenspiel ausgegangen werden.
Die Erfahrungen zum Beispiel mit dem INKA-Netz (Informationsnetz für Krebspatienten und Angehörige) sind durchweg positiv – der psychologische Effekt auf die Krankheitsgruppe der Krebskranken ist enorm: So zeigen anonyme Unterhaltungen innerhalb dieser Kreise eine starke Wirkung auf die Patienten, die sich daraufhin teils erheblich leichter öffnen und lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen (7, 8).
Vernetzung statistischer Daten
Vernetzung im Gesundheitswesen eröffnet jedoch nicht nur auf der Ebene sozialer Interaktion zwischen Interessengruppen neue Wege. Besonders in der schnellen Akquirierung und Zusammenführung wissenschaftlich-statistischer Daten im Sinne einer Evidence-Based-Medicine wird ein extrem hohes Potenzial gesehen (9).
So können Daten über exakte Indikationsstellungen und Therapieerfolge verschiedener Behandlungsregimes in Form von multizentrischen Studien mit randomisierten Patientenkollektiven helfen, Therapiestandards zu verbessern: Bei einer Krebsneuerkrankungsrate von 200 000 p. a. in Deutschland existieren genug Patientenkollektive, Behandlungsregimes kommen in vielfältiger Weise zum Einsatz. In Deutschland befindet sich dennoch nur ein sehr geringer Anteil von Krebspatienten in kontrollierten Studien.
Warum können Behandlungen und erhobene Daten nicht besser vor und nach einer Therapie koordiniert werden? Ein Grund liegt sicherlich im Mangel an Personal, hindern doch staatlich regulierte Abrechnungsziffern die Einstellung von weiterem Personal: Studienleistungen sind gegenüber Kostenträgern nicht abrechenbar. Auch die Aufwandsentschädigungen der Industrie decken bei weitem nicht den Aufwand bei manueller Erfassung und Protokollierung. Das Hindernis liegt jedoch auch in einer fehlenden Infrastruktur und der zeitkritischen Logistik, den Prozess einer solchen Koordination zu unterstützen und Daten „zur rechten Zeit am rechten Ort“ zur Verfügung zu stellen.
Auch in diesem Zusammenhang stellt die Vernetzung mit dezentraler Datenkollektion und zentraler Datenspeicherung, Verarbeitung und Wiederausgabe eine Lösung dar. Medien wie das Internet eröffnen hierbei vollkommen neue Wege, da sehr einfach die vorhandene Infrastruktur genutzt werden kann. Im Krankenhausbereich wird gerade begonnen, diese Tools zu nutzen, aber im Bereich der Niedergelassenen muss diese Vernetzung künftig noch viel weiter in die vorhandenen Praxissysteme reichen. Auf diesem Weg könnten dann zum Beispiel für Patienten sofort bei der Eingabe über eine zentrale Datenbank bestimmte Studienregimes und Studien vorgeschlagen werden.
Chancen und Risiken der
Vernetzung
Nach einer aktuellen Studie glauben in Kanada weit über 90 Prozent der Patienten und 80 Prozent der Ärzte, dass die Informationstechnologie das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten verbessert.
Jedoch verhält es sich eben nach dieser kanadischen Studie so, dass zurzeit nicht einmal jeder zehnte Patient, der sich Informationen über seine Krankheit aus dem Internet holt, darüber mit seinem Arzt spricht. Jeder zweite jedoch zeigt diese Freunden und Angehörigen und diskutiert mit ihnen darüber. Weiter würde ein Drittel der Patienten, die das Internet bisher nicht nutzen, damit beginnen, wenn ihnen der Arzt dazu rät (6).
Der Schritt weg von der althergebrachten ärztlichen Aufklärung sollte künftig verhindern, dass Informationseliten entstehen. Im Internet kommen sich Fachleute und Laien näher als je zuvor: Erstmalig bewegen sich beide Gruppen im selben Medium. Für den Patienten kann das Netz dabei als große Ressource medizinischer Informationen und Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit gleichen Interessengruppen gesehen werden. Vorsicht muss jedoch bei der Bewertung von Informationen herrschen – vor gefährlichen Falschinformationen kann nur ein partnerschaftliches Verhältnis von Patientengruppen und dem Arzt als Moderator schützen.
„Soziale“ Vernetzung im Gesundheitswesen sollte im Idealfall nicht zu einer Divergenz, einem „gegeneinander Arbeiten“ zwischen den Gruppen führen. Vernetzung im Gesundheitswesen sollte zu einer Plattform der intensivierten Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten führen.
Auf dem Gebiet der „logistischen“ Vernetzung statistischer Krankheitsdaten sind die Verhältnisse klarer: Datenpools, die ohnehin schon zur Verfügung stehen und derzeit teils umständlich über Wege mit mehrfacher manueller Datenübertragung kommuniziert werden, können künftig einfacher vernetzt werden. „Brachliegendes“ medizinisches Wissen kann auf diesem Weg leicht aktiviert werden – neues Wissen wird leichter akquirierbar: Im Bereich der niedergelassenen Ärzte steht die Vernetzung bisher noch am Anfang. Kleinere Praxisnetze haben sich bereits gebildet, doch kann eine sinnvolle Vernetzung nur auf der Basis eines globalen Netzes stattfinden. Obgleich das Internet eine ideale Plattform für diese Vernetzung ist, sind auch hier noch erhebliche Arbeiten zu leisten: Standards, Sicherheitslösungen und Zugriffsrechte müssen noch genau spezifiziert werden, Nutzergruppen müssen künftig mehr geschult werden.
Christian Elsner, Hans Kottkamp, Armin Wolf, Gerhard Hindricks

Literatur
1. Hagel III J, Armstrong AG: Profit im
Netz – Netgain, Gabler 1998
2. Raem AM, Schlieper P: Der Arzt als
Manager, Urban und Schwarzenberg
1995
3. University of Melbourne, Course on
Health Economics, http://ariel.unimelb.edu.au/chpe/edn/heu/sub1.html
4. Jeffrey T., Huber Phd: HIV/AIDS In-
ternet Information Sources and Re-
sources, Haworth (T) 1998
5. John Hopkins University AIDS Ser-
vice, http://www.hopkins-aids.edu
6. Jadad A: Consumers and the Internet, J
Med Internet Res 1999; 1 suppl 1):e3
7. INKA-Netz (Informationsnetz für
Krebspatienten und Angehörige),
http://www.inkanet.de
8. Dworschak M: Im Netz der Hoffnung,
Die Zeit, Nr. 17/99
9. Phaseforward Inc., http://www.phaseforward.com
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema