VARIA: Schlusspunkt

Dr. med. Big Brother

Dtsch Arztebl 2000; 97(37): [68]

Poleck, Brigitte

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LNSLNS Sie sind mit Ihrer Arbeit unzufrieden? Überstunden und gefallene Punktwerte stören Sie? Nur Mut – es gibt jetzt eine Alternative, ein ganz neues Berufsbild: Container-Arzt.
Ihre Aufgabe wird die medizinische Versorgung der Kandidaten sein, mit denen Sie sich Haus und Hof, Tisch und Bett, Klo und Dusche teilen werden, immer beobachtet von der deutschen Gebührenzahlermasse. Sie werden die Verletzungen behandeln, die sich die Kandidaten gegenseitig zufügen, und gruppendynamisch wertvolle Gesprächstherapien zum Lösen von Beziehungsproblemen führen. Haben Sie noch keine Vollapprobation, werden Sie eben Container-Arzt im Praktikum; an den Bedingungen ändert sich dadurch nichts, nur die Siegerprämie wird empfindlich gekürzt.
Sie werden sich auch an den Diskussionen mit vorgegebenen, aktuellen Themen beteiligen, die so richtig aus dem Leben gegriffen sind, wie zum Beispiel: „Sollen Ärzte nach Leistung bezahlt werden?“ oder auch: „Sollen Ärzte für ihre Leistung überhaupt bezahlt werden?“ Die Erfüllung Ihrer Wochenaufgabe (unter anderem die Entfernung eines Blinddarms im Wohnzimmer der Wohngemeinschaft) wird sicher dafür sorgen, dass Sie vom Fernsehpublikum nicht rausgewählt werden, sollten Ihre Mitbewohner Sie einmal zum Abschuss nominiert haben.
Der Vorteil dieses neuen Betätigungsfeldes ist, dass Sie berühmt werden können, und nicht nur das: Sie können zum Star werden – ungeachtet jeglichen Fehlens diverser künstlerischer oder sonstiger Talente. Wenn Sie nach dem Aufenthalt im Container eine Kultfigur geworden sind, könnten Sie dies zwar theoretisch als Plattform benutzen, auf gewisse Missstände im deutschen Medizinalbetrieb hinzuweisen. Jetzt wird nämlich für ein paar Wochen jeder Mucks von Ihnen auf allen Kanälen in die einheimischen Wohnzimmer gespült. Aber wollen Sie das überhaupt noch, wenn ein Plattenvertrag winkt? Keine Sorge, singen können müssen Sie nun wirklich nicht, das Liedchen „Ich operier’ dich wie die Hölle“ wird garantiert ein Hit.
 Und da dachten Sie, die Zukunft schaut trist aus? Wie Sie sehen, gibt es immer noch Möglichkeiten für Ärzte, zu Ruhm und Geld zu kommen. Wenn nicht durch qualifizierte und harte Arbeit, so doch zumindest durch schwachsinnige Fernsehprojekte. Brigitte Poleck
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