ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2000Evidenzbasierte Medizin: Zum Zweiten!

POLITIK: Kommentar

Evidenzbasierte Medizin: Zum Zweiten!

Dtsch Arztebl 2000; 97(37): A-2356 / B-2034 / C-1886

Jonitz, Günther

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Nutzen für den Patienten

Wer sich mit seinem privaten PKW allein in einer europäischen Metropole orientieren möchte, kann dies auf unterschiedliche Weise tun: Er kann sich vorher über die Lage seines Zieles informieren und fährt munter drauf los. Wenn er nicht mehr weiterweiß, fragt er sich – der eingeborenen Mundart mächtig – weiter durch. Er kann sich vor Antritt der Reise eine Routenbeschreibung besorgen und hoffen, dass diese präzise genug ist. Auch sollten die Stopps zur aktuellen Orientierung mit Rücksicht auf den umgebenden Verkehr gemacht werden. Besitzer von Fahrzeugen neuesten Typs und neuesten Interieurs werden mit sanfter Stimme und GPS durch den unübersichtlichen Dschungel der Großstadt geschleust. Solange die Technik funktioniert, die Inhalte aktuell sind und der Fahrer trotz allem eine Fähre von einer Brücke unterscheiden kann und bremst, ist dies das derzeit bequemste Verfahren.
Orientierung tut Not in Bereichen, wo eine Vielzahl von Informationen, von Wegen und möglichen Irrwegen vorliegt. Gleiches gilt auch für die Medizin. Der Flut an Informationen über neue oder angepasste diagnostische oder therapeutische Verfahren wird ein einzelner Arzt kaum noch Herr. „Augen zu und durch“ und darauf hoffen, dass sich die wichtigen Erkenntnisse schon herumsprechen werden, ist kein effizientes Verfahren, um mit seinem Können aktuell zu bleiben.
Das Verfahren, das im Dschungel medizinisch-wissenschaftlicher Informationen eine Orientierung ermöglicht, ist die evidenzbasierte Medizin (EBM). Im angelsächsischen Sprachraum geboren, stellt sie die systematische Verbindung primärer ärztlicher Tugenden wie die klare Patientenorientierung durch Anamnese und Status mit der Bewertung wissenschaftlicher Informationen unter Einschluss epidemiologischer Erkenntnisse dar. Der Dschungel lichtet sich, wenn klar ist, was der Patient erhofft („werde ich gesund?“, „was hilft mir am besten und schadet am wenigsten?“, „welches Risiko gehe ich ein, wenn . . .?“) und welche Informationen für den Arzt objektiv und relevant sind. Die evidenzbasierte Medizin ist der „einheitliche Bewertungsmaßstab wissenschaftlicher Informationen“ als Grundlage bestmöglicher ärztlicher Entscheidungen.
Auf diesem Wege verbinden sich mit der evidenzbasierten Medizin zahlreiche Hoffnungen: Der Gesetzgeber will Ordnung in die Verfahren bringen, die zur Zulassung medizinischer Verfahren oder Medikamente führen. Die Krankenkassen erhoffen sich eine Verringerung und die Abschaffung von Unter-, Über- und Fehlversorgung sowie eine Vereinheitlichung diagnostischer und therapeutischer Verfahren. Ärztliche Gremien der Selbstverwaltung haben mit dem evidenzbasierten Leitlinien-Clearingverfahren das Instrument geschaffen, um dem behandelnden Arzt mehr Klarheit über Nutzen und Sinnhaftigkeit seiner Entscheidungen bei wichtigen Krankheitsbildern zu geben.
Die bestmögliche Orientierung des klinisch tätigen Arztes in einer zersplitternden und immer schwerer zu verstehenden Welt der medizinischen Wissenschaft wird durch evidenzbasierte Medizin gewährleistet. Daneben sind es vor allem die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, die die EBM zur Grundlage ihrer Empfehlungen gemacht haben. Somit wäre die evidenzbasierte Medizin auf der Ebene der Steuerung des Gesundheitswesens platziert. Ob die Hoffnungen der Verantwortlichen auf der Systemebene erfüllt werden, wird sich in der nächsten Zeit zeigen.
Aus ärztlich-klinischer Sicht bleibt die Frage, was von evidenzbasierter Medizin beim Patienten ankommt. Sicher darf man davon ausgehen, dass besseres Wissen, beispielsweise durch Leitlinien, das Handeln der Ärztinnen und Ärzte verbessert. Welche Wege wirklich effizient sind und ob die Erwartungen der Patienten ausreichend vom Arzt vor Beginn der Behandlung eingeschätzt werden können, ist dabei durchaus offen.
Seit der ersten Diskussion auf dem 1. Berliner Symposium „Evidence-based Medicine“ im Jahr 1998 hat das Konzept der evidenzbasierten Medizin im deutschen Gesundheitssystem deutlich an Kontur gewonnen. Auf dem jetzt folgenden zweiten Symposium Evidenzbasierte Medizin vom
5. bis 7. Oktober in Berlin (www.ebm-netzwerk.de; siehe Bekanntgabe des Programms in diesem Heft) wird die Gretchenfrage gestellt, welcher Nutzen für die Patienten aus EBM resultiert, beziehungsweise wie er geschaffen werden kann. Mit internationaler Beteiligung wird aus klinischer, wissenschaftlicher, politischer und ökonomischer Sicht EBM kritisch reflektiert und mit den Ansprüchen von Patienten verglichen.
Im Idealfall wird das vornehmste Ziel ärztlicher Bemühungen, dem Kranken mit seinen Hoffnungen und Wünschen bestmöglich zu helfen, durch evidenzbasierte Medizin erreicht.
Dr. med. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema