ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2000Finanzhaie (II): Betrüger sind wirklich überall

VARIA: Schlusspunkt

Finanzhaie (II): Betrüger sind wirklich überall

Dtsch Arztebl 2000; 97(38): [68]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Geistliche als Anlagebetrüger? Eine aberwitzige Vorstellung, bestenfalls als Romanfigur denkbar, nicht aber als Figur aus dem Hier und Jetzt.
Wie gründlich ich mich da verschätzt habe, zeigt ein Blick in unser Nachbarland Holland. Dort gibt es die „Gereformeerde Gemeende“, dahinter verbirgt sich eine streng calvinistische Kirchengemeinschaft, die Verhütungsmittel verbietet und Frauen sogar vorschreibt, in welcher Kleidung sie in der Kirche zu erscheinen haben.
Nicht wenige dieser Brüder und Schwestern im Herrn sollen in den letzten Monaten massiv Aktien des niederländischen Softwarehauses Baan gekauft haben. Die Motivlage lässt aber sehr aufhorchen: Aus purer Nächstenliebe soll das alles geschehen sein. Und zwar, weil etliche Pfarrer von den Kanzeln da oben die Mitglieder der Religionsgemeinschaft drängten, die Gebrüder Jan und Paul Baan zu unterstützen, die – man höre und staune – ebenfalls Mitglieder der Gereformeerde Gemeende sind.
Das Dilemma ist bloß, dass die wohltätigen Aktienkäufer für eine Baan noch den stolzen Preis um 50 Euro bezahlt haben. Zu der Zeit hatte die Softwareschmiede durchaus noch einen guten Namen, war ehemals sogar ein respektabler Konkurrent der deutschen SAP AG.
Doch die New Yorker Börsenaufsicht kam einem der beiden Baan-Brüder, Jan, auf die Schliche. Die Ergebnisse der Baan Company waren nämlich mit Buchhaltungstricks künstlich hochgehalten worden. In Wahrheit aber hätten schon längst dicke Verluste ausgewiesen werden müssen.
Als die Sache ruchbar wurde, stürzte der Aktienkurs steil ab. Anfang des Jahres standen Baan bei nur 14 Euro, und jetzt kümmern sie mit knapp 3 Euro kläglichst vor sich hin. Ein calvinistischer Landwirt, der dem Lockruf der Kanzel folgte, investierte 1,5 Millionen Gulden und steht jetzt vor dem Ruin. Seinen Hof wird er vermutlich verlieren.
Das eigentlich Kriminelle an der Geschichte folgt aber noch. Den Gerüchten zufolge sollen die beiden Baan-Brüder just zu der Zeit, in der die Titel noch in der Religionsgemeinschaft „zum Zwecke der Nächstenliebe“ als Hilfeaktion angepriesen wurden, bereits Aktien massiv verkauft haben.
Der dreistellige Millionenbetrag aus eben diesen Aktienverkäufen floss auf die Privatkonten der Gebrüder Baan, die sich davon luxuriöse Villen leisten, wie sie aus Tausendundeiner Nacht nicht schöner sein können. Viele der betrogenen Aktionäre sind jetzt arm. Wie Kirchenmäuse.
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