ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Patiententestament: Erkennungsmarke um den Hals tragen

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Patiententestament: Erkennungsmarke um den Hals tragen

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2450 / B-2092 / C-1960

Kramer, K. H.

Anmerkungen zu einem Patienten-verfügungs-Testament
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LNSLNS Irgendwann ist es für jeden Zeit, die Vergänglichkeit des eigenen Lebens für den Eigengebrauch einzukalkulieren. Vor einiger Zeit fiel mir im Wartezimmer eines Kollegen ein ausgelegtes Formular auf: „Patientenverfügungs-Testament“, herausgegeben von der Ethikkommission der Ärztekammer Berlin. Ich hab es mitgenommen und für Freunde fotokopiert. Im nachdenklichen Gespräch sind mir Zweifel gekommen bezüglich der Nützlichkeit eines solchen Papiers etwa folgender Art: Ich kann meinem Hausarzt den Schein in die Hand drücken, meinetwegen auch mich vergewissern, dass diese Verfügung an meine Karteikarte angeheftet wird. Aber der Zufall will, dass ein wildfremder Arzt, und sei es „nur“ der Nachbarkollege im Notfalldienst, sich um mich als Notfall bemühen muss, und schon ist mein Wille unbekannt. Und man bringt mich wehrlosen Menschen ins Krankenhaus und versorgt mich dort in der selbstverständlichen Annahme, dass ich auf ein ewiges Leben erpicht sei.
Dabei muss ich eigenes Erleben einflechten: Seit ich mich aus dem Berufsleben zurückziehen durfte (kurz vor Erreichen des 66. Lebensjahrs), wohnen wir wohl im selben Ort, aber in einer anderen Straße. In einem Nachbarort haben wir etwas Besitz und etliche Freunde. Einer davon ist Otto, den ich als Hausarzt 35 Jahre lang versorgte und der mir seinerseits die nötigen Kniffe eines Jägersmannes beibrachte. Längst genoss ich den Ruhestand, als vor mehr als dreieinhalb Jahren Ottos Frau mich anrief, dass ihr Mann vor drei Tagen ins Krankenhaus gebracht werden musste wegen einer Hirnblutung. Dort habe man eine Schädeloperation durchgeführt, es gehe ihm wieder gut. Am nächsten Tag fuhr ich hin und fand ihn in tiefem Schlaf. Im Flur traf ich den Stationsarzt und hörte, dass Otto einen neuen Schlag bekommen hatte und seitdem im Koma sei. Beide waren wir überzeugt, dass Otto bestenfalls zum Dauerpflegefall werde, und so riet ich dringend, nichts zu tun, was sein Leben sinnlos verlängern würde. Aber man hörte nicht auf mich (mit seiner Frau gab es ein solches Gespräch überhaupt nicht). Im Laufe dieser dreieinhalb Jahre hat der Patient jede Menge lebensgefährliche Komplikationen durchstanden, er wird durch eine Witzelfistel am Leben erhalten, zeitweilig ist er halbwegs wach, und dann ist er sich seiner trostlosen Situation bewusst, und wenn einer seiner Jagdfreunde kommt (er erkennt sie an der Stimme), weint er hemmungslos und bettelt, dass man ihn erschießen soll. „Was tue ich noch auf der Welt?“ fragt er. Seiner bewundernswert tapferen Frau versuche ich, Trost zu bringen. Wir sind uns einig, dass es in Ottos Sinn wäre, ihm nur noch Tee in das Schläuchlein zu geben. Aber das will sie nicht, und ich kann es ihr auch nicht raten. Die Entscheidung hätte schon vor Anlegen der Witzelfistel fallen müssen. Der Stationsarzt wusste das, aber der Chef wollte wohl zeigen, was man alles machen kann. Er hat wohl noch nie alle Tage einen solch armen Menschen versorgen müssen – ich auch nicht!
Dieses erschütternde Erlebnis schildere ich in der Erwartung, dass Kollegen, die des Glaubens sind –, oder dazu dressiert wurden –, jedes Leben um jeden Preis zu verlängern, anfangen sollten, ihr Tun zu überdenken. Man muss den Mut haben, einen Menschen aus Barmherzigkeit sterben zu lassen, wenn seine Stunde gekommen ist. Der Papst brachte es einmal auf eine brauchbare Formel: Everyman has the right to die in dignity. Zurück zum Ausgangspunkt „Patientenverfügung“, hinterlegt beim Hausarzt oder im Nachtschränkchen. Ich meine: Wer ernstlich will, das seine Verfügung befolgt wird, muss so etwas wie die Erkennungsmarke um den Hals tragen, ein kurzes Goldkettchen mit einem unverwechselbaren Emblem oder eine derartige Tätowierung über dem Brustbein. Das Emblem könnte Designer vielleicht anregen.
Dr. med. K. H. Kramer,
v.-d.-Leyen-Straße 13,
66907 Glan-Münchweiler
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