ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2000Großbritannien: Dubiose Ärzte aufspüren

POLITIK: Blick ins Ausland

Großbritannien: Dubiose Ärzte aufspüren

Dtsch Arztebl 2000; 97(37): A-2358 / B-2010 / C-1891

Thomas, Kurt

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LNSLNS Die britische Ärzteschaft wehrt sich gegen Pläne des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums, ein „Frühwarnsystem Kunstfehler“ einzuführen.

Der britische Ärztetag hat die Vorschläge von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alan Milburn kritisiert, ein neuartiges „Frühwarnsystem Kunstfehler“ einzuführen. Das Ärzteparlament, das kürzlich tagte, bezeichnete die Pläne als „unsensibel und gefährlich“.
Auslöser sind eine Reihe zum Teil spektakulärer ärztlicher Kunstfehler-Skandale, die landesweit für Schlagzeilen sorgten und zu harscher Kritik am ärztlichen Berufsstand führten. Der Hindergrund ist ernst: Jährlich erleiden rund 850 000 Patienten im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) gesundheitliche Schäden als Folge unvorhergesehener Komplikationen. Viele dieser Fälle wären nach Ansicht von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alan Milburn vermeidbar, würden die Behörden eher auf dubiose Ärzte oder Fachärzte aufmerksam werden. Genau das soll durch das Frühwarnsystem erreicht werden.
Bislang obliegt es den Ärzten und Fachärzten, ihren Berufsstand selbst zu regulieren. Wichtigstes Organ der ärztlichen Selbstverwaltung in Großbritannien ist der General Medical Council (GMC, London). Der GMC hat die Möglichkeit, inkompetente Ärzte mit einem zeitlich befristeten Berufsverbot zu belegen. In besonders schweren Fällen kann einem Arzt die Zulassung ganz entzogen werden. Kritiker werfen dem GMC jedoch vor, dass er so gut wie nie hart gegen Sündenböcke vorgehe.
Das Beispiel eines Gynäkologen aus der Grafschaft Kent, der im Verlauf seiner NHS-Tätigkeit Hunderte Frauen falsch behandelt hat, scheint diese Vorwürfe zu erhärten. Mindestens sechs Patientinnen starben in den Händen des inzwischen mit einem Berufsverbot belegten Frauenarztes. Allerdings war der Mediziner bereits in Kanada wegen ähnlicher Kunstfehler aus dem dortigen Ärzteregister entfernt worden. Der GMC wusste dies, unternahm aber trotzdem nichts, obwohl sich die Beschwerden häuften.
Das neue Frühwarnsystem, das nach den Vorstellungen des Londoner Ge­sund­heits­mi­nis­teriums Ende dieses Jahres eingeführt werden soll, werde „alle unerwünschten Therapiefolgen“ erfassen. Dabei gehe es in erster Linie darum, aus Fehlern zu lernen und nicht darum, einzelnen Ärzten den Schwarzen Peter zuzuschieben, so Ge­sund­heits­mi­nis­ter Milburn in London. „Bisher fehlt es an einheitlichen Berwertungsgrundlagen, welche Art von unerwünschten Therapiefolgen gemeldet werden sollen“, so Milburn. Und: „Da der GMC bislang darauf bedacht ist, einzelnen Ärzten die Schuld für missglückte Behandlungen zuzuschieben, versucht die Ärzteschaft, Kunstfehler zu vertuschen. Das verhindert, dass aus den Fehlern gelernt wird.“
Milburn schätzt, dass jährlich im NHS „mindestens 400 Patienten“ aufgrund ärztlicher Kunstfehler sterben. Die Folgekosten aller Kunstfehler werden vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium auf „rund zwei Milliarden Pfund“ (sechs Milliarden DM) im Jahr beziffert. Allerdings sind in dieser Summe auch die Folgekosten unerwünschter Arzneimittelwirkungen enthalten.
Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten
Wie wird das neue Frühwarnsystem funktionieren? Alle Arztpraxen, Krankenhäuser und andere NHS-Einrichtungen sollen verpflichtet werden, „alle normalerweise nicht zu erwartenden Behandlungsfolgen“ an ein Zentralregister zu melden. So genannte „near misses“ (Glück im Unglück) sollen ebenfalls meldepflichtig sein. Der Name des behandelnden Arztes wird ebenso gemeldet wie Details über die Patienten und die Anamnese. Taucht der Name eines Arztes mehr als einmal im Frühwarnsystem auf, werden die Gesundheitsbehörden vorstellig.
Laborfehler sollen ebenfalls zentral erfasst werden. Im Gespräch ist derzeit auch, Fachärzte regelmäßig – etwa alle fünf Jahre – auf ihre berufliche Qualifikation hin zu prüfen.
Die britischen Ärzteverbände warnten davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Zwar sei es gut, ärztliche Kunstfehler zu erkennen und aus ihnen zu lernen. „Das darf aber nicht dazu führen, dass Ärzte und Fachärzte Angst haben, progressiv zu behandeln“, so Linda Millington vom Ärztebund (British Medical Association, BMA). Die BMA befürchtet, das neue Frühwarnsystem könnte zu einer Verrechtlichung der Medizin führen. Das diene letztlich weder den Patienten noch den Ärzten.
Kurt Thomas

Nach dem Willen des britischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums sollen künftig alle „unerwünschten Therapiefolgen“ zentral erfasst werden.
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