ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2000Psychotherapie: Leidiges Berichteschreiben

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Psychotherapie: Leidiges Berichteschreiben

Bühring, Petra

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LNSLNS Das Gutachterverfahren dient seit 1967 zur Sicherung der Psychotherapie-Richtlinien. Eine Studie stellt den Nutzen des Verfahrens infrage.

Die psychotherapeutischen Berufsverbände sind hinsichtlich der Gutachterverfahren zerstritten: Die Gegner der Verfahren sehen sich seit einigen Monaten durch die Studie von Dr. Hans-Ulrich Köhlke (Köhlke 2000)* bestätigt: Das Gutachterverfahren sei weder zweck- noch verhältnismäßig, beurteilte er. Die Befürworter verteidigen das Verfahren als Instrument der Qualitätssicherung. Im Internet führen hauptsächlich zwei Verbände seit einiger Zeit eine polemische Diskussion: Der Deutsche Psychotherapeutenverband ist gegen die Gutachterverfahren, die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) dafür.
Die beiden Parteien standen sich bei einem Podiumsgespräch im Rahmen des Psychotherapeutentages NRW in Köln gegenüber. Der Autor der Studie, Köhlke, hatte in Zusammenarbeit mit dem Psychologischen Institut der Universität Hamburg 715 Praxisbefragungen ausgewertet. Die Ergebnisse: Das Gutachterverfahren erfasst primär Formulierungsgeschick. Die Kommentare der Gutachter sind nicht hilfreich. Oft werden andere Methoden angewendet als im Antrag aufgeführt. Der Zeitaufwand für die Erstellung des Berichts und die Honorierung stehen – besonders bei kurzen Therapien – in keinem Verhältnis. Köhlke wirft den Gutachtern – ebenfalls Psychotherapeuten – vor, aus finanziellen Gründen an dem Verfahren festzuhalten: „Deren Nebeneinkommen liegt bei 100 000 DM.“
Dr. med. Alf Gerlach, stellvertretender Vorsitzender der DGPT, glaubt, Köhlke sei mit der Studie von „kurzfristigen berufspolitischen Interessen“ getrieben worden. Vor der Abschaffung eines bewährten Instruments müsse man sich den Nutzen vor Augen halten: Im Bericht an den Gutachter werde der Therapeut gezwungen, die Krankengeschichte durchzuarbeiten. „Das umfasst Reflexion von Psychodynamik und Psychogenese, ein Planen und Begründen des zu erwartenden therapeutischen Prozesses.“ Damit sei das Gutachterverfahren „ein internes Qualitätssicherungselement“. Zudem werde die Wirtschaftlichkeit einer Therapie überprüft. Anne-Marie Schlösser, Vorsitzende der DGPT und selbst Gutachterin, ist überzeugt, dass „schöne Formulierungen allein“ nicht zur Antragsbewilligung führen. Eine bessere Honorierung für das Schreiben der Berichte hält sie allerdings für notwendig.
Die Krankenkassen sehen das Gutachterverfahren als ein Element zur Qualitätssicherung in der psychotherapeutischen Versorgung. Dr. Paul Lubecki, AOK Bundesverband, Bonn, erklärte, jedes Qualitätssicherungs-Instrument gehöre „ab und zu auf den Prüfstand“. Es bestehe generell „die Bereitschaft, das Verfahren zu modifizieren oder zu ergänzen“.
Einigkeit erforderlich
Das Gutachterverfahren muss ergänzt werden. Darin sind sich auch die Befürworter einig. Radikal ohne Ersatz abgeschafft werden kann es nicht – das verbieten die Psychotherapie-Richtlinien. Konkrete alternative Vorschläge lie-gen zurzeit nicht vor. Zuvor müssten sich die Berufsverbände jedoch einig werden. Petra Bühring

* Die Studie ist im Internet verfügbar unter: www.bbpp.de (Rubrik „Berufspolitik“ anklicken).
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