POLITIK: Aktuell

Vernichtung von Embryonen in Großbritannien: „Keine Wegwerfware“

Dtsch Arztebl 1996; 93(33): A-2070 / B-1754 / C-1650

Klinkhammer, Gisela

In Großbritannien hat am 1. August die Vernichtung von 3 300 Embryonen begonnen. Zuvor waren nach Angaben der zuständigen Behörde 900 Elternpaare angeschrieben und aufgefordert worden, die maximale Lagerzeit verlängern zu lassen oder die tiefgefrorenen Embryonen zur Adoption freizugeben. Ein am 1. August 1991 in Kraft getretenes Gesetz regelt, daß befruchtete Eizellen, die aus Versuchen der künstlichen Fortpflanzung hervorgehen und nicht verwendet werden, zunächst mindestens fünf Jahre gelagert werden müssen. Diese Frist ist jetzt abgelaufen. Inzwischen hat das Parlament zwar eine Fristverlängerung auf zehn Jahre beschlossen. Die Vernichtung hätte aber nur dann verhindert werden können, wenn die Paare, von denen die Embryonen stammen, einer Verlängerung zugestimmt hätten. Von den betroffenen Paaren konnten jedoch fast 650 nicht erreicht werden, weitere 260 reagierten nicht auf das Schreiben der Behörden.
Das Schicksal der Embryonen hatte Proteste vor allem von der katholischen Kirche ausgelöst. So bezeichnet die Vatikan-Zeitung "L’Osservatore Romano" die Vernichtungsaktion als ein "Massaker an ungeborenem Leben". In einem gemeinsamen Leserbrief in der "Times" vom 31. Juli 1996 schreiben der römisch-katholische Erzbischof von Glasgow, Kardinal Thomas Winning, sowie mehrere weitere Kirchenvertreter und Wissenschaftler: "Moreover, since a propor-tion of the parents of the remaining 50,000 embryos currently frozen will also loose contact with the clinics concerned, the eventual total of human beings facing deliberate destruction is likely, in our view, to be considerably larger than 3,000."
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Dr. Dr. Karl Lehmann, sagte, in Großbritannien zeigten sich die Folgen der Zulassung von Produktion und Konservierung derart vieler Embryonen. Wer die künstliche Befruchtung erlaube, müsse auch in "sittlich verantwortlicher Entscheidung" vorher alle Folgen bedenken. Lehmann verwies auch darauf, daß beide großen christlichen Kirchen von der künstlichen Befruchtung im Labor abgeraten hätten.


Embryonenschutz verwirklichen
Der Mainzer Bischof forderte die Politiker auf, bei allen Beratungen zur Bioethik-Konvention des Europarats darauf hinzuwirken, Experimente mit menschlichen Embryonen abzulehnen. In der neuen Fassung der Bioethik-Konvention, die künftig "Menschenrechtskonvention zur Biomedizin" heißen soll, ist die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken verboten. Experimente an Embryonen, die bei einer In-vitroFertilisation übrigbleiben, sind jedoch erlaubt, wenn dies durch nationale Gesetze gedeckt und ein "adäquater Schutz" der Embryonen gewährleistet ist. In Deutschland bleiben nach dem Embryonenschutzgesetz, das 1991 in Kraft getreten ist, die Embryonenforschung und das Einfrieren von Embryonen weiterhin verboten. Nach Paragraph 1 des Gesetzes dürfen Eizellen nur dann künstlich befruchtet werden, wenn anschließend mit diesen Embryonen eine Schwangerschaft der Frau herbeigeführt werden soll, von der die Eizelle stammt.
Nach Auskunft des CDU-Europaabgeordneten Dr. med. Peter Liese hatte die Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europäischen Parlament versucht, das deutsche Embryonenschutzgesetz auch den anderen Mitgliedstaaten zu empfehlen. Ein entsprechender Beschluß sei jedoch von Liberalen und Sozialdemokraten vereitelt worden. Dazu Liese: "Der Mensch ist keine Wegwerfware, und deshalb dürfen auch Embryonen nicht als eine solche betrachtet werden." Kli

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