ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1996Kinderprostitution: Rehabilitation, Aufklärung und Prävention

POLITIK: Aktuell

Kinderprostitution: Rehabilitation, Aufklärung und Prävention

Dtsch Arztebl 1996; 93(33): A-2069 / B-1753 / C-1649

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Weltweit werden nach Angaben der Kinderrechtsorganisation "terre des hommes" mehr als eine Million Kinder in die Prostitution gezwungen. Allein aus Deutschland kommen rund 100 000 Sextouristen nach Thailand. Von ihnen suchen etwa zehn Prozent Sex mit Kindern. Der erste Weltkongreß gegen die kommerzielle Ausbeutung von Kindern wird vom 27. bis 31. August in Stockholm stattfinden. Dort sollen unter anderem Initiativen entwickelt werden, um Kindern ein Leben ohne Prostitution zu ermöglichen.


Eigentlich wollte ich Reiseleiterin werden, weil ich gern unterwegs sein möchte", berichtet die 14jährige Supaniav, "aber meine Eltern sind einfache Reisbauern in Thailand. Wir haben nicht genug Geld, darum kann ich kein Abitur machen. Ich werde mir wohl eine Stelle in der Verwaltung suchen müssen."
Supaniav ist froh, daß sie nach dem Ende der Grundschule wenigstens die Möglichkeit hat, für drei weitere Jahre die Schule zu besuchen. Dann hat sie eine Ausbildung, die in etwa der mittleren Reife entspricht, und damit ist eine Stelle in der Verwaltung gar nicht mehr unrealistisch.
Daß sie die Schule besuchen konnte, verdankt sie der von der Organisation terre des hommes unterstützten Initiative "Econorth", die Stipendien an Mädchen aus besonders armen Familien zahlt. Das wichtigste Anliegen der Initiative ist es, die Mädchen vor dem Weg in die Prostitution zu bewahren. Denn der arme Norden des Landes ist das Hauptrekrutierungsgebiet für Thailands Kinderprostitution. Zahlreiche Mädchen werden nach dem Abschluß der Grundschule in die Bordelle von Bangkok und Pattaya geschickt.
Die häufigste Ursache für Kinderprostitution ist, so terre des hommes, das Auseinanderbrechen der Familien. Die Kinder glauben, auf der Straße eine bessere Zukunft für sich finden zu können. Weitere Ursachen seien die extreme Armut und die Landflucht. Die Migrantenfamilien fänden in den Städten keine Stelle, viele Väter werden zu Alkoholikern, und die Mütter würden sich schließlich prostituieren, um Geld für die Familie anzuschaffen. Irgendwann entschlössen sich dann auch die Töchter, der Trostlosigkeit zu entfliehen.
Die Organisation terre des hommes engagiert sich in vielfältiger Weise gegen die Kinderprostitution:
1Sie unterstützt Rehabilitationszentren und Ausbildungsprojekte für ehemalige Kinderprostituierte in verschiedenen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens. So bietet beispielsweise das Projekt Econorth Alternativen an. Die Eltern bekommen Hilfe in der Landwirtschaft, ihre Töchter ein Schulstipendium. Außerdem werden sie über Prostitution und AIDS aufgeklärt, und sie erhalten ein kleines Startkapital für eine eigene Existenz.
1Neben diesen Programmen versucht die Organisation eine sinnvolle Präventionsarbeit gegen Kinderprostitution zu leisten. "Erstens ist es gelungen, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, daß auch deutsche Touristen Kinder sexuell mißbrauchen; zweitens wurde im September 1993 eine Gesetzesänderung verabschiedet, nach der sich diese Täter nun auch dann nach deutschem Recht strafbar machen, wenn die Tat im Ausland stattfindet", berichtet die zuständige terre des hommes-Fachreferentin Christa Dammermann. Sie bedauert allerdings, daß die Umsetzung dieses Gesetzes sehr zu wünschen übrig ließe. Terre des hommes sei deshalb weiterhin bemüht, politische Entscheidungen für eine wirksame Täterverfolgung zu erreichen.
1Außerdem wurden Vereinbarungen zwischen der Kinderrechtsorganisation und großen deutschen Reiseunternehmen getroffen, die sich verpflichten, keine Kinderprostitution in ihren Vertragshotels zu dulden.
1Schließlich treffen sich vom 27. bis 31. August in Stockholm Regierungsvertreter und Nichtregierungsvertreter zum ersten "Weltkongreß gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern". Für diese Konferenz haben ehrenamtliche terre des hommes-Gruppen Tücher bedruckt, bestickt und bemalt. "Diese wollen wir dort präsentieren – als Zeichen für unsere Solidarität mit den Kindern, die in die Prostitution gezwungen werden", sagt Christa Dammermann.
1In einer von Studiosus-Reisen finanzierten bundesweiten Plakataktion bittet terre des hommes schließlich um Spenden für die Projekte gegen die Kinderprostitution.
Weitere Informationen und Folder, die in Arztpraxen ausgelegt werden können, sind erhältlich bei terre des hommes, Ruppenkampstraße 11a, 49084 Osnabrück, Tel 0 18 03/20 12 02. Bankverbindung: Osnabrücker Volksbank, Konto 700, BLZ 265 900 25, Stichwort: Kinderprostitution. Gisela Klinkhammer

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