ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2000Praxisgründung 1998/1999: Das Investitionsverhalten von Ärztinnen und Ärzten

VARIA: Wirtschaft

Praxisgründung 1998/1999: Das Investitionsverhalten von Ärztinnen und Ärzten

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): A-2328 / B-1989 / C-1871

Deutsche Apotheker- und Ärztebank

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LNSLNS In den Jahren 1998/99 wurden rund 1 800 der von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vorgenommenen Finanzierungen von ärztlichen Praxisgründungen nach einer einheitlichen Systematik ausgewertet. Die Auswertung der „APO“-Bank gemeinsam mit dem Zentralinsti-
tut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland vermittelt ein Bild über das Investitionsverhalten der Ärztinnen und Ärzte bei der Praxisneugründung und -übernahme.

Sieben Formen der Praxisgründung lassen sich bei den von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vorgenommenen Finanzierungen unterscheiden, wobei sich die folgenden Prozentsätze auf Westdeutschland (1998/99) beziehen:
- Einzelpraxisneugründungen (21,2 Prozent)
- Einzelpraxisübernahmen (49,7 Prozent)
- Gemeinschaftspraxisneugründungen (1,7 Prozent)
- Praxisgemeinschaftsneugründungen (1,8 Prozent)
- Überführung einer Einzelpraxis in eine Gemeinschaftspraxis (8,5 Prozent)
- Überführung einer Einzelpraxis in eine Praxisgemeinschaft (2,8 Prozent)
- Gemeinschaftspraxis-/Praxisgemeinschaftsbeitritt (14,3 Prozent).
Der Trend, eine Praxis zu übernehmen oder in eine bestehende einzutreten, war in Westdeutschland mit 75,3 Prozent aller Finanzierungen sehr hoch. Knapp die Hälfte aller Finanzierungen entfiel allein auf Übernahmen einer Einzelpraxis. In Ostdeutschland dienten 43,6 Prozent der Finanzierungen Einzelpraxisübernahmen. Damit ist erstmals auch im Osten der Anteil an Finanzierungen für Einzelpraxisübernahmen höher als der für Neugründungen. Zugleich wurden im Osten jedoch mehr Praxen neu gegründet (38,4 Prozent aller Finanzierungen) als im Westen (21,2 Prozent).
Von den in die Auswertung einbezogenen Analysebögen entfielen in Westdeutschland 70,9 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen und -übernahmen. 70,7 Prozent der Einzelpraxisfinanzierungen waren Übernahmen und lediglich 29,3 Prozent Neugründungen. Damit bestätigte sich der schon in den vergangenen Jahren beobachtete Trend, in eine bestehende Praxis einzutreten oder diese zu übernehmen, statt eine Praxis neu zu gründen. 29,1 Prozent der ausgewerteten Finanzierungen bezogen sich auf Gründungen von Gemeinschaftspraxen und Praxisgemeinschaften sowie den Praxisbeitritt.
Von den in Ostdeutschland erfassten Niederlassungen entfielen 43,6 Prozent auf Einzelpraxisübernahmen, 38,4 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen. Die Anzahl der analysierten kooperativen Praxisgründungsformen (Anteil von 18 Prozent) ist für eine gesicherte Auswertung zu gering.
Einzelpraxen
Die folgende Auswertung bezieht sich nur auf Einzelpraxen. Es werden zunächst immer die Ergebnisse für Westdeutschland und in Klammern die entsprechenden Werte für Ostdeutschland dargestellt.
59,9 Prozent (76,8 Prozent) aller Existenzgründer waren zwischen 33 und 40 Jahre, weitere 21,4 Prozent (9 Prozent) zwischen 41 und 45 Jahre alt. 15 Prozent (5,2 Prozent) der Ärzte waren bei
der Einzelpraxisgründung älter als 45 Jahre, 3,7 Prozent
(9 Prozent) jünger als 33 Jahre. Auch im Osten wurde der überwiegende Teil aller Finanzierungen im Alter von 33 bis 40 Jahren getätigt; gleichzeitig hatten aber junge Ärzte unter 33 Jahren im Osten einen deutlich höheren Anteil an den Einzelpraxisfinanzierungen als im Westen.
Bei den analysierten Finanzierungen zeigte sich sowohl im Westen als auch im Osten ein Schwerpunkt der Einzelpraxisgründungen in der Großstadt: 51,9 Prozent (35,5 Prozent) aller finanzierten Praxen lagen in der Großstadt, weitere 26,9 Prozent (27,1 Prozent) in Mittelstädten und 18,1 Prozent (30,3 Prozent) in Kleinstädten. Lediglich 3,1 Prozent (7,1 Prozent) aller Praxisfinanzierungen wurden in ländlichen Gebieten vorgenommen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass 71,5 Prozent (77,4 Prozent) der Finanzierungen auf Spezialisten entfielen, deren Niederlassung tendenziell im städtischen Bereich erfolgt.
Der Schwerpunkt der Einzelpraxisfinanzierungen lag bei Allgemeinmedizinern, Internisten und Gynäkologen. Von den Einzelpraxisfinanzierungen entfielen auf diese drei Gruppen allein 600 (88) beziehungsweise 55,2 Prozent (56,8 Prozent). Außerdem gründeten zahlreiche Nervenärzte/Neurologen Einzelpraxen.
Das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxis lag in Westdeutschland 1998/99 bei 354 420 DM, in Ostdeutschland bei 266 875 DM. Es errechnet sich so-wohl aus Praxisneugründungen wie aus Praxisübernahmen. Die Durchschnittsbeträge sowie alle im Folgenden genannten Werte beziehen sich nur auf die in der Grafik dargestellten Fachgebiete.
Im Westen war die Praxisneugründung mit durchschnittlich 292 770 DM im Vergleich zur Übernahme mit 379 913 DM wesentlich günstiger. In Ostdeutschland ist die Differenz geringer: Die Einzelpraxisneugründung kostete im Durchschnitt 275 359 DM, die Einzelpraxisübernahme 260 583 DM. Bei der Gegenüberstellung ist aber zu berücksichtigen, dass möglicherweise unterschiedliche Praxisgrößen in den Vergleich eingehen. Im Einzelnen ergibt sich die Aufteilung der Finanzierungsvolumina aus der Tabelle.
Bei der Praxisneugründung, die im Mittel 292 770 DM (275 359 DM) kostete, entfielen durchschnittlich 171 806 DM (193 588 DM) beziehungsweise 58,7 Prozent (70,3 Prozent) auf die Investitionen für die Praxisausstattung und die medizinischen Geräte. Weitere 77 247 DM (63 864 DM) – das entspricht einem Anteil von 26,4 Prozent (23,2 Prozent) – wurden für den Betriebsmittelkredit benötigt, wobei es sich um den im Durchschnitt eingeräumten und nicht den in Anspruch genommenen Betrag handelt. 32 591 DM (10 265 DM) beziehungsweise 11,1 Prozent (3,7 Prozent) mussten für die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten aufgebracht werden.
Bei der Praxisübernahme wurden im Mittel 379 913 DM (260 583 DM) zur Finanzierung aufgewendet. Davon entfielen 203 678 DM (114 489 DM) beziehungsweise 53,6 Prozent (43,9 Prozent) auf das Übernahmeentgelt. Dieser Betrag wird vom Praxisübernehmer an den -abgeber gezahlt und setzt sich zusammen aus dem ideellen Praxiswert sowie dem Substanzwert für Geräte und medizinische Ausstattung. Für die Neuanschaffung medizinischer Geräte und Ausstattung bei Praxisübernahme wurden durchschnittlich 69 878 DM (85 567 DM) aufgewendet, das entspricht einem Anteil von 18,4 Prozent (32,8 Prozent). Auf den Betriebsmittelkredit entfielen 80 420 DM (52 067 DM) oder 21,2 Prozent (20 Prozent), auf die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten 17 888 DM (4 085 DM) oder 4,7 Prozent (1,6 Prozent).
Beim Vergleich der Finanzierungsstrukturen für Praxisneugründungen und Praxisübernahmen im Westen ergibt sich eine interessante Relation: Bei der Praxisübernahme war die Summe aus ideellem und materiellem Wert der Praxis sowie Neuinvestitionen in Höhe von 273 556 DM größer als die Summe der Investitionskosten für die Praxisausstattung und die Praxisgeräte bei der Praxisneugründung in Höhe von 171 806 DM. Dagegen wurden im Osten bei Praxisübernahmen für Übernahmeentgelte und Neuinvestitionen durchschnittlich 200 056 DM aufgewendet, wohingegen die Neuanschaffung von Praxisausstattung bei Praxisneugründung nahezu gleich hohe Kosten von 193 588 DM verursachte.
Die Entwicklung des Finanzierungsvolumens in Westdeutschland in den letzten zehn Jahren zeigt, dass seit
In-Kraft-Treten des Gesundheitsstrukturgesetzes im Jahr 1993 die Einzelpraxisübernahme zunehmend teurer wurde als die Praxisneugründung. Ausschlaggebend für die Entwicklung seit 1992/93 ist die Höhe des immateriellen Übernahmeentgeltes. Erst das immaterielle Übernahmeentgelt verteuert die Praxisübernahme im Vergleich zur Neugründung. Es ist zu vermuten, dass im immateriellen Übernahmeentgelt in den vergangenen Jahren eine „Knappheitsrendite“ enthalten ist, bedingt durch die Zulassungsbeschränkung. Allerdings gehen auch die Übernahmeentgelte tendenziell zurück.
Die Annahme, Praxisneugründungen fänden aufgrund der Zulassungsbeschränkung überwiegend in strukturell schwierigen Gebieten statt und gingen mit vorsichtigerem Investitionsverhalten der Ärzte einher, konnte anhand der Analyse nicht bestätigt werden. Im Westen entfielen in Kleinstädten und im ländlichen Raum rund zwei Drittel aller Einzelpraxisgründungen auf Praxisübernahmen, während rund ein Drittel der Einzelpraxen neu gegründet wurden. Aber auch im groß- und mittelstädtischen Bereich wurden 28 Prozent aller Einzelpraxen neu gegründet.
Einzelpraxis: Ost-West-Vergleich
Um die Finanzierungsvolumina vergleichen zu können, wurden gewichtete Durchschnittsbeträge für Ost- und Westdeutschland errechnet, bei denen eine Gleichverteilung der Ärzte auf die einzelnen Arztgruppen in beiden Regionen angenommen wurde. Im folgenden Vergleich werden die gewichteten durchschnittlichen Finanzierungsvolumina für Allgemeinärzte und Fachärzte getrennt betrachtet.
Bei der Einzelpraxisneugründung finanzierten Allgemeinärzte in Westdeutschland durchschnittlich 250 881 DM, ostdeutsche Allgemeinärzte 205 000 DM. Damit war das durchschnittliche Gesamtfinanzierungsvolumen bei Neugründung einer Allgemeinarztpraxis im Osten um 18,3 Prozent niedriger als im Westen. Der Gesamtfinanzierungsbetrag von Fachärzten lag im Osten mit 238 036 DM um 24,7 Prozent unter dem im Westen (316 268 DM).
Noch größere Unterschiede in den Gesamtfinanzierungsbeträgen zwischen Ost- und Westdeutschland zeigten sich bei der Einzel-
praxisübernahme. Für diese Gründungsform finanzierten westdeutsche Allgemeinärzte durchschnittlich 298 928 DM. Ostdeutsche Kollegen zahlten im Durchschnitt 183 067 DM und lagen damit 38,8 Prozent unter Westniveau. Für die Übernahme einer fachärztlichen Einzelpraxis wurden im Osten mit 293 847 DM ebenfalls 28,6 Prozent weniger gezahlt als im Westen (411 577 DM).
Gerade im Hinblick auf Praxisübernahmen ist zu vermuten, dass sich in Ost- und Westdeutschland Praxisstrukturen und -größen unterscheiden.
Das durchschnittliche Finanzierungsvolumen bei Einzelpraxisneugründung war in Ostdeutschland in fast allen Arztgruppen – mit Ausnahme der Augenärzte (+5,9 Prozent) – niedriger als in Westdeutschland. Besonders deutliche Unterschiede wurden bei Einzelpraxisneugründungen von Internisten (–30 Prozent) beobachtet. Bei der Einzelpraxisübernahme, deren Finanzierungsbeträge in allen Arztgruppen im Osten unter dem Westniveau lagen, wurde der größte Unterschied mit –39,8 Prozent bei Hautärzten festgestellt (Tabelle).
(Eine Langfassung der Untersuchung ist bei der APO-Bank erhältlich.)
Deutsche Apotheker- und Ärztebank
Abt. Betriebswirtschaft der Heilberufe
Postfach 10 10 31, 40001 Düsseldorf
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland
Höninger Weg 115
50969 Köln
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