ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Rechte Gewalt: Ursachen liegen tiefer

BRIEFE

Rechte Gewalt: Ursachen liegen tiefer

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2452 / B-2094 / C-1962

Schleip, Holger

Zu dem „Seite eins“-Beitrag „Deutliche Worte“ von Dr. Thomas Gerst in Heft 33/2000
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LNSLNS In den Medien rangiert die Gewalt gegen Ausländer obenan, in den Kriminalstatistiken die Gewalt von Ausländern. Ersteres ist nicht typisch deutsch und letzteres nicht typisch ausländisch, vielmehr ist beides typisch Einwanderung.
Verglichen mit traditionell multi-ethnischen Gesellschaften, liegt der Gewaltpegel in Deutschland noch erfreulich tief. Weit verbreitet ist hier hingegen eine Überfremdungsangst-gesteuerte Antipathie breiter Bevölkerungskreise gegen alle (auch gegen beruflich hoch qualifizierte) fremdländische Einwanderer. „Klassische Einwanderungsländer“ wie die USA oder Australien geben sich hierin weltoffener, was aber nicht Folge einer freien Entscheidung von Indianern beziehungsweise Aborigines ist, sondern vorläufiges Ende eines wohl kaum nachahmenswerten Weges voller Blut und Tränen.
NS-Ideologie ist Begleiterscheinung, nicht Ursache von Fremdenhass. Die Ursachen liegen tiefer, sind hier dieselben wie in Ex-Jugoslawien, Indonesien oder Burundi, und am ehesten stammesgeschichtlich als „Revierverteidigung“ zu verstehen. Der Mensch denkt nicht nur in „ich“ und „du“, sondern auch in „wir“ und „ihr“, und das ist gut so. Zum „wir“ kann der Berufsstand, die Partei, die Familie oder das Volk beziehungsweise die Volksgruppe werden, und im letzten Fall entstehen Tendenzen, für das eigene Volk, die eigene Volksgruppe ein eigenes Land zu beanspruchen, ähnlich der eigenen Wohnung für die eigene Familie, in der wohl Gäste zuweilen gern gesehen sind, aber nicht konkurrierende Mitbewohner mit gleichen Rechten. Gewalt gegen Ausländer, Vertreibung und Völkermord lassen sich verhindern, indem man dieser menschlichen Veranlagung Rechnung trägt, aber nicht, indem man sie tabuisiert. Hier gilt Entsprechendes wie für Eifersucht oder finanzielles Besitzstreben, die ja auch zu Gewalt führen können, von denen wir aber eingesehen haben, dass wir sie nicht wegerziehen können.
Dass unser Gesundheitswesen an einer besonderen Form von Ausländerfeindlichkeit sich beteiligt, zeigt der Kommentar, wenn auch wohl unbeabsichtigt: Aus ärmeren Ländern erst Ärzte und dann zahlungskräftige Patienten abzuziehen, diese Rosinenpickerei reicher Industrienationen ist ausländerfeindlich. Feindlich gegen die Ausländer, die in ihrer Heimat bleiben wollen oder müssen, und auf das dortige, durch unser Zutun noch maroder werdende Gesundheitswesen angewiesen sind.
Dr. med. Holger Schleip,
Marktplatz 2 a, 75217 Birkenfeld
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