ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Praxisnetz Nürnberg-Nord: Vorzeigekandidat der AOK

POLITIK

Praxisnetz Nürnberg-Nord: Vorzeigekandidat der AOK

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2426 / B-2093 / C-1944

Rieser, Sabine

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LNSLNS 140 Netzärzte kooperieren mit Kollegen einer Klinik.
In Bayern hat man nicht auf § 140 SGB V gewartet.
Wochenlang wurde mit Spannung erwartet, ob die Rahmenvereinbarung zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Krankenkassenverbänden zur integrierten Versorgung nach § 140 SGB V zustande kommt oder ob das Schiedsamt eingreifen muss. Nun ist das Vertragswerk so gut wie unterschriftsreif (vgl. Heft 36/2000). Die Mitwirkung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) an den Verträgen soll angestrebt werden. Machen diese von ihrem Interventionsrecht Gebrauch, greift ein Schlichtungsverfahren. Umgekehrt haben die KVen ein Beitrittsrecht zu Integrationsverträgen, in der Regel nach drei Jahren. Nun heißt die nächste Frage: Wer zieht wen in Zukunft über den Tisch?
Man werde den § 140 nicht nutzen, um den Sicherstellungsauftrag der KVen auszuhöhlen, versicherte Dr. Rolf Hoberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Er verdeutlichte jedoch, dass es im Fall einer Blockade eben auch ohne KVen gehe. Anlass war eine Veranstaltung seines Verbandes zum Thema „Bessere Behandlung durch integrierte Versorgung“ Anfang September in Berlin.
Dabei standen allerdings nicht mögliche Winkelzüge von Kassen oder KVen im Vordergrund, sondern das Praxisnetz Nürnberg-Nord (PNN). Im Rahmen eines fünfjährigen Modellversuchs der AOK proben derzeit 140 Fachärzte des Netzes mit dem St. Theresien-Krankenhaus Nürnberg die integrierte Versorgung. „Die Gräben, die immer behauptet werden zwischen Kassen, Krankenhäusern und Ärzten, lassen sich überwinden“, versicherte Dr. med. Harald Rauchfuß, Vorsitzender der Bezirksstelle Mittelfranken der KV Bayerns*.
Wichtige Bausteine für die Kooperation der Netzärzte untereinander und mit ihren Kollegen im Krankenhaus sind
- ein Koordinationsarzt, den der Patient wählt und der eine Lotsenfunktion für ihn übernimmt,
- ein Patientenpass, der beim Versicherten bleibt,
- Leitlinien, die für den ambulanten und den stationären Bereich gelten (zur Zeit für Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Asthma bronchiale),
- standardisierte Kommunikationswege zwischen den behandelnden Ärzten, die Patienten vor, während und nach einem Kranken­haus­auf­enthalt nutzen sollen,
- gemeinsame Qualitätszirkel von Netz- und Krankenhausärzten.
Prof. Dr. med. Rainer Rix schilderte als Vorstandsmitglied des Praxisnetzes Nürnberg-Nord, welche Chancen er in dem Modellvorhaben sieht. Er verschwieg nicht, dass der aktuellen Aufbruchstimmung unter den beteiligten Institutionen Phasen vorangegangen waren, in denen man sich nicht verständigen konnte. Rix bestätigte zudem, dass noch viele Fragen offen seien. So hätten die Netzärzte schnell gemerkt, dass sie keine Budgetverantwortung übernehmen könnten, weil dafür noch Fakten fehlten.
Die Teilnahme am PNN ist für AOK-Versicherte übrigens nicht von einer formalen Einschreibung abhängig. Sie können sich auch außerhalb des Netzes behandeln lassen. Wissenschaftlich begleitet wird das Modellvorhaben durch das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES). Sabine Rieser
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