ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Risiko der Hepatitis-C-Übertragung durch Stillen

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Risiko der Hepatitis-C-Übertragung durch Stillen

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2462 / B-2104 / C-1970

Laufs, Rainer; Polywka, Susanne

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LNSLNS Zusammenfassung
Von 426 Kindern HCV-infizierter Mütter wurden 20 perinatal infiziert; das entspricht einer Übertragungsrate von 4,7 Prozent. Eine Virusübertragung konnte durch Kaiserschnitt nicht verhindert werden. Die HCV-infizierten Kinder entwickelten mit einer Ausnahme keine Zeichen einer Lebererkrankung. Die nichtinfizierten Kinder verloren die mütterlichen Antikörper im Mittel nach einem Jahr. In 97 Muttermilchproben von 95 HCV-infizierten Müttern war kein HCV nachweisbar. Bei keinem der 76 gestillten Kinder haben wir Hinweise dafür, dass das Stillen zur HCV-Übertragung geführt hat. Wir raten deshalb den HCV-infizierten Müttern nicht vom Stillen ab.

Schlüsselwörter: Hepatitis C, perinatale Virusübertragung, Stillen

Summary
Breast-feeding and Perinatal Hepatitis C Transmission
From 426 children born to mothers with chronic hepatitis C virus (HCV) infection 20 (4.7 per cent) became perinatally infected. The HCV infection could not be prevented by caesarean section. None of the HCV infected children developed signs of clinical liver disease except one. The non infected children lost the maternal antibodies within one year. None of the 97 samples of breast milk from 95 HCV infected mothers contained HCV RNA, whereas 67.5 per cent of 362 mothers tested for HCV RNA had HCV viraemia. In none of the 76 breast-fed infants we found evidence for HCV transmission by breast-feeding. These results indicate that HCV infection should not be a contraindication for breast-feeding.

Keywords: Hepatitis C, perinatal transmission, breast-feeding


Das Hepatitis-C-Virus (HCV) wird wie das Hepatitis-B-Virus (HBV) und das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) vor allem parenteral durch Blut übertragen. Die Infektion bleibt oft für viele Jahre unbemerkt. Nur 40 Prozent der frisch Infizierten entwickeln erhöhte Transaminasen und nur 20 Prozent einen Ikterus. Aber mehr als 85 Prozent der Infektionen verlaufen chronisch, und in 20 Prozent entwickelt sich nach 20 Jahren eine Leberzirrhose (1, 2). Etwa 0,2 Prozent bis 0,8 Prozent aller Deutschen sind HCV-Dauerträger. Seit der Untersuchung aller Blutspenden auf das HCV, die seit dem 1. Februar 1990 dringlich empfohlen und seit dem 1. Januar 1993 vorgeschrieben ist, hat die Anzahl der Neuinfektionen abgenommen.
Postnatale Übertragungswege
Die Hauptübertragungswege des Hepatitis-C-Virus sind derzeit in circa 70 Prozent intravenöser Drogenabusus und in circa fünfzehn Prozent Sexualkontakte. Andere Übertragungswege des Virus sind in circa sechs Prozent bis zwölf Prozent die Dialyse und in circa einem Prozent Haushaltskontakte.
Bluttransfusionen spielen für die Übertragung mit weniger als einem Prozent nur noch eine untergeordnete Rolle (3, 4). Da das Hepatitis-C-Virus auch von der Mutter perinatal auf das Kind übertragen werden kann (5, 6, 7), haben wir diesen Übertragungsweg näher untersucht. Dabei interessierte uns besonders die Frage, ob das Hepatitis-C-Virus durch das Stillen übertragen werden kann, da bei vielen Müttern, die mit dem HCV infiziert sind, der Wunsch besteht, ihr Kind zu stillen.
Übertragung von der Mutter auf das Kind
Unsere Studie umfasst 426 Kinder, die von 362 HCV-infizierten Müttern zwischen 1981 und 1999 geboren wurden. Zwölf der Mütter waren gleichzeitig auch Träger von HIV 1. Sie hatten sich auf folgenden Wegen mit dem HCV infiziert: In 58,8 Prozent durch intravenösen Drogenabusus, in 5,5 Prozent durch Blutprodukte oder Dialyse und in 1,2 Prozent durch Sexualkontakte. In 34,3 Prozent blieb der Infektionsweg unbekannt. Die HCV-Genotypen waren in 58,8 Prozent 1b, in 34,9 Prozent 1a, in 6,4 Prozent 3a und in 2,9 Prozent 4a. Die Kinder (n=256) wurden meist während der ersten Lebenswoche oder im Alter von 8 bis 31 Tagen (n=66), von einem Monat bis einem Jahr (n=64) und von mehr als einem Jahr (n=40) auf HCV untersucht. Zwanzig (4,7 Prozent) der 426 perinatal HCV-exponierten Kinder wurden infiziert. Die HCV-Infektion waren durch Virusnachweis in der PCR (n=17) oder durch die Persistenz der HCV-Antikörper für länger als zwei Jahre (n=3) nachgewiesen (8). Keines der Kinder war gleichzeitig mit dem HIV infiziert. Die HCV-Infektion der Mutter führte nicht zu Missbildungen der Kinder und nicht zur Frühgeburt. Die vertikale HCV-Übertragung wurde durch Kaiserschnitt nicht verhindert. Alle 20 infizierten Kinder hatten – mit einer Ausnahme – keine laborchemischen Zeichen einer bestehenden Lebererkrankung über einen Beobachtungszeitraum von 11 Tagen bis 18 Jahren (Mittel: 38,7 Monate). Das einzige Kind mit laborchemisch nachweisbarer Hepatitis ist ein siebeneinhalb-jähriger Junge, dessen Transaminasen vor sechs Monaten leicht anstiegen. Das Kind ist ansonsten gesund und hat bisher keine Zeichen einer schweren Leberschädigung. Die nichtinfizierten Kinder verloren die mütterlichen Antikörper im Mittel nach einem Jahr.
Kein Übertragungsrisiko durch Stillen erkennbar
Um das Risiko der HCV-Übertragung durch Stillen abzuklären, haben wir 97 Muttermilchproben von 95 HCV-infizierten Müttern auf HCV-RNA in der PCR getestet. Die Mehrheit der Mütter (67,5 Prozent) hatte bei der Blutuntersuchung einen positiven PCR-Befund. Die Viruskonzentration reichte von 102 bis 107 RNA-Kopien/ml, im Mittel 104 Kopien/ml (9). Trotzdem war keine der 97 Muttermilchproben positiv für HCV-RNA. Zur Absicherung der Methode hatten wir Kontrollen HCV zugesetzt. Diese reagierten erwartungsgemäß HCV-RNA positiv. Nur eines der 76 gestillten Kinder war HCV-positiv, aber der frühe Virusnachweis schon bald nach der Geburt legt nahe, dass die HCV-Übertragung bei diesem Kind bereits in utero oder während der Geburt erfolgte.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A 2462–2463 [Heft 38]

Literatur
 1. Laufs R et al.: Was bedeutet der Befund „HCV-Antikörper positiv"? Dt Ärztebl 1994; 91: A-285–287[Heft 5] .
 2. Feucht HH et al.: High rate of chronicity in HCV infection determined by antibody confirmatory assay and PCR in 4110 patients during long-term follow-up. J Clin Virol 1999; 13: 43–51.
 3. Manns M: Europäischer Konsens zu Hepatitis C. Dt Ärztebl 1999; 96: A-3252–3255 [Heft 50].
 4. Alter MJ et al.: The prevalence of hepatitis C virus infection in the United States, 1988 through 1994. New Eng J Med 1999; 341: 556–562.
 5. Polywka S, Feucht HH, Zöllner B, Laufs R: Hepatitis C virus infection in pregnancy and the risk of mother-to-child transmission. Eur J Clin Microbiol Infect Dis 1997; 16: 121–124.
 6. Meisel H et al.: Transmission of hepatitis C virus to children and husbands by women infected with contaminated anti-D immunoglobulin. Lancet 1995; 345: 1209–1211.
 7. Agha S, Sherif LS, Allam MA, Fawzy M: Transplacental transmission of hepatitis C virus in HIV-negative mothers. Res Virol 1998; 149: 229–234.
 8. Schröter M, Feucht H-H, Schäfer P, Zöllner B, Polywka S, Laufs R: Definition of false-positive reactions in screening for hepatitis C virus antibodies. J Clin Microbiol 1999; 37: 233–234.
 9. Polywka S, Schröter M, Feucht HH, Zöllner B,
Laufs R: Low risk of vertical transmission of hepatitis C virus by breast milk. Clin Infect Dis 1999; 29: 1327–1329.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Rainer Laufs
Institut für Medizinische Mikrobiologie
und Immunologie
Universitäts-Krankenhaus Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: laufs@uke.uni-hamburg.de


Institut für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie (Direktor: Prof. Dr. med. Rainer Laufs), Universitäts-Krankenhaus Eppendorf, Hamburg

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