ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Medizinstudium: Neue Medien in der Anatomie

THEMEN DER ZEIT

Medizinstudium: Neue Medien in der Anatomie

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2446 / B-2091 / C-1850

Putz, Reinhard

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LNSLNS Lehre in der Anatomie zwischen Anspruch und Wirklichkeit – ein Symposium in München am 1. und 2. Juni 2000


Die Anatomische Gesellschaft hat vor kurzem in München ein Symposium durchgeführt, das sich mit den Herausforderungen durch die Entwicklung der neuen Medien für die Anatomie befasste. Daraus wurde deutlich, dass die „Lehre“ für die Anatomen über die Zielsetzungen in der Forschung hinaus ein wichtiges Thema geworden ist.
Stellenwert der Anatomie in der medizinischen Ausbildung
Aus Sicht der Anatomie erscheinen trotz des zunehmenden Angebotes an Lehr- und Lernprogrammen nach wie vor gerade der makroskopische und der mikroskopische Kurs als die am besten geeigneten Instrumente zur Vermittlung des „Begreifens“ der Grob- und der Feinstruktur des menschlichen Körpers als eines der zentralen Handwerkzeuge des praktisch tätigen Arztes. Befragungen der Absolventen der Kurse über den Stellenwert dieser Erfahrung für das Studium wie auch für die Tätigkeit in der Praxis zeigen den einmaligen Wert dieser absolut praktischen Unterrichtsveranstaltungen, die zudem in ihrem Aufbau als interaktive Gruppenarbeit einem sehr modernen didaktischen Konzept folgen.
Die Anatomen sind sich einig, dass sich die Vermittlung anatomischer Grundlagen nicht auf die Vorklinik beschränken, sondern auch in das Studium klinischer Sachverhalte integriert werden sollte. Der Anstoß dazu sollte allerdings vermehrt von den Vertretern der klinischen Fächer ausgehen. Auf umschriebene Zielgruppen hin ausgerichtet, öffnen sich darüber hinaus immer öfter anatomische Institute für die klinischen Fragestellungen, vor allem zur Ergänzung der Weiterbildung, indem sie Operationskurse et cetera mitorganisieren.
Innerhalb und außerhalb Deutschlands ist bereits eine Reihe von Projekten in Entwicklung oder etabliert, die neue Impulse für den anatomischen Unterricht geben. Beispielhaft sind Lehrveranstaltungen, die den klinischen Anwendungsbezug zum Thema machen. So schlagen zum Beispiel vielerorts angebotene Ultraschalldemonstrationen und -praktika eine Brücke vom Präparierkurs zur klinischen Anwendung, was eine wesentliche Motivation für die Studierenden darstellt, sich die zugrunde liegenden anatomischen Verhältnisse am Präparat zu vergegenwärtigen. Beispielhaft sei auf das Modell Düsseldorf hingewiesen, wo Studierende parallel zum Präparierkurs in Kleingruppen die Grundlagen der Ultraschalltechnik erlernen können. Voraussetzung ist in jedem Fall ein entsprechender technischer und didaktischer Ausbildungsstand der Gruppenleiter. Eine Reihe von Projekten befasst sich mit dem Einsatz neuer Medien bei der Vermittlung des Unterrichtsstoffes als Lehr- beziehungsweise Lernprogramme sowohl für mikroskopische als auch makroskopische Themenbereiche. Sie stellen wertvolle Ergänzungen zu den praktischen Übungen dar. Besonders attraktiv ist das Angebot auf dem Gebiet der Röntgenanatomie, wo sich eine breite Palette von Fallbeispielen kurzfristig abrufen und in den Unterricht integrieren lässt. Programme mit histologischen und mikroskopisch-anatomischen Inhalten können das Spektrum der verfügbaren Kurspräparate erheblich erweitern.
Die meisten Programme sind zwar primär als ergänzende Lehr- beziehungsweise Lernbehelfe konzipiert, lassen sich aber zunehmend als effiziente Mittel für das Selbststudium einsetzen. Eine der Herausforderungen der Zukunft an die Lehrer und Lehrerinnen in der Anatomie wird es sein, dieses wachsende Angebot an Lehrmitteln sinnvoll in die Ausbildung zu integrieren. Dies gilt in besonderer Weise für Lehrprogramme, die ein allgemeines Fachangebot darstellen, wie zum Beispiel Schnittanatomie. Den Anatomen ist bewusst, dass ein Beharren auf traditionellen Lehrformen ohne Einbeziehung dieser neuen Medien
die klassischen Grundlagenfächer leicht in eine Stagnation und in gewisse Isolation führen könnte.
In grundsätzlichen Beiträgen wurde überzeugend dargelegt, dass gerade über gut durchdachte Evaluationen die notwendigen fundierten Argumente für eine Weiterentwicklung der Lehre in der Anatomie gewonnen werden können. Derartige Befragungen müssen möglichst professionell
im Sinne einer Prozessevaluation durchgeführt werden.
In der Schlussdiskussion ergaben sich Forderungen, deren Umsetzung auf möglichst breiter Basis angestrebt wird:
 gezielter Einbau der vielfältigen Lehrangebote auf der Basis neuer Medien in die Ausbildung als Ergänzung zu den anatomischen Kursen
 verstärkte Integration anatomischer Sachverhalte in klinische Ausbildung und Weiterbildung
 Einbau des lokalen Reichtums an wissenschaftlichen Schwerpunkten in die Vermittlung des Unterrichtsstoffes
 vermehrte Nutzung des Internets für die interne fachliche Fortbildung
 professionelle Ausbildung der Anatomen in fachbezogener Didaktik.
Einig waren sich alle Beteiligten, dass die Lehre im Fach Anatomie nur dann in effizienter und attraktiver Weise ihren Teil in der zukünftigen Medizinerausbildung beitragen kann, wenn – wie dies auch Ulrich Welsch im Deutschen Ärzteblatt vom 7. August 2000 insbesondere für den histologischen Bereich fordert – sie in enger Verbindung zu aktuellen Forschungsthemen erfolgt. Voraussetzung für eine lebendige Ver-
mittlung der komplexen anatomischen Sachverhalte, die die Studierenden über das passive Erlernen der Fakten hinaus die Faszination etwa der Morphogenese oder der funktionellen Anpassung auf allen morphologischen Ebenen erfahren lässt, ist die eigene wissenschaftliche Erfahrung der Unterrichtenden.

Prof. Dr. med. Reinhard Putz
Anatomische Anstalt, Lehrstuhl I
Pettenkofer Straße 11, 80336 München


Hilfreich bei der Vermittlung anatomischer Unterrichtsstoffe: Neue (audiovisuelle) Medien sind eine wertvolle Ergänzung. Foto: Peter Wirtz
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