ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Drogenabhängigkeit: Eine andere Mentalität

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Drogenabhängigkeit: Eine andere Mentalität

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2440 / B-2084 / C-1952

Miretski, Boris; Schmidt, Lothar

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LNSLNS Viele Migranten – insbesondere Jugendliche – sind drogenabhängig. Sie benötigen muttersprachliche Kontakt- und Therapiemöglichkeiten.

Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) fordert mehr Hilfsangebote für drogenabhängige Aussiedler. Bisher hat sich das Problem der jungen Drogenabhängigen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion weitgehend verdeckt entwickelt. Seit einigen Jahren steigt aber die Zahl der Abhängigen unter den Aussiedlern erheblich an. Der russische Psychiater Boris Miretski hat gemeinsam mit dem deutschen Psychologen Lothar Schmidt die Situation von mehr als hundert russisch sprechenden Drogenabhängige im Saarland untersucht. Sie kommen zu folgenden Ergebnissen:

Die ersten russisch sprechenden Klienten erschienen 1996 im Saarbrücker Drogenhilfezentrum, davor war das Drogenproblem bei diesen Migranten nicht bekannt. Sie kamen in kleinen Gruppen und blieben im allgemeinen Besucherkreis immer zurückgezogen. Die Kontaktaufnahme durch die Mitarbeiter des Drogenhilfezentrums Saarbrücken war schwierig. Ihre Zahl im Drogenhilfezentrum Saarbrücken stieg seit 1996 kontinuierlich; 1998 waren es schätzungsweise 15 bis 20 pro Tag; Anfang 2000 bereits 30 bis 40.
Viele von den ungefähr 30 000 russisch sprechenden Migranten im Saarland sind drogenabhängig. Bei ihnen bestehen mafiaähnliche Beziehungsstrukturen, die im Beziehungsgeflecht des Drogenhandels eine besondere Rolle spielen. Auffällig ist, dass dort, wo die Zahl und die Dichte dieser Migranten höher ist, auch die Drogenproblematik ausgeprägter ist. Die Mehrzahl konsumiert überwiegend harte Drogen (Heroin) in relativ großen Mengen. Sie berichten, dass etwa 80 Prozent der russisch sprechenden, männlichen Migranten im Alter von 16 bis 28 Jahren Drogen probiert haben und rund 30 Prozent regelmäßig „harte“ Drogen konsumieren. Die meisten kamen als Kinder nach Deutschland. Bereits in den Aussiedler-Aufnahmelagern und in den Schulen besteht die eindeutige Tendenz, sich in Gruppen zusammenzuschließen. Hier bilden sich eigene moralische und ethische Regeln und Mentalitätsbesonderheiten heraus.
Der Weg dieser Kinder und Jugendlichen in die Drogenkarriere lässt sich rekonstruieren: Ein Gruppenmitglied beginnt, Drogen zu konsumieren. Es bezieht sehr schnell andere Gruppenmitglieder ein. Daraufhin spaltet sich die Gruppe; ein Teil der Gruppe entfernt sich; andere fangen aber selbst an, den Drogenkonsum aufzunehmen. Migrationsprobleme spielen dabei eine große Rolle.
Polyvalente Konsumstruktur ist eher selten
Der zweithäufigste Weg führt über die Einbindung in den Drogenhandel. Etablierte Drogenhändler werben Jugendliche an, für die es außerordentlich verlockend ist, anfänglich bis zu 3 000 DM täglich zu verdienen. Allerdings werden sie selbst sehr schnell verführt, den Konsum von Drogen auszuprobieren und beizubehalten.
In den festen, unzugänglichen Gruppen ist eine besondere Mentalität festzustellen. Sie drückt sich durch wechselseitige Kameradschaft mit kriminellen Tendenzen aus. Entsprechend beherrschen die russisch sprechenden Drogenabhängigen im Saarland den Handel mit harten Drogen. Andererseits schildern die deutschen Drogenabhängigen sie als „gut, zuverlässig und freundlich“; sie hätten immer den besseren Stoff, den sie auch auf Kredit verkauften. Sie seien allerdings hart und brutal, wenn die Drogen-Schulden nicht bezahlt würden, auch gegenüber nicht geduldeten Konkurrenten im Drogenhandel seien sie nicht zimperlich. Sehr häufig steigen sie in den Drogenkonsum mit „harten“ Drogen (vor allem Heroin) ein. Polyvalente Konsummuster kommen eher selten vor.
Die meisten russisch sprechenden Drogenabhängigen stammen aus stabilen Familienverhältnissen. Der psychische und physische Gesundheitszustand ist im Vergleich mit den deutschen Drogenabhängigen deutlich besser. Bei den psychiatrischen Störungsbildern treten neurotische (oft mit aggressiven Anteilen) und depressive Störungen in den Vordergrund. Die sozialen Kontakte beschränken sich meist auf den Kreis von russisch sprechenden Drogenkonsumenten. Gezielt gehen sie Beratungs- und Behandlungsangeboten aus dem Weg. Die Drogenprobleme werden durch den größer werdenden Beschaffungszwang und die soziale und psychische Symptomatik so auffällig, dass sie nicht mehr geheim gehalten werden können. Die meisten russisch sprechenden Drogenabhängigen reagieren trotzdem auf Therapieangebote mit Widerwillen und lehnen stationäre Behandlungsformen ab. Teilweise entscheiden sie sich für eine ambulante Therapie.
Die Prävention der Drogenabhängigkeit bei Migranten sollte auf die Prophylaxe des Migrantensyndroms gerichtet sein, spätestens im Alter von sechs bis acht Jahren einsetzen und die Familie und die Schule einbinden. Denn gerade die physischen Störungsbilder, die durch die Migration verursacht werden, bieten den Nährboden für die Drogenabhängigkeit der Jugendlichen.

Boris Miretski, Lothar Schmidt
Ziegelstraße 10, 66113 Saarbrücken
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