ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Ärztinnen: Unausgeschöpfte Potenziale

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Ärztinnen: Unausgeschöpfte Potenziale

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2441 / B-2085 / C-1953

Schoeller, Annegret

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LNSLNS Großer Bedarf an Weiterbildungsstellen

Aus der Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer, Köln, kann die Entwicklung der beruflichen Situation der Ärztinnen und der Ärztinnenzahlen zwischen 1991 und 1996 in Ost- und Westdeutschland nachvollzogen werden. Die Eingrenzung des Zeitraumes mit dem Jahr 1996 ergibt sich aus der Tatsache, dass die Bundes­ärzte­kammer bei der Erstellung ihrer Statistiken seit diesem Zeitpunkt außerhalb der auf das Bundesland bezogenen Abgrenzung keine Unterteilung in Ost und West mehr vornimmt. Vorausgegangen war die Entscheidung im Hinblick auf die Ärztekammer Berlin, in diesem einzigen ehemals gespaltenen Bundesland die Ost-West-Abgrenzung nicht mehr weiterzuführen.
Im Jahr 1996 betrug der Anteil der Ärztinnen an allen 343 600 Ärzten in Deutschland 38 Prozent. Der Ärztinnenanteil, bezogen auf die Gesamtzahl der Ärztinnen und Ärzte in den alten Bundesländern, lag bei 36,1 Prozent, in den neuen Bundesländern bei 50,2 Prozent. Die Ärztinnen sind in den neuen Ländern gegenüber den alten Ländern stärker vertreten, so in Arztpraxen (55,7 Prozent Ost/27,1 Prozent West), in Krankenhäusern (42,4 Prozent Ost/34,6 Prozent West) und bei Behörden und Körperschaften (52,9 Prozent Ost/47,2 Prozent West) (Tabelle 1).
Der Anteil der im Arztberuf berufstätigen Ärztinnen an allen berufstätigen Ärzten und Ärztinnen in Westdeutschland ist im Zeitraum von 1991 bis 1996 von 29,7 Prozent auf 33,5 Prozent gestiegen. Der Anteil der im Krankenhaus arbeitenden Ärztinnen an der Gesamtheit der Krankenhausärzte hat von 31,3 auf 34,6 Prozent, der Anteil der in Praxen tätigen Ärztinnen von 22,5 auf 27,4 Prozent zugenommen. Hingegen sank in den Bundesländern Ost die Anzahl der berufstätigen Ärztinnen im Vergleich zur Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte und Ärztinnen von 1991 bis 1996 von 52,2 auf 49,3 Prozent. Ebenso ging der Anteil der in Krankenhäusern tätigen Ärztinnen (von 45,4 Prozent auf 41,9 Prozent) und der in Praxen (von 61 auf 55 Prozent) zurück. Die Zahl der Ärztinnen ohne Tätigkeit im Arztberuf stieg in den westlichen Bundesländern um zwei Prozent und in Ostdeutschland im gleichen Zeitraum um vier Prozent an (Tabelle 2).
Der hohe Anteil der Ärztinnen in den neuen Bundesländern von mehr als 50 Prozent kann darauf zurückgeführt werden, dass zu Zeiten der DDR der ärztliche Beruf im Vergleich zu anderen Positionen für Männer weniger attraktiv war. Zudem bestand eine bessere soziale Infrastruktur für Ärztinnen als in der damaligen Bundesrepublik. In der früheren DDR wurden Ärztinnen mit Familie beispielsweise durch eine flächendeckende Versorgung von Kindertagesstätten unterstützt, die es ihnen ermöglichte, vollzeitig berufstätig zu sein und neben der Kindererziehung ihre Karriere voranzutreiben. Im Zuge der Angleichung der Bundesländer Ost und West nach der Wiedervereinigung droht diese Infrastruktur allerdings verloren zu gehen. Diese Struktur ermöglichte den Ärztinnen, Familie und Beruf zu vereinbaren und auch berufspolitische Aufgaben zu erfüllen.
Aktueller Stand
In Deutschland wurden zum Stichtag des 31. Dezember 1999 363 396 Ärztinnen und Ärzte registriert – gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um 1,6 Prozent. Innerhalb dieser Gesamtzahl gibt es zurzeit 142 013 approbierte Ärztinnen; dies entspricht einem Anteil von 39,1 Prozent. Nach dem Staatsexamen durchlaufen bisher fast alle Hochschulabsolventinnen mit einem Anteil von 48,8 Prozent an der Gesamtärzteschaft die achtzehnmonatige Berufsphase der Ärztin im Praktikum (ÄiP). Dies bedeutet, dass Ärztinnen und Ärzte – nahezu zu gleichen Anteilen – ins Berufsleben starten (Tabelle 3). Im Laufe der dann folgenden Berufsjahre scheiden immer mehr Ärztinnen aus dem Arbeitsprozess aus und erscheinen in der Ärztestatistik unter der Rubrik „ohne ärztliche Tätigkeit“. Das sind für das Jahr 1999 immerhin 34 756 Ärztinnen. Dies bedeutet: Fast jede vierte Ärztin (24,5 Prozent) geht ihrem erlernten Beruf nicht nach.
Eine exakte Kategorisierung der Angehörigen dieser Gruppe „ohne ärztliche Tätigkeit“ lässt die Statistik allerdings nicht zu. Der Anteil der Frauen in der Kategorie „ohne ärztliche Tätigkeit“ ist im Vergleich zu ihren Kollegen jedoch überproportional hoch; er beträgt 48,1 Prozent. Detail-Daten werden allerdings nicht erfasst: Eine Aufteilung nach im Ruhestand oder Erziehungsurlaub befindlichen, arbeitslosen oder in anderen Berufen tätigen Ärztinnen erfolgt hier nicht. Eine möglichst umfassende Daten-Erfassung hinsichtlich der genannten Kategorisierungen würde es erlauben, dass beispielsweise von den Ärztekammern gezielte Förderungsmaßnahmen für Angehörige entsprechender Gruppen ergriffen werden könnten.
Von den im vergangenen Jahr 107 257 berufstätigen Ärztinnen sind 40,9 Prozent im ambulanten Bereich tätig, wobei 4,5 Prozent dieser Ärztinnen im Angestelltenverhältnis arbeiten und 36,4 Prozent als selbstständig tätige Ärztinnen niedergelassen sind. Angesichts der sehr geringen Anzahl angestellter Ärztinnen im ambulanten Versorgungssektor erscheint es denkbar, dass es eine wegweisende Option sein könnte, in Praxen vermehrt Vollzeit- oder Teilzeitstellen – auch im „Job-Sharing“-Verfahren – anzubieten, um ein zusätzliches Potenzial für ärztliche Weiterbildung aufzubauen, das es auch Ärztinnen/Ärzten mit familiär-beruflicher Doppelbelastung ermöglicht, ihre Weiterbildung abzuschließen.
Der Anteil der in Krankenhäusern arbeitenden Ärztinnen an der Gesamtzahl der in Krankenhäusern tätigen Ärzte lag im Jahr 1999 bei 36,1 Prozent. Damit enthält der Bereich der Krankenhäuser die höchste Anzahl an Ärztinnen im Vergleich zu allen anderen Bereichen ärztlicher Tätigkeit. Auffällig ist hierbei, dass nur sehr wenige Krankenhausärztinnen in ihrem Betätigungsfeld leitende Positionen bekleiden – ihr Anteil liegt in 1999 bei 2,4 Prozent. Die höchste Anzahl von Ärztinnen in leitenden Positionen ist in Fachgebieten vorzufinden, in denen ohnehin viele Ärztinnen vertreten sind, wie in der Kinderheilkunde mit 6,6 Prozent, in der Anästhesie mit 6,4 Prozent, in der Inneren Medizin mit 5,6 Prozent sowie in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit 3,7 Prozent. Diese Quoten stellen im Vergleich zu den Vorjahren keine Ausnahme dar. Ob hierfür eine mangelnde Förderung der Ärztinnen in Krankenhäusern oder familiäre Gründe der jeweiligen Einzelpersonen die wesentlichen Hindernisse darstellen, ist offen.
4,6 Prozent der berufstätigen Ärztinnen sind in Behörden und/oder Körperschaften tätig, weitere 8,2 Prozent sind in „sonstigen Bereichen“ tätig. Darunter fallen alternative Berufsfelder wie beispielsweise Medizinjournalismus, Tätigkeiten in der Pharmaforschung, Reisemedizin und andere. Dieser mit 8 845 Ärztinnen relativ hohe Anteil, gemessen an der Zahl der Ärztinnen, ist damit zu erklären, dass viele Frauen Beruf und Familie in Einklang zu bringen versuchen und deshalb keine Laufbahn in bereitschaftsdienstintensiven Bereichen der kurativen Medizin anstreben, sondern stattdessen Berufsfelder mit der Möglichkeit von Teil-Arbeitszeit oder zumindest regelmäßiger Arbeitszeit vorziehen.
Viele Ärztinnen ohne Facharztstatus
Von den berufstätigen Ärztinnen ist der weitaus überwiegende Teil von 49,7 Prozent ohne Facharzt-Status. Fast ebenso hoch ist der Anteil (44,3 Prozent) derer, die in Krankenhäusern tätig sind. Der größte Teil der Ärztinnen ohne Gebietsbezeichnung arbeitet im Krankenhaus. An zweiter Stelle rangiert für diese Gruppe die Tätigkeit in „sonstigen Bereichen“, das heißt: Behörden, Körperschaften und fachfremde Berufsfelder. Der hohe Anteil der Ärztinnen ohne Gebietsbezeichnung ist ein Indiz dafür, dass es Ärztinnen in weitaus geringerem Maß als Ärzten gelingt, ihre Weiterbildung zur Fachärztin konsequent voranzutreiben. Ursachen hierfür liegen hauptsächlich in der Rolle, die die junge Frau bei der Familiengründung übernimmt. Gleichzeitig muss aber gefragt werden, inwieweit in den klassischen Weiterbildungsstätten Krankenhäusern und Universitätskliniken dieser Tatsache ohne Benachteiligung der Assistenzärztinnen Rechnung getragen wird und ob darüber hinaus eine Frauenförderung stattfindet.
Es ist Tatsache, dass Weiterbildung und Lebensalter junger Ärztinnen zumeist so zusammentreffen, dass zu einem sensiblen Zeitpunkt eine Entscheidung zugunsten einer Familienplanung fällt, die für den nachfolgenden Zeitraum zumeist eine zuungunsten der konsequenten Weiterbildung ausfallende Konstellation zeitigt. Bei den geltenden Strukturen kann die Weiterbildung für Ärztinnen mit Kleinkindern nur in unterbrochener oder sehr ausgedehnter Form stattfinden. Fallweise kann ein Wiedereinstieg in die einmal unterbrochene/abgebrochene Weiterbildung gar nicht erfolgen. Die Bezeichnung „Praktische Ärztin“, die es früher auch Ärztinnen ohne Weiterbildung ermöglichte, sich niederzulassen, ist seit 1996 nicht mehr zu erlangen. Aus Gründen der Qualitätssicherung ist stattdessen die Gebietsbezeichnung Allgemeinmedizin, die eine fünfjährige Weiterbildungszeit erfordert, eingeführt worden. Dieses Vorgehen ist vor dem Hintergrund der immer höheren Anforderungen eines hoch entwickelten Gesundheitswesens nachvollziehbar, doch wird den Ärztinnen mit Kindern hiermit ein weiteres selbstständiges Tätigkeitsfeld nahezu entzogen. Dies bedeutet, dass eine eigenständige ärztliche Tätigkeit nicht mehr allein mit der Approbation möglich ist, sondern nur noch mit einer abgeschlossenen Weiterbildung.
Mittelfristig wird sich zeigen, welche neuen Konzepte zur Weiterbildung auf der Basis dieser qualitätsorientierten Weichenstellungen entstehen, die ein hoher Anteil an Ärzten ohne Weiterbildung – ob weiblich oder männlich – akzeptieren kann.
Die Zahlen aus dem letzten Jahr hinsichtlich der Gebietsbezeichnungen deutscher Ärztinnen zeigen eine Rangliste mit deutlichen zahlenmäßigen Abstufungen:
- Allgemeinmedizin (14 Prozent)
- Innere Medizin (10,3 Prozent)
- Kinderheilkunde (7,3 Prozent)
- Anästhesiologie (6,4 Prozent)
- Frauenheilkunde und Geburtshilfe (6,4 Prozent).
Ärztinnen im Krankenhaus sind vorwiegend in der Anästhesiologie, in der Inneren Medizin, in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe und in der Kinderheilkunde tätig, jedoch lassen sie sich später mit weitaus größtem Teil als Praktische Ärztinnen/Allgemeinmedizinerinnen, als Frauenärztinnen, Kinderärztinnen und als Internistinnen nieder (Tabelle 3).
Die Altersstruktur der berufstätigen Ärztinnen zeigt in Bezug auf das jeweilige Tätigkeitsfeld eine deutliche Aufspaltung. Von den Ärztinnen im Alter bis 39 Jahre ist der größte Anteil in Krankenhäusern tätig. Im Altersbereich von 40 bis 59 Jahren dominiert der Status der niedergelassenen Ärztin. Die Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen stellt augenblicklich den größten Anteil der berufstätigen Ärztinnen dar. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Weiterbildung von den Ärztinnen zunächst überwiegend in den Krankenhäusern absolviert wird, um sich später als Fachärztin niederzulassen, mag diese Zahlen erklären. Die Anzahl derjenigen Ärztinnen über 50 Jahre, die im Krankenhaus tätig sind, wäre sicherlich geringer, wenn es nicht die Niederlassungsbeschränkung gäbe.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A 2441–2444 [Heft 38]

Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Annegret Schoeller
Bundes­ärzte­kammer
Herbert-Lewin-Straße 1
50931 Köln


Ärztinnen haben es im Berufsleben oftmals schwerer als ihre Kollegen. Es gibt einige Erfolg versprechende Initiativen zur beruflichen Integration der Ärztinnen. Foto: Peter Wirtz


´Tabelle 1
Ärztinnen in der Bundesrepublik Deutschland
Gesamt: Darunter: Berufstätig: Davon:
Bundesland Anzahl ohne ärztliche Anzahl ambulant stationär in Behörden, in anderen
Tätigkeit Körperschaften Bereichen
Bundesländer Ost  23 700  3 400  20 300  9 700  8 400   900  1 300
Bundesländer West 106 900 27 000  79 900 26 100 40 000 4 200  9 600
Bundesländer insges. 130 600 30 400 100 200 35 800 48 400 5 100 10 900
Quelle: Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (Köln), Stand 31. Dezember 1996


´Tabelle 2
Entwicklung des Anteils der Ärztinnen (in den Bundesländern)
Jahr Ärztinnen im Krankenhaus Ärztinnen in der Praxis berufstätige Ärztinnen gesamt ohne ärztliche Tätigkeit
Ost West Ost West Ost West Ost West
1991 9 701 31 229 10 546 17 473 22 018 59 963 22 055 2 142
1992 9 426 32 973 10 502 18 598 22 123 63 442 23 233 2 618
1993 9 351 33 878 10 723 22 568 22 275 67 880 23 174 3 242
1994 8 224 37 235  9 383 24 887 19 458 74 599 24 724 2 834
1995 8 483 38 616  9 519 25 423 19 969 77 384 25 701 3 120
1996 8 415 39 974  9 651 26 107 20 291 79 937 26 948 3 437
Quelle: Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (Köln), Stand 31. Dezember 1996

´Tabelle 3
Ärztinnen nach Bezeichnungen und Tätigkeitsarten (Auszug)
Gesamt: Darunter: Berufstätig: Davon:
Gebietsbezeichnung Anzahl ohne ärztliche Anzahl ambulant stationär in Behörden, in anderen
Tätigkeit Körperschaften Bereichen
Ohne Gebietsbezeichnung  53 313 17 090  36 223  6 310 23 612 1 822 4 479
Praktische Ärztinnen   5 138    717   4 421  3 548    388    85   400
Allgemeinmedizin  15 887  3 204  12 683 10 949    466   515   753
Anästhesiologie   6 929  1 113   5 816  1 161  4 361    93   201
Frauenheilkunde   6 852  1 053   5 799  3 953  1 623    40   183
Innere Medizin  11 007  2 629   8 378  3 668  3 734   467   509
Kinderheilkunde   7 825  2 307   5 518  3 067  1 604   458   389
Ärztinnen im Praktikum   8 747  1 565   7 182    372  6 584    32   194
Insgesamt 142 013 34 756 107 257 43 826 49 618 4 968 8 845
Quelle: Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (Köln), Stand 31. Dezember 1999
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