ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Influenza-Impfung: Erhebliche Lücken bei Medizin-Berufen

AKTUELL: Akut

Influenza-Impfung: Erhebliche Lücken bei Medizin-Berufen

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2489 / B-2126 / C-1991

Wiehl, Martin

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LNSLNS Derbe Schelte musste sich das medizinische Personal zur Jahrespressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) in Berlin gefallen lassen. In der Liste der Durchimpfungsraten gegen Influenza rangiert das medizinische Personal an unterster Stelle, obwohl es gemäß Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) eindeutig zu dem Personenkreis mit besonderer Gefährdung zählt. Nach einer repräsentativen Telefonumfrage des Robert Koch-Institutes (RKI) waren in der vergangenen Influenza-Saison in den alten Bundesländern nur sieben Prozent und in den neuen Ländern nur zehn Prozent des medizinischen Personals gegen Influenza geimpft. Obwohl unter ihnen nicht nur das Ansteckungs-, sondern auch das Weitergaberisiko einer Infektionserkrankung enorm erhöht ist, war den Beschäftigten des medizinischen Bereichs auch nur zu 34 beziehungsweise 41 Prozent die Impfung gezielt angeboten worden. Dass nicht überall auf der Welt die Gefährdung durch Influenza derart unterschätzt wird,berichtete Dr. Johannes Hallauer vom Universitätsklinikum Charité in Berlin.

Demnach waren in den USA im Jahr 1997 von 1 000 Einwohnern 280 gegen Influenza geimpft; und das Ziel, zur Jahrtausendwende 60 Prozent der Zielgruppen durchzuimpfen, wurde bereits 1997 erreicht, als 63 Prozent der über 65-Jährigen an der Grippeimpfung teilnahmen. Das neue „Healthy People 2010“-Programm erhöht die Zielvorgabe auf 90 Prozent. Während in den USA bislang erst Personen ab 65 Jahre zu den Risikogruppen gezählt wurden, haben sich die aktuellen Empfehlungen drastisch gewandelt. Mittlerweile sollen alle Menschen ab dem 50. Lebensjahr in die allgemeinen Impfempfehlungen gegen Influenza aufgenommen werden. Die Begründung dieser Änderung der Impfstrategie ist so einfach wie einleuchtend: Da 24 bis 32 Prozent der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen mindestens eine chronische Erkrankung haben, die epidemiologisch zu einer höheren, influenzabedingten Hospitalisierungs- und Mortalitätsrate führt, erschien eine Umstellung von der Risikogruppenstrategie auf die Altersgruppenstrategie sinnvoll. Dies gilt vor allem vor dem Hintergrund, dass mit der Risikogruppenstrategie nur etwa 40 Prozent der betreffenden Personen erreicht wurden.

Dazu Hallauer: „Altersgruppenstrategien haben sich als erfolgreicher erwiesen als eine Patientenselektion nach medizinischen Risikofaktoren.“ Für Personen mit bisher unbekannten Risikostrukturen würden durch die Impfung somit ebenfalls die Zahl der Erkrankungen, der Arztbesuche, die Rate der Arbeitsunfähigkeit und der Antibiotikaverbrauch reduziert. Die Bedeutung einer jährlichen Influenza-Impfung verdeutlichte Dr. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen: „Je länger ein Immunsystem keinen Kontakt mit den sich ändernden Drift-Varianten hat, umso mehr besteht das Risiko einer ernsthaften Influenza-Infektion.“ Martin Wiehl
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