ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Kinderlosigkeit: Kinderwunsch wird häufig lange hinausgezögert

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Kinderlosigkeit: Kinderwunsch wird häufig lange hinausgezögert

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2445 / B-2089 / C-1957

Richter, Eva A.

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LNSLNS Der Wunsch nach einem Baby muss häufig zunächst zurückstehen. So kann sich aus einer gewollten eine alterbedingte ungewollte Kinderlosigkeit entwickeln.

Erst die Karriere – dann ein Kind. Für viele Frauen ist das die logische Abfolge in der Lebensplanung. Obwohl die biologische Uhr tickt, möchten sie auf beruflichen Erfolg nicht verzichten. Dieser scheint besonders für gut ausgebildete junge Frauen nicht mit der Mutterschaft vereinbar zu sein. Die Folge: Eine Schwangerschaft wird zunächst verhindert beziehungsweise hinausgezögert. Doch aus der gewollten Kinderlosigkeit kann später eine ungewollte Kinderlosigkeit werden. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Oberhalb des 30. Lebensjahres steigt sowohl bei der Frau als auch beim Mann das Sterilitäts- beziehungsweise Infertilitätsrisiko. Die Wahrscheinlichkeit für eine erste Elternschaft sinkt.
So bleibt für manche Paare der eigene Nachwuchs nur ein Traum. Schätzungen haben ergeben, dass zwischen 15 und 20 Prozent der deutschen Frauen ungewollt kinderlos sind. Die Tendenz sei steigend. „Diese Zahl wird jedoch nie genauer belegt“, meint Prof. Dr. Elmar Brähler, Psychologe am Universitätsklinikum Leipzig. „Es spricht alles dafür, dass sie nicht korrekt ist.“ Denn nicht die Zahl der ungewollt kinderlos bleibenden Paare, sondern die Zahl der gewollt kinderlos bleibenden Paare steige an. Erst viel später könne daraus eine ungewollte Kinderlosigkeit resultieren.
Unwahrscheinlich sei, dass sich das Ausmaß medizinisch bedingter Kinderlosigkeit in den letzten Jahren nennenswert verändert hat. Allerdings wandeln sich die Einstellungen der Paare. Die biografischen Konsequenzen der Elternschaft, die materielle Absicherung und die Frage nach der Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit der Frau werden zunehmend ins Kalkül gezogen.
Noch gibt es Unterschiede zwischen Ost und West
„In den alten Bundesländern haben der verlängerte Bildungsweg und die ansteigende Erwerbstätigkeit der Frauen zu einem rapiden Anstieg des Alters der Frauen bei der Familiengründung und vermehrt zu Entscheidungen gegen eine Elternschaft überhaupt geführt“, erklärt Brähler. Mit dem Bildungsniveau nimmt in Westdeutschland der Anteil dauerhaft kinderloser Frauen zu. Während nach den Ergebnissen des Family and Fertility Surveys etwa 15 Prozent der westdeutschen Frauen zwischen 30 und 39 Jahren ohne Berufsabschluss kinderlos sind, haben in der Gruppe der gleichaltrigen Hochschulabsolventinnen etwa 37 Prozent keine Kinder.
Für die neuen Bundesländer gilt das (noch) nicht. Hier waren nur 11 Prozent der Frauen ohne Berufsabschluss und sogar nur 8 Prozent der Hochschulabsolventinnen kinderlos. Brähler rechnet jedoch damit, dass es in den nächsten Jahren auch in Ostdeutschland zu einem Anstieg der altersbedingten, ungewollten Kinderlosigkeit kommt. „In der ehemaligen DDR waren die Probleme der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Bildungs- sowie nachfolgend Erwerbsbeteiligung nicht so stark ausgeprägt“, erläutert er. In erster Linie erwartet er allerdings durch die veränderten Bedingungen einen Anstieg der gewollten Kinderlosigkeit. Vor allem Frauen mit einem höheren Bildungsgrad würden die Erfüllung des Kinderwunsches hinausschieben, vermutet er.
Derzeit liegt der Anteil der ungewollt kinderlosen Paare in der Altersgruppe der 35- bis 39-Jährigen bei 13 Prozent in den alten und unter fünf Prozent in den neuen Bundesländern. „Die postulierte Zahl von 15 bis 20 Prozent aller Paare, die ungewollt infertil sind, wird trotz allem in absehbarer Zeit nicht erreicht werden“, glaubt Brähler. Das Hinausschieben des Kinderwunsches werde aber vermutlich zu einer vermehrten Nachfrage nach dem Therapieangebot der Reproduktionsmedizin führen; vor allem in den neuen Ländern. Zu befürchten ist allerdings, dass noch mehr Menschen den Kinderwunsch hinauszögern, da die Reproduktionsmedizin die Erwartung weckt, dass der Kinderwunsch auch noch im höheren Lebensalter zu erfüllen ist. Schon jetzt muss die Reproduktionsmedizin ein sozio-kulturelles beziehungsweise gesellschaftsbedingtes Problem behandeln: die spät in Angriff genommene Realisierung des Kinderwunsches.
Dr. med. Eva A. Richter


Nach Angaben des Berufsverbandes der Frauenärzte wird jedes siebte Kind in Deutschland von einer Mutter über 35 Jahre geboren. Die Chancen für eine komplikationslose Geburt und ein gesundes Baby sind heute auch dann sehr gut. Foto: Berufsverband der Frauenärzte
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