ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2000Frischzellentherapie: Abgeschoben

POLITIK: Kommentar

Frischzellentherapie: Abgeschoben

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): A-2284 / B-1972 / C-1837

Hopf, Günter

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LNSLNS Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes wirft Probleme auf.

Aus formalen Gründen hat das Bundesverfassungsgericht das von Horst Seehofer erlassene Verbot der Frischzellentherapie aufgehoben (DÄ, Heft 8/2000). Der frühere Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter hatte seine Kompetenzen überschritten, denn Arzneimittel, die ein Arzt selbst herstellt und selbst beim Patienten anwendet, werden nicht in den Handel gebracht; sie fallen somit nicht unter das Arzneimittelgesetz. Zuständig für die Kontrolle dieser „Arzneimittelherstellung“ sind die Bundesländer.
Befürworter der „Therapie“ feiern das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nun als „Sieg für die Medizin“ und halten ein 34-seitiges Gutachten der Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) durch eine Stellungnahme des „Bundesverbandes Deutscher Ärzte für Frischzellentherapie“ für widerlegt.
Durch diese „Xenotransplantation“ mag das unspezifische Immunsystem eines Menschen stimuliert werden. Jedem immunologisch einigermaßen Vorgebildeten ist jedoch klar, dass das Einbringen von tierischem immunogenem Material in den menschlichen Körper außerhalb der natürlichen Verdauungswege nur wenig vorhersagbare Abwehrreaktionen des Körpers erzeugt. Sind sie mild, so ist es ein „Therapieerfolg“. Führen sie zu verzögert auftretenden systemischen Überempfindlichkeitsreaktionen (zum Bespiel Leukoenzephalopathie oder Polyneuritiden), so ist ein Kausalzusammenhang mit der Frischzelltherapie nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Nach Auffassung kompetenter Immunologen sind insbesondere Patienten mit bestehenden oder latenten Immunerkrankungen gefährdet.
Der entpersonalisierten Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) – früher hieß sie Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamten der Länder – ist das Thema „Verbot der Injektion von tierischen Frischzellen“ anscheinend zu heiß. Sie will die Lan­des­ärz­te­kam­mern in die Überwachung dieser Außenseitermethode einbinden. Die zuständigen Länderbehörden ziehen mit. Zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen sollen die beiden Ärztekammern Ärzte registrieren, die Frischzellen anwenden, in Hessen soll die Ärztekammer alle auftretenden Zwischenfälle an das zuständige Landesgesundheitsministerium weiterleiten. Die Überwachung der Herstellung von Arzneimitteln ist jedoch eindeutig Aufgabe der zuständigen Länderbehörden.
Allein die Registrierung von „Frischzelltherapeuten“ durch Ärztekammern würde eine Aufwertung dieser wissenschaftlich umstrittenen, von der obersten Arzneimittelüberwachungsbehörde als bedenklich bezeichneten Methode bedeuten. Mit dem gleichen Recht müssten dann auch andere Alternative wie die Bioresonanzler, die Sauerstoffmehrschrittler, die Bachblütler, die Eigenuringenießer registriert werden, denn alle diese „Therapien“ werden dann gefährlich, wenn effektive medizinische Methoden versäumt werden.
Die saubere Lösung, nämlich landesgesetzliche Verbote der Frischzelltherapie, könnte sich auf den Sachverstand des BfArM beziehen. Seit dem Contergan-Prozess genügt ein begründeter Verdacht einer möglichen Gefährdung von Patienten, um vonseiten der Behörden tätig werden zu können. Dr. med. Günter Hopf
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