POLITIK: Die Glosse

Mondwahrheit

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2506 / B-2138 / C-2002

Knapp, Heinz

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LNSLNS Unser Erdtrabant ist zum Glaubensartikel geworden. Millionen Menschen lesen mithilfe von Büchern und Kalendarien an seiner Befindlichkeit die eigene ab und erhoffen sich von der Einordnung in den Mondrhythmus die Wiederherstellung der Geborgenheit, die ihnen zwischenmenschlich abhanden gekommen ist. Die Versprechungen des neuen Glaubens und die Werbung dafür sind riesengroß – ebenso wie das dahinter stehende Defizit. So verbreiten beispielsweise ORF 1 und 2 als öffentliche Wahrheit: „Der Mond beeinflusst im ganz alltäglichen Leben unseren Biorhythmus und unser Wohlbefinden. Wenn es um Gesundheit und Krankheit, um Essen und Trinken, um Garten und Haushalt geht, der Mondkalender ist ein wichtiger Ratgeber, um den richtigen Zeitpunkt zu finden, damit Ihr Leben von Erfolgt gekrönt ist . . .“ Ja, wer möchte da nicht sein ganzes alltägliches Leben, biorhythmisch und zum rechten Zeitpunkt, möglichst gesund essend und trinkend, in Garten, Haushalt und überhaupt, von Erfolg gekrönt sehen? Und wer würde dafür nicht notfalls eine Fülle von unbelegten Behauptungen und logischem Wischiwaschi in Kauf nehmen, wenn das nur dem kindlich-illusionistischen Wunsch entgegenkommt, von der höheren Macht, in diesem Fall dem Mann im Mond, fürsorglich an Hand genommen und geleitet zu werden?
Die neue Konfession, die den lieben Gott zum Uhrzeiger macht, verbindet dabei den Vorteil eines sichtbar über dem Himmel kreisenden Idols mit dem der konkreten Lebensregelung durch dessen jeweilige Marschposition und Rundungszustand. Dabei ergeben sich einfache Regeln, wie etwa die, dass man in der Phase des abnehmenden Mondes doppelt so gut diätisch abnimmt, entgiftet und übrigens auch Schuhe putzt, weil eben, am Himmel wie auf Erden, irgendwie dieselben Gesetze regieren. Denn Abnehmen ist seinerseits wieder irgendwie – „irgendwie“ heißt im Mondbereich immer infracortikal, im Sinn jener Kleinhirn-Regelungen, die uns auch zwischen unseren beiden Beinsäulen „irgendwie“ aufrecht erhalten – identisch mit Entgiften, Entschlacken, Reinigen und jenen Vorgängen, die „nach unten“ gehen, Entsaftung von Holz, Verdichtung von Kartoffeln im Boden und dergleichen. Alles einleuchtend, irgendwie.
Vollmond ist dagegen der Gesundheit und dem geistigen Gleichgewicht unbekömmlich. Das Gehirn des Menschen scheint dem Beschuss der harten Vollmondstrahlung – die immerhin die eindrucksvolle Stärke eines mittleren Kerzenlichts in circa einem Meter Entfernung erreicht – nicht gewachsen und kann mit schweren Entgleisungen reagieren; Amoklauf und nashornartige Dauerkopulation gehören zu den gefürchtetsten Konsequenzen. An chirurgisches Walten in solcher Gefährdungszeit ist natürlich nicht, oder allenfalls mit Schaudern zu denken. Für die Richtigkeit dieser Auffassung wiederum bürgt ja auch volkskundliche Überlieferung: so etwa die vom Somnambulismus, neuerdings belegt durch CDU-Schatzmeister, die nach Prüfung der Kassenlage vom Vollmond begünstigt im letzten Hemd über den Dachfirst entkommen, oder die transsylvanische Legende von der korkenzieher-haarigen TV-Therapeutin, die jahrelang die Depressionen der Anrufer mit empathischem Honigseim bestreicht und aufisst und sich dann, endlich doch, von der gleißenden Scheibe erfasst, in einen heulenden Werwolf verwandelt.
Wie dem auch sei, in letzter Zeit gehört der Werwolf zu den gefährdeten Spezies, denn kriminalstatistische Untersuchungen haben ergeben, dass an Vollmondtagen keinerlei Häufung von Verbrechen stattfindet. Angesichts der damit gegebenen Glaubensanfechtung (und vielleicht auch aus Gründen der Erhaltung der Artenvielfalt) ist der bekannte Mondexperte Prof. Hademar Bankhofer schöpferisch tätig geworden, indem er die brüchige Idee vom Vollmond-Wahnsinn durch die Bekanntgabe kittete, an Tagen kreisförmiger Mondbeleuchtung würden vermehrt Säuren im Organismus gebildet – mit der Folge von Hirnreizung. Zwar weiß man, dass das Gehirn, umgekehrt, durch Unter-Säuerung irritiert wird, etwa bei Hyperventilation – auch ist in der wissenschaftlichen Welt bislang keine Untersuchung bekannt, die Bankhofers saures Quodlibet mit relevantem Zahlenmaterial belegt hätte. Solche Untersuchung wäre auch recht aufwendig, denn zum Nachweis geringerer Säurebelastung müsste sowohl die Veränderung der Puffersysteme im Körper wie die CO2-Abatmung erfasst werden; erst stärkerer Säure-Anschub schlägt über die Niere auf den Urin durch. Tut er aber bei Vollmond mitnichten, wie eine jüngst abgeschlossene Studie an den württembergischen „Oberschwabenkliniken“ ergab: das Urin-pH blieb völlig unauffällig. Die Hademarsche Hirneinsäuerung scheint eher im Ätherischen zu spielen.
Empirische Untersuchung ist schwierig, zeitraubend und mit der Möglichkeit der Falsifikation belastet – reizvoller die frisch-fröhliche geheimwissenschaftliche Inspiration, die in multipler Ballonform aus verschleiertem Affektsud emporsteigt wie Schaumblasen im Bier. Nur: Bierschaum ist begrenzt und leicht wegzublasen, während das kritiklose Glauben unerschöpflich apologetisch weitersprudelt. So trifft jeder Überprüfungsversuch auch auf systematische Einwände. Ein schönes Beispiel liefern die beiden Mondschriftsteller Paungger und Poppe, die mitteilen, erfahrene Parawissenschaftler würden sich für kritische Überprüfungen kaum mehr hergeben, weil „sie wissen, dass die Anwesenheit von nur einem einzigen Menschen, der an dieser Kunst und ihrem Wert zweifelt, oft schon das Untersuchungsergebnis verfälscht“ („Die Anwendung des Mondkalenders. . .“, Irisiana 1998, S. 83). Das ist ein klares Wort zum richtigen (Mond-) Zeitpunkt. Die Wahrheit kann demnach nur von Menschen überprüft werden, die unerschütterlich an sie glauben, jeder Zweifel „verfälscht“. Aber wären das nicht, mit Verlaub gesagt, Kautelen, die auch noch dem kolossalsten Humbug Wahrheitsstatus verschaffen würden? Heinz Knapp
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