ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2000VFA-Veranstaltung zu Arzneimittelbudgets: Verärgerung und Angst bei chronisch Kranken

POLITIK

VFA-Veranstaltung zu Arzneimittelbudgets: Verärgerung und Angst bei chronisch Kranken

Dtsch Arztebl 2000; 97(37): A-2350 / B-2004 / C-1886

Rieser, Sabine

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LNSLNS Selbsthilfegruppen suchen Schulterschluss und verlangen mehr Mitsprache.

Die Arzneimittelbudgets haben ausgedient, denn sie führen zu Rationierung und Unterversorgung – diese Auffassung vertritt der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) seit langem. Ende August erhielt er darin in Berlin Unterstützung von Vertretern zahlreicher Patienten-Selbsthilfegruppen.
Die Deutsche Parkinson Vereinigung befragte kürzlich 60 in Spezialkliniken neu eingestellte Patienten nach ihrer ambulanten Weiterbehandlung. Zwölf gaben an, die Verordnungen seien aus Budgetgründen nicht fortgesetzt worden. Von einer Beeinträchtigung der Versorgung berichtete auch Ingrid-Ellen Maurischat von der Frauenselbsthilfe nach Krebs. Lymphdrainagen oder Krankengymnastik würden seltener verordnet, deutlich weniger Anschlussheilbehandlungen und Reha-Maßnahmen bewilligt. Lediglich Dr. Stefan Etgeton von der Deutschen AIDS-Hilfe beurteilte die Versorgung seiner Klientel als gut. Sorge bereite jedoch die Entwicklung im Bereich der ambulanten Pflege und die Situation außerhalb der Großstädte.
Die Diskussion um Rationierung und Regresse verunsichere viele Patienten und mache ihnen Angst um ihre Versorgung, ergänzte Silvia Wollersheim, Geschäftsführerin der Deutschen Rheuma-Liga. Sie befragt derzeit ihre Mitglieder, welche konkreten Einschränkungen es gibt. So sollen die Vorwürfe besser untermauert werden. Den meisten Selbsthilfegruppen fehlen allerdings Geld und Personal, um repräsentative Befragungen oder wissenschaftliche Studien vorzulegen. So bleibt es bei Einzelfallschilderungen und persönlichen Eindrücken.
Dass Patienten-Selbsthilfegruppen den Schulterschluss mit Pharmaverbänden, einzelnen Herstellern oder, wie unlängst, dem Bündnis Gesundheit 2000 suchen (siehe DÄ 27/2000), zeigt gewisses strategisches Geschick auf allen Seiten. Es belegt aber auch den Druck, der durch die sektorale Budgetierung bereits auf den Patienten lastet, vor allem auf chronisch kranken Menschen. Schulterschluss bedeutet aber nicht in allem Übereinstimmung.
So kritisierte Dr. med. Ekkehard W. Jecht, Vorsitzender des Deutschen Psoriasis Bundes, das VFA-Modell der Arzneimittelzuzahlung nach Schweregrad der Erkrankung. Jecht meinte, es sei einem Patienten zuzumuten, im Fall einer schweren Infektion Antibiotika selbst zu bezahlen. Dagegen solle ein chronisch Kranker nicht noch finanziell belastet werden.
Widerspruch erntete auch Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Er warb um Verständnis für die Konflikte der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte durch die Arzneimittelbudgets. „Sie können nicht die Solidarität der Patienten fordern, denen Sie die Behandlung verweigern“, erwiderte Wollersheim. „Machen Sie einen anderen Vorschlag“, gab Richter-Reichhelm zurück. Das taten mehrere Vertreter von Selbsthilfegruppen. Sie verlangten, in wichtigen Gremien wie zum Beispiel dem Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen mitentscheiden zu können.
Vertreter von Selbsthilfe-Gruppen würden sicher helfen, den Blick mancher Gremien zu weiten. Inhaltliche Differenzen und Verteilungskämpfe wären damit aber nicht aus der Welt. Dazu kommt, dass auch die Position mancher Selbsthilfegruppen nicht in sich schlüssig ist. Sie fordern ausdrücklich eine wissenschaftlich fundierte, optimale Therapie. Gleichzeitig ist der Wunsch vorhanden, auch umstrittene Behandlungsmethoden auszuprobieren, die in Einzelfällen helfen könnten.
Auf viele Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Ein Beispiel: das Indikationsgebiet Alzheimer. Nach Auffassung des VFA und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft werden Betroffenen zu selten neuartige Medikamente verordnet. Die KBV sieht dies ähnlich. Dr. med. Peter Schwoerer trat dem entgegen. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen Baden-Württemberg und war früher stellvertretender Vorsitzender der KBV. Schwoerer sagte, keine Studie belege längerfristige bessernde Effekte.
Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, widersprach ihm. Wer wolle eigentlich beurteilen, ob ein bis zwei Jahre mehr Lebensqualität für einen Kranken es nicht wert seien, ihm neuartige Medikamente zu verschreiben? Eine Besserung des Gesundheitszustandes um ein bis zwei Jahre werde behauptet, entgegnete Schwoerer. Belegt sei dies aber nur für ein halbes Jahr. Vielleicht sei es klüger, Geld nicht für derartige Medikamente, sondern für die Prävention auszugeben. Er regte an, dass sich Selbsthilfegruppen in derartigen Streitfällen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen zusammensetzen könnten, um sich über Therapieansätze zu verständigen. Sabine Rieser

Zum Teil überversorgt
Als einziger hat Hans-Joachim Wöbbeking vom Bundesverband Poliomyelitis während der Veranstaltung des VFA darauf hingewiesen, dass es auch Überversorgung im System gibt. Zwar würden aus Unwissenheit über das Post-Polio-Syndrom oft Hilfsmittel in unzureichendem Ausmaß verordnet. Andererseits erhielten Betroffene aber Elektrorollstühle im Wert von 15 000 bis 25 000 DM, die nicht angepasst oder für die Wohnung völlig ungeeignet seien. Hinweise auf bessere und günstigere Lösungen würden ignoriert.
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