ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 4/2000Telematikprojekte in Bayern: Telemedizin setzt sich durch

Supplement: Praxis Computer

Telematikprojekte in Bayern: Telemedizin setzt sich durch

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): [27]

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Bayern spielt eine Vorreiterrolle bei der Erprobung und
Anwendung neuer Technologien im Gesundheitswesen. Jüngste Beispiele sind ein Telemonitoring-Projekt im Bereich der
Pneumologie sowie das
Telekonsultations- und
Informationssystem ENDOTEL
für die Endoskopie.
Telemedizin hat in Deutschland den Projektstatus in vielen Bereichen noch nicht verlassen und ist nach wie vor auf finanzielle Förderung angewiesen. Die Bayerische Staatsregierung hat im Rahmen des Sonderprogramms „Bayern Online“ beispielsweise bislang rund 3,8 Mio. DM für Telemedizin-Projekte bereitgestellt – ein Zeichen für den hohen Stellenwert, der diesem Bereich beigemessen wird. Im April 1999 hatte das Bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­terium zudem eine Umfrage unter den Krankenhäusern des Freistaates zum Stand der Telemedizin durchgeführt. An der Umfrage beteiligten sich 287 Krankenhäuser von insgesamt 352 bayerischen Kliniken. Im Einzelnen ergab sich, dass 63 der an der Umfrage teilnehmenden Häuser telemedizinische Anwendungen nutzen; bei weiteren 30 Kliniken sind Applikationen im Aufbau und bei 48 zumindest geplant. Die Liste der laufenden, im Aufbau befindlichen und geplanten Anwendungen führen mit Abstand die Bereiche Telekonsultation und Teleradiologie an. Zehn Prozent der Krankenhäuser sind darüber hinaus bereits an ein medizinisches Netzwerk angeschlossen – insgesamt plant dies rund ein Drittel der Kliniken (91 von 287).
Ein Ende 1999 gegründetes Expertengremium „Plattform Telemedizin in Bayern“ soll – quasi als regionaler Spiegel des auf Bundesebene agierenden „Aktionsforums Telematik im Gesundheitswesen“ (ATG) – Erfolg versprechende Ansätze im Freistaat weiter vorantreiben.
Telemonitoring in der Pneumologie
In Donaustauf bei Regensburg ist seit Ende Juni das auf fünf Jahre angelegte Projekt zur telemedizinischen Betreuung chronisch lungenkranker Patienten angelaufen. Die herkömmliche Lungenfunktionsmessung soll dabei von der Arztpraxis in das Heim des Patienten verlagert werden. Die wichtigsten Ziele des Projektes sind:
m die Lebensqualität der Patienten deutlich zu verbessern,
m stationäre Einweisungen oder unnötige Hausbesuche zu vermeiden,
m den Medikamentenverbrauch zu verringern,
m Behandlungskosten einzusparen.
Patienten mit chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen wie obstruktiver Bronchitis, Asthma bronchiale und obstruktivem Lungenemphysem können mit Hilfe eines elektronischen Spirometers bei akuten Beschwerden ihre Lungenfunktion selbst messen und die Daten per Telefon und Modem oder über ein Mobiltelefon (GSM oder Satellit) mit entsprechender Schnittstelle an die Klinik für Atemwegserkrankungen übertragen. Dieser Vorgang ist für den Patienten ähnlich einfach wie eine Blutdruckmessung durchzuführen und dauert nur wenige Sekunden.
In der rund um die Uhr besetzten Leitstelle des Krankenhauses wird die Spirometrie anschließend unmittelbar ausgewertet, mit den Referenzdaten des Patienten abgeglichen und in der Krankengeschichte dokumentiert. Bei Bedarf kann der diensthabende Arzt weitere Schritte einleiten, etwa bei einer Krise dem Patienten Verhaltsmaßregeln bis zum Eintreffen des Notarztes geben oder ihm empfehlen, einen niedergelassenen Arzt aufzusuchen. Über die aus den Daten erstellten Verlaufskurven lassen sich Aufschlüsse über die Wirksamkeit von Medikamenten oder sonstiger Therapiemaßnahmen gewinnen.
Im Krankenhaus sind zwei Ärzte und sechs technische Assistenten für das Projekt zuständig. Rund dreißig niedergelassene Ärzte (Lungenfachärzte, Internisten, Hausärzte) sollen bis Ende des Jahres als teilnehmende Partner des aufzubauenden Netzwerkes gewonnen werden. Betreut werden zunächst rund 900 Patienten der AOK Bayerns. Letztere unterstützt das Projekt mit rund sechs Millionen DM. Weitere Partner sind die Landesversicherungsanstalt Niederbayern-Oberpfalz und die Schweizer Firma Tele Medical Systems.
Die verschiedenen Atemwegserkrankungen sind nicht nur medizinisch, sondern auch volkswirtschaftlich von großer Bedeutung, da mit zunehmendem Schweregrad der Erkrankung Häufigkeit und Dauer stationärer Behandlungen zunehmen. Dies geht einher mit Frühberentungen und steigendem finanziellen Therapieaufwand. Nach Expertenschätzungen liegen die Behandlungskosten bei rund fünf Milliarden DM jährlich. Wie Prof. Dr. med. Gerhard Siemon, Chefarzt und Mitinitiator des telemedizinischen Modellzentrums erläuterte, ist gerade bei chronischen Atemwegserkrankungen die kontinuierliche Überwachung und Behandlung für den Krankheitsverlauf entscheidend, um Krisensituationen und damit Verschlechterungen des Krankheitsbildes zu vermeiden.
Das Projekt müsse nun erweisen, ob die in einer Pilotstudie mit 45 Patienten erzielten positiven Ergebnisse auch an einem großen Patientenkollektiv im Langzeitversuch bestätigt werden könnten.
Konsultations- und Informationssystem ENDOTEL
Das ebenfalls Anfang Juni gestartete Pilotprojekt ENDOTEL (= Endoscopy Teleservice; Informationen im Internet unter www.imse.med.tu-muenchen.de/
mi/endotel/projekt.html; Projektlaufzeit bis Ende April 2001) ist komplex angelegt: Mit Hilfe moderner audiovisueller Übertragungstechniken (Streaming-Technologie) sollen medizinische Eingriffe via Internet übertragen werden, um Ferndiagnosen, Telekonsultationen und Teleteaching zu ermöglichen.
ENDOTEL ist ein Projekt der Telekommunikationsinitiative „Bayern Online II“ der Bayerischen Staatsregierung und erhält von dieser 462 000 DM Fördergelder (neben Mitteln der EU). Angestrebt wird, den ländlichen Raum unter anderem durch die Nutzung moderner Telekommunikationstechnologien zu fördern. Das Projekt wird am Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie (IMSE) der TU München gemeinsam mit der II. Medizinischen Klinik des Klinikums rechts der Isar und dem Telehaus Stamsried durchgeführt. Darüber hinaus sind drei Krankenhäuser (Cham, Eichstätt und Friedberg) sowie vier niedergelassene Ärzte beteiligt.
Das Projekt setzt sich aus zwei Komponenten zusammen – einem Telekonsultationssystem und einem Endoskopie-Informationssystem (EIS).
m Mit dem Telekonsultationssystem sollen Kommunikationsabläufe bei Konsultationen zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten verbessert werden. Wenn ein Arzt in einem schwierigen Fall konsiliarische Unterstüzung benötigt, verschickt er seine Anfrage per E-Mail oder FTP-Funktion zusammen mit dem Befundmaterial – beispielsweise Endoskopievideos, Sonographie- und Röntgenaufnahmen oder Labordaten – an einen Spezialisten. Dieser kann die Multimedia-Anfragen im Online- oder zeitversetzten Betrieb bearbeiten. Er hat zur Beurteilung sämtliche erforderlichen Unterlagen zur Verfügung. Zudem muss er nicht in synchronem Austausch mit dem anfragenden Arzt stehen, sondern kann diesen Vorgang flexibel in seinen Arbeitsablauf integrieren. Zurzeit werden die ersten Ärzte und Krankenhäuser an das System angeschlossen.
m Das Informationssystem für Endoskopie und Gastroenterologie soll Ärzten und Studenten in einer über das Internet zugänglichen Referenzdatenbank neben aktuellen Therapiestandards auch Bilder und Videosequenzen zu einzelnen Diagnosen zur Verfügung stellen. Ziel ist, den medizinischen Wissenstransfer zu beschleunigen und die Etablierung klinischer Leitlinien voranzutreiben. Bei der Entwicklung des Informationssystems wurde berücksichtigt, dass die Übertragungsraten im Internet im Vergleich zum Krankenhaus-Intranet generell sehr viel niedriger liegen. Mit dem Video-Server „MediaHawk“ können Endoskopie-Videos direkt nach dem Komprimierungsstandard für Bewegtbilder MPEG-2 aufgenommen werden. Daher entschied man sich dafür, zwei unterschiedliche Formate zu verwenden: MPEG-2 für das hauseigene Intranet und ein zusätzliches „Streaming“-Format für die Übertragung der Videosequenzen im Internet. Die Datenbank ist in einer ersten Version fertiggestellt und wird zurzeit mit Video- und Bildmaterial gefüllt.
Heike E. Krüger-Brand
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