ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Olympia und die Medizin: Eine kleine Klinik im olympischen Dorf

VARIA: Geschichte der Medizin

Olympia und die Medizin: Eine kleine Klinik im olympischen Dorf

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): A-2473 / B-2115 / C-1980

Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Erfurt

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ärztliche Hilfe wurde bei den Olympischen Spielen der Neuzeit immer wieder erforderlich.

Von der Wiederbelebung der Olympischen Spiele zu Ende des 19. Jahrhunderts durch den französischen Philanthropen Baron Pierre de Coubertin (1863 bis 1937) sollte eine beispiellose Ausbreitung des Sports ausgehen. Jahrelange Bemühungen, ein diesbezüglicher Kongress und die Gründung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Jahr 1894 waren vorausgegangen. Aus der Überzeugung heraus, dass Berufssportlertum wie bei den klassischen Olympiaden auch dem modernen Sport Schaden zufügen würde, erwuchs die in die Olympische Charta eingebrachte Amateurklausel für die Teilnahmeberechtigung an Olympischen Spielen.
Vom 5. bis 14. April 1896 kamen dann die I. Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen zur Austragung. Die Mitwirkung der Medizin war allerdings anfangs außerordentlich bescheiden. Im Plan für die Wiedereröffnung der Spiele finden sich keine Hinweise für medizinische Vorsorge und Betreuung. Dennoch waren während der I. Olympischen Spiele Ärzte bei den Wettkämpfen anwesend. Bekannt ist auch, dass den Marathonläufern Ärzte und Ambulanzen folgten, die erschöpfte Läufer pflegten und behandelten.
Während der II. Olympischen Winterspiele in St. Moritz 1928 fand dann ein Treffen von 33 Ärzten aus elf Nationen statt. Es war das Gründungsdatum der Association Internationale Medico-Sportive (AIMS). Hierbei wurde der erste internationale sportmedizinische Kongress geplant, der während der Olympischen Sommerspiele des gleichen Jahres in Amsterdam stattfand. Diese Kongresse sollten von nun an fester Bestandteil der Olympischen Spiele und auch zwischen den Olympiaden abgehalten werden. Der Name der Organisation wurde zwei Jahre später in Fédération Internationale Medico-Sportive et Scientifique geändert. Heute ist diese Weltorganisation der Sportmedizin unter der Bezeichnung FIMS bekannt. Die FIMS gründete auch das Olympische Medizinische Archiv, das Erhebungen über die Olympiateilnehmer sammelt und im Olympischen Museum von Lausanne untergebracht ist. Wichtigste Aufgabe dieser Organisation war aber zunächst eine enge Zusammenarbeit mit dem IOC hinsichtlich einer medizinischen Absicherung der Olympischen Spiele.
Der medizinische Dienst war bei einzelnen Spielen ziemlich unzureichend organisiert worden. Noch bei den III. Olympischen Winterspielen 1932 im nordamerikanischen Lake Placid fanden sich an der Bobbahn weder Arzt noch Sanitäter, als einige Schlitten aus der Bahn getragen wurden und es mehrere Schwerverletzte gab. In den folgenden Jahren wurde der medizinische Wettkampfdienst während der Olympischen Spiele maßgeblich verbessert und ausgebaut. Im 1932 in Los Angeles errichteten olympischen Dorf gab es eine kleine Klinik mit Laboratorium, physiotherapeutischer und Röntgeneinrichtung. Diese Einrichtung wurde auch bei den folgenden Olympischen Spielen beibehalten und weiter vervollkommnet. Besondere Aufgaben in der Vorbereitung der Athleten erwuchsen mit der Vergabe der Olympischen Spiele nach Mexiko-City. Die Höhenlage der Olympiastadt von 1968 (etwa 2 300 m) bereitete vor allem den Teilnehmern der Ausdauerdisziplinen Probleme. So gingen den Spielen dieser Olympiade bereits Jahre vorher Wettbewerbe der Sportwissenschaft und Sportmedizin in aller Welt voraus, um eine optimale Vorbereitung der Sportler auf die Höhenbedingungen zu erreichen. Allgemein beschritt man den Weg, alle Aktiven in Höhenlagern vorzubereiten, wobei Höhenlage und Dauer des Aufenthalts sehr unterschiedlich gewählt wurden. Höhentrainingslager gehören seither zum festen Programm vieler Sportverbände in der Vorbereitung auf bedeutende Wettkämpfe.
Aus einem Todesfall bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom leiteten sich weitreichende Konsequenzen ab. Während des 100-Kilometer-Straßenfahrens bei extremer Hitze erlitten drei dänische Radrennfahrer Hitzschläge. Einer von ihnen starb. Wie nachgewiesen wurde, hatten alle drei vom Trainer eine Überdosis Amphetamin und Ronicol verabreicht bekommen. Solche Vorfälle, besonders im Straßenradsport, waren nicht neu und sollten noch von weiteren gefolgt werden. Nachdem aber solche Praktiken aus dem Berufsradsport und dem Profi-Boxen in breitem Maße ihren Einzug in die olympische Arena anzutreten drohten, wurden Schritte seitens des IOC notwendig.
Es sollten aber noch einmal zwei Olympiaden vergehen, ehe mit einer gezielten Dopingkontrolle und Routineuntersuchungen bei den X. Winterspielen 1968 in Grenoble begonnen wurde. Vorausgegangen war eine Reihe von Kongressen und Tagungen, die sich mit den Grundlagen des Dopings und seiner Bekämpfung befassten, darunter der Weltkongress für Sportmedizin während der Olympischen Spiele 1964 in Tokio. Bedeutungsvoll war 1967 die Gründung der Medizinischen Kommission des IOC unter dem Vorsitz des Prinzen Alexandre de Merode (Belgien), die zunächst die Grundlagen für eine Dopingkontrolle erarbeitete.
Die betreuenden Ärzte von Sportmannschaften tragen in diesen Fragen eine große Verantwortung. Sie haben über die inzwischen sehr umfangreichen und ständig aktualisierten Dopinglisten genau unterrichtet zu sein (2).
Bei unumgänglicher Verordnung anzeigepflichtiger Substanzen sind diese vor dem Wettkampf schriftlich anzuzeigen (diesbezügliche ärztliche Bescheinigung: www.zeitschrift-sportmedizin.de). Die klassische Substanz der Untersuchung ist der Urin, der von den ausgelosten Sportlern unter strenger Kontrolle und protokollarischer Erfassung gefordert wird. Die Proben werden in durch das IOC lizenzierten Laboratorien – weltweit gegenwärtig 47; in Deutschland zwei (Köln und Kreischa) – hochinformativen instrumentellen Analyseverfahren unterzogen, wobei zwecks genauer Identifikation stets noch ein zweites Verfahren anzuwenden ist.
Einbezogen in die Dopingkontrollen wurden seit 1976 auch Blutalkoholproben. Sie dienten zunächst dem Nachweis unerlaubter Alkoholeinnahmen vor Schießwettbewerben. Neuerdings erstrecken sich die Blutentnahmen vor allem auf bestimmte Ausdauerdisziplinen (Hämatokrit-Bestimmung). Eine generelle und für den Nachweis bestimmter Manipulationen unabdingbare Durchführung von Blutentnahmen im Rahmen der Dopingkontrollen gibt es bislang noch nicht. Nach dem entsprechenden Beschluss der Medizinischen Kommission des IOC von 1974 wurden seit den Olympischen Spielen 1976 die Kontrollen auf den Nachweis unerlaubter Steroideinnahme erweitert. In die entsprechenden Untersuchungen werden künftig weitere Verfahren einbezogen werden müssen (zum Beispiel Haaranalytik). Hinzugekommen sind in den letzten Jahren auch die so genannten Trainingskontrollen (out-of-competition testing). Sie zielen darauf ab, dass jeder Athlet der Spitzenklasse jederzeit und überall einer Dopingkontrolle (Urinprobe) unterzogen werden kann. Auch hier besteht international gegenwärtig noch erheblicher Regelungsbedarf. Mit dem Gebrauch weiterer verbotener leistungssteigernder Mittel (beispielsweise Erythropoietin, Wachstumhormone) ergibt sich regelmäßig auch die Problematik des zweifelsfreien Nachweises. Im Falle des Erythropoietins waren es bislang nur die Bestimmungen des Hämatokrits, die von den verschiedenen Sportverbänden bei Ausdauerdisziplinen vorgenommen werden.
Erhöhungen über einen Grenzwert werden zwar gegenwärtig nicht als schlüssiger Dopingnachweis gewertet, geben aber Veranlassung zur Verhängung von „Schutzsperren“. Die unerlaubte Zufuhr von Wachstumshormonen wird voraussichtlich auch bei den kommenden Olympischen Spielen in Sydney noch nicht nachgewiesen werden können. Geplant ist allerdings, dass alle für die kommenden Olympischen Spiele akkreditierten Sportler bereits vor den Wettkämpfen Dopingkontrollen unterzogen werden können. Nach den Ankündigungen des IOC hat etwa jeder zehnte Teilnehmer mit einer Kontrolle zu rechnen.
Nachweis der Weiblichkeit
Als Erster führte der Internationale Leichtathletikverband 1966 obligate Geschlechtsbestimmungen bei Frauen ein. Seit 1968 verlangt auch das IOC von allen Olympiateilnehmerinnen den Nachweis ihrer Weiblichkeit, wobei verbindliche Sexzertifikate vorzulegen sind. Jede qualifizierte Sportlerin hat sich vor dem Start dieser Untersuchung zu unterziehen. Die Bestimmung des Kerngeschlechts wurde mittels Haarzupfpräparaten, Wangenschleimhautabstrichen, seit 1992 auch an Speichelproben vorgenommen. Zu ermitteln sind das Sexchromatin beziehungsweise die spezifischen Leukozytenanhänge (Drumsticks), um die genotypische Konfiguration eindeutig zuzuordnen. Bei Unklarheiten werden weitere Untersuchungen angeschlossen. Unregelmäßigkeiten sind seit Einführung dieser Kontrollen international nicht bekannt geworden.
Trotz der weiteren Perfektionierung des medizinischen Dienstes durch die Veranstalter erhöhte sich auch das medizinische Begleitpersonal in den Olympiamannschaften erheblich. So wird geschätzt, dass bereits 1976 in Montreal auf zehn Athleten ein Angehöriger des medizinischen Dienstes kam (1). Ebenso wie eine Begrenzung der Teilnehmerzahl plant aber das IOC inzwischen auch eine Limitierung der Betreuer jeder teilnehmenden Mannschaft. Nach der De-facto-Aufhebung der Amateurregel und der Öffnung der Olympischen Spiele auch für Berufssportler ist die sportmedizinische Betreuung noch bedeutsamer geworden. Sie enthält gleichsam auch alle Anforderungen der modernen Arbeitsmedizin, zumal keine wie immer geartete Schwerstarbeit mit den Anforderungen des heutigen Hochleistungstrainings vergleichbar ist (5).

Prof. Dr. med. Karl Hans Arndt,
Dr. med. Christel Arndt

Literatur bei den Verfassern

Anschrift für die Verfasser:
Gesundheitsamt der
Landeshauptstadt Erfurt,
Turniergasse 17, 99084 Erfurt,
E-Mail: kha-erfurt@t-online.de


Das U-förmig gestaltete Olympiastadion in Athen von 1896 für 80 000 Zuschauer als private Stiftung des griechischen Philanthropen Averof Foto: Schirner


Olympische Spiele
(1894 bis 2000)
1894 Wiederbelebung der olympischen Idee durch Pierre de Coubertin; Gründung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)
1896 I. Olympische Spiele der Neuzeit in Athen
1924 I. Olympische Winterspiele (Chamonix/Schweiz)
1928 Erster internationaler sportmedizinischer Kongress während der IX. Olympischen Sommerspiele in Amsterdam
1964 Weltkongress über Doping während der XVIII. Olympischen Spiele in Tokio
1967 Gründung der Medizinischen Kommission des IOC
1968 Erstmalige gezielte Dopingkontrollen während der X. Olympischen Winterspiele in Grenoble
seit 1968 Obligate Geschlechtskontrollen (Weiblichkeitsnachweis)
1968 Olympische Spiele unter Höhenbedingungen in Mexiko-City
ab 1994 Neuer Turnus Olympischer Winterspiele (künftig jeweils zwei Jahre nach den Sommerspielen)
16. 9. 2000 Beginn der XXVII. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit in Sydney

Aufgabenfelder der Medizin bei Olympischen Spielen Foto: Polydruck AG/Collage

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema