ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Ambulante Versorgung: Fachärzte schlagen Alarm

POLITIK

Ambulante Versorgung: Fachärzte schlagen Alarm

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2424 / B-2068 / C-1939

Richter, Eva A.

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LNSLNS Durch die Trennung der fach- und hausärztlichen Vergütung ist es in einigen Kassenärztlichen Vereinigungen zu drastischen Honorarverschiebungen gekommen. Sächsische Ärzte organisieren eine Aktionswoche.

Die Telefone laufen derzeit in einigen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) heiß. Der Grund dafür sind die Honorarabrechnungen für das erste Quartal 2000. Fachärzte stellen für diesen Vergütungszeitraum teilweise erhebliche Honorareinbußen fest. Die Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB) schlägt Alarm: „Die Politik der Bundesregierung hat zu einem dramatischen Einbruch in der Vergütung fachärztlicher Leistungen geführt. Speziell in den neuen Bundesländern steht der Zusammenbruch der ambulanten Facharztversorgung unmittelbar bevor.“
Tatsächlich sind die ostdeutschen Fachärzte besonders betroffen. Bereits vor einigen Wochen hatte die KV Sachsen einen Punktwertverfall der niedergelassenen Fachärzte um bis zu 30 Prozent gemeldet (Deutsches Ärzteblatt, Heft 30/2000). Doch inzwischen stellen neben den Fachärzten in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin auch niedergelassene Ärzte in westdeutschen KVen, wie Niedersachsen, Koblenz, Hessen, deutliche Verluste fest.
Der Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) schätzt die Situation weniger kritisch ein. Ihn überrascht der Punktwertverfall in Sachsen nicht. Dieser sei die „zwingende Konsequenz einer speziell ostdeutschen Problemlage verschärft durch defizitäre Rahmenbedingungen“. Die Hausärzte in den neuen Bundesländern hätten den Aufbau der ambulanten fachärztlichen Versorgung durch existenzbedrohende Honorarabschlüsse in den letzten Jahren alimentiert.
Für den Präsidenten der GFB, Dr. med. Jörg-A. Rüggeberg, sind solche Äußerungen nur Schönmalerei: „Durch die neu verfügte Trennung des vertragsärztlichen Gesamthonorars in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Sektor droht die finanzielle Auszehrung der Fachärzte.“
Zur Ruhe mahnt vorerst die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Wir müssen die realen Zahlen abwarten“, erklärt Dr. med. Andreas Köhler, Honorardezernent der KBV, „die Meldungen der KVen zu den Honorarverschiebungen sind derzeit noch nicht vergleichbar.“ Die Daten müssten zunächst einheitlich berechnet werden. „Dann erst können wir Genaueres zu Ursachen und Lösungsmöglichkeiten sagen.“
Bisher seien die tatsächlichen Auswirkungen der Trennung der haus- und fachärztlichen Vergütung in den KVen nur zu schätzen, erläutert Köhler. Wie sich die Gesetzesänderung in einer KV auswirke, sei abhängig vom regionalen Honorarverteilungsmaßstab (HVM). War dieser zuvor eher „facharztfreundlich“, sind jetzt deutlichere Veränderungen zu erwarten. Dass es zwangsläufig zu einer Verschiebung der Honorare um wenige Prozent kommen wird, hatte die KBV bereits im Frühjahr in einer Hochrechnung prognostiziert. Die aktuelle Problematik soll im Länderausschuss am 22. September diskutiert werden.
Zur Vorgeschichte: Mit dem Gesundheitsreformgesetz 2000 hatte der Gesetzgeber verfügt, die vertragsärztliche Versorgung bis zum 31. März 2000 in Leistungen der haus- beziehungsweise fachärztlichen Versorgung zu gliedern. Damit soll die Hausarzt-Medizin gefördert werden. Um die Vergütungsanteile für den hausärztlichen Bereich zu bestimmen, sieht das Gesetz vor, den auf die hausärztliche Versorgung entfallenden Anteil des abgerechneten Gesamtpunktzahlvolumens einer KV vom Jahre 1996 zugrunde zu legen. Ist dieser Anteil in den Jahren 1997 bis 1999 jedoch höher als 1996, kann der Anteil des besten Jahres als Berechnungsgrundlage dienen. So ist es auch zu erklären, dass sich die Berechnungen der Vergütungsanteile in den einzelnen KVen auf unterschiedliche Jahre beziehen.
Dies sowie verschiedene Berechnungsmodalitäten der Honorare in den KVen erschweren die Analyse der Honorarverwerfungen. Die Gesamtsituation ist derzeit schwer durchschaubar. Einig ist man sich jedoch, dass ostdeutsche Ärzte alsbald einer besonderen Belastung ausgesetzt sind, weil sie immer noch nur 75, 6 Prozent der Mittel je Versicherten erhalten, die die Krankenkassen für einen Versicherten in Westdeutschland für die gleiche Leistung gewähren. Während in den alten Bundesländern 16 bis 17 Prozent der Einnahmen der Kassen für die ambulante Versorgung zur Verfügung stehen, sind es in den neuen Bundesländern nur 13 bis 14 Prozent.
Sächsische Ärzte schließen ihre Praxen für eine Woche
Die sächsischen Ärzte fordern deshalb mit Nachdruck eine Anhebung des Honorars auf zunächst 86 Prozent des westdeutschen Niveaus pro Versicherten, also eine Anhebung der Kassenausgaben für die ambulante Betreuung um einen Prozentpunkt. Diese Aufstockung würde 416 Millionen DM erfordern, einen Klacks gegenüber der Kürzung der Gelder der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zugunsten der Arbeitslosenversicherung um 1,2 Milliarden DM, meinen die sächsischen Berufsverbände.
Die Honorareinbrüche bei den sächsischen Fachärzten sind der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände Sachsen hat zu einer Aktionswoche aufgerufen. Vom 25. bis zum 30. September wollen die Ärzte ihre Praxen schließen. „Teilnehmen werden alle niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, die Fachärzte sowie die Hausärzte“, betont Prof. Dr. med. Martin Link, Sprecher der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände in Sachsen. Dies ist ein Schulterschluss, der nicht selbstverständlich ist. An der Abstimmung über die Aktionswoche beteiligten sich 56 Prozent der sächsischen Vertragsärzte. Die große Mehrheit, nämlich 94 Prozent sprach sich für die „Streikwoche“ aus.
Dass die sächsischen Ärzte mit der Aktion Kritik ernten und sich dem Vorwurf stellen müssen, ihren Protest auf den Rücken der Patienten auszutragen, ist zu erwarten. Solidarisch erklärten sich mit den Ärzten jedoch auch der Kammer- und KV-Vorstand von Sachsen sowie die AOK. „Die KV Sachsen unterstützt den Aufruf der fachärztlichen Berufsverbände und Psychotherapeuten zur Aktionswoche und sichert die Notfallversorgung“, betonte Dr. med. Hans-Jürgen Hommel, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen. Obwohl der KV als Körperschaft öffentlichen Rechts Zurückhaltung bei solchen Aktionen zugewiesen sei, sei ein Engagement in diesem Fall selbstverständlich. So sind in den regionalen KV-Stellen Hotlines eingerichtet. Dort melden die Ärzte ihre Dienste, sodass Vertretungen gewährleistet sind. Die Patienten werden durch Plakate sowie über die Tageszeitungen und den Rundfunk über die Aktion informiert. Ein Handzettel erklärt die Hintergründe der Praxisschließungen. „Teilweise werde ich von Patienten auch auf der Straße auf unsere Aktion angesprochen“, berichtet Link. „Dabei zeigt sich, dass sie sich über die Probleme im Gesundheitswesen Gedanken machen und bei der Aktion nicht als ,Geiseln‘ fühlen.“
Honorarverschiebungen gibt es auch in anderen KVen
In anderen KVen denken Ärzte bereits über ähnliche Aktionswochen nach. So hat es deutliche Honorarverschiebungen von den Fachärzten zu den Hausärzten auch in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen gegeben. Der Vorsitzende der KV Sachsen-Anhalt, Dr. med. Klaus Penndorf, sicherte den Berufsverbänden zu, dass die KV eine Aktionswoche ebenfalls begleiten würde. Die Verschiebung des Gesamthonorars im ersten Quartal 2000 im Vergleich zum Vorjahr beträgt in Sachsen-Anhalt etwa drei Prozent. Die durchschnittlichen Honorare bei den Allgemeinmedizinern und Praktischen Ärzte stiegen um 7,8 Prozent, die Radiologen hingegen müssen einen Verlust von 22 Prozent hinnehmen, die Chirurgen und Anästhesisten von 18 Prozent und die Neurologen von 15 Prozent. Ähnlich sieht es in Thüringen aus: Hier erhalten die Neurologen und Psychiater 30 Prozent weniger Honorar als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, die Augenärzte 11,7 Prozent und die Gynäkologen 8,8 Prozent weniger. Nicht ganz so groß ist in Thüringen die Verschiebung des Gesamthonorars.
Sehr spät bekannt geworden ist die Höhe der Honorarverschiebungen in Niedersachsen. Dass die Fachärzte erst jetzt von der KV über die Situation informiert worden sind, ärgert Dr. med. Christian Albring, Vorsitzender des Fachärztlichen Berufsverbandes Niedersachsen: „Wenn die Leute kurz vor dem Ruin stehen, muss ihnen das doch gesagt werden.“ Eine große chirurgische Praxis hätte bereits schließen müssen. Der Fallwertverlust bei den niedersächsischen Fachärzten sei dramatisch, die Vorauszahlungen für das laufende Quartal würden gekürzt, die vierte und fünfte Abschlagszahlung erfolge nicht. Die jetzt vorliegenden Daten bringen zumindest Klarheit: Bei den Fachärzten vermindert sich das Honorar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum durchschnittlich um 15 Prozent; HNO-Ärzte verlieren 25 Prozent, Gynäkologen 21 Prozent, fachärztliche Internisten, Dermatologen und Nervenärzte jeweils etwa 19 Prozent. Die Hausärzte können einen Zuwachs ihres Honorars um 18,5 Prozent verzeichnen.
Ähnliche, wenn auch nicht so starke Honorarverschiebungen zu-gunsten der Hausärzte melden
die KVen Brandenburg, Hessen, Koblenz, Mecklenburg-Vorpommern, Pfalz, Schleswig-Holstein und Trier. Für andere KVen wiederum scheint die Trennung der haus- und fachärztlichen Vergütung überhaupt kein Problem zu sein. Gar keine oder nur ganz geringe Verschiebungen melden die KVen Bayerns, Bremen, Nordbaden, Nordrhein, Nord-Württemberg, Rheinhessen, Südbaden und Westfalen-Lippe. Bei der KV Nord-Württemberg beispielsweise würde es sich um ein „Nullsummenspiel“ handeln, erklärte deren Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Zalewski. Den Grund dafür sieht er in einer anderen Honorarverteilung in den letzten Jahren. 1996 sei das Honorar in Fachgruppentöpfe aufgeteilt und zugunsten der Hausärzte verschoben worden. Der Effekt sei damit schon vor einigen Jahren aufgetreten. Die Verschiebungen hätten sich damals allerdings in Größenordnungen von drei bis fünf Prozent bewegt. Zalewski: „Uns ist es schleierhaft, wie es in den anderen KVen zu solch großen Verschiebungen kommen kann.“ Dr. med. Eva A. Richter

Aktionswoche: Sächsische Kassenärzte protestieren gegen die Auswirkungen der Vergütungstrennung. Quelle: GFB Sachsen
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