ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2000Aktien: Verlockende Geldgier

VARIA: Schlusspunkt

Aktien: Verlockende Geldgier

Dtsch Arztebl 2000; 97(36): [120]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Letzte Woche traf ich einen alten Bekannten wieder, der grade seinen 60. Geburtstag gefeiert hatte. Der gute Jürgen schimpfte ganz furchtbar auf seinen Schwager.
Obwohl er den Kerl eigentlich nicht wirklich leiden könne, habe er ihm dermaßen die Ohren vollgelabert, was er in den letzten beiden Jahren mit Aktiengeschäften für eine Kohle gescheffelt habe. Schwägerliche Hilfe sei nun aber echt an der Zeit, und er könne ihn gerne „gegen ein paar Mark Ho-
norar“ beraten, kompetent natürlich, welche Titel es denn jetzt brächten.
„Und ich sage dir, Reinhold, der hat mich so jeck gemacht mit seinen Geldvermehrungsgeschichten, da bin ich bei ihm mit 200 000 Mark eingestiegen, ich wurde plötzlich so gierig nach satten Gewinnen.“
Es kam, wie es kommen musste. Das vorzugsweise am Neuen Markt investierte Kapital vermehrte sich überhaupt nicht so, wie es sollte, sondern wie es wollte. Nach drei Monaten beklagte Jürgen einen Verlust von 40 Prozent oder 80 000 Mark. Dass der Schwager immer stiller wurde, versteht sich von selbst.
Nun könnte man die Geschichte als Einzelschicksal abtun oder eben daraus eine allgemeine Symptomatik ableiten, was sich wohl eher anbietet. Ist es nicht so, dass Sie selbst oder in Ihrem Bekanntenkreis ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Was mich an dieser geschilderten Geschichte, die wirklich wahr ist, ich schwöre, so fasziniert, ist die Tatsache, dass besagter Jürgen 40 Jahre lang die Finger von Aktien ließ und sich lieber mit sicheren Rentenwerten absicherte. Bis jetzt . . .
Auch die Wissenschaft hat sich längst des Themas angenommen, dass Aktionäre oft in der Psychofalle sitzen. Bei Erstanlageentscheidungen und sowieso bei Kursschwankungen geraten sehr viele in den gefährlichen Strudel der Emotionen und machen einen verhängnisvollen Fehler nach dem anderen, vertrauen sich auch viel zu oft irgendwelchen Beratern an, ohne deren Kompetenz überprüft zu haben.
Es gibt offenbar vier unterschiedliche Anlagetypen. Zum einen der vorschnell und hastig Handelnde mit intensivem Informationsdefizit. Dann der Fantast, der jede Aktie mit Gewinn verkaufen will, und schließlich der Trotzkopf, der sich Fehlentscheidungen nicht eingestehen mag. Der besonnene Investor schließlich käme den Wissenschaftlern zufolge eher selten vor. Erstaunliche Erkenntnisse.
Noch ein Satz zu meinem Freund Jürgen. Der Mann ist auch noch Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens mit 3 000 Beschäftigten, versteht also jede Menge von Ökonomie. Eigentlich unglaublich, der Börsenreinfall, aber auch irgendwie ein Trost für den – ebenso gefährdeten – Durchschnittsanleger, dass selbst ausgewiesene Wirtschaftsexperten der verlok-
kenden Geldgier erliegen.
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