ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Rezeptfreie Arzneimittel: Hersteller liebäugeln mit Selbstmedikationsbudget

POLITIK: Die Glosse

Rezeptfreie Arzneimittel: Hersteller liebäugeln mit Selbstmedikationsbudget

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2507 / B-2139 / C-2003

Rieser, Sabine

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LNSLNS Einer Umfrage zufolge können sich offenbar viele Bürger
individuelle Sparanreize im Gesundheitswesen vorstellen.

Eine stärkere Selbstbeteiligung und eine Steuerung des Gesundheitswesens durch finanzielle Anreize für die Versicherten hat in der vergangenen Woche der Bundesfachverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) in Berlin gefordert. Sein Vorsitzender, Johannes Burges, erklärte, die Verbandsforderungen würden durch Ergebnisse einer repräsentativen Befragung zur Akzeptanz von Reformvorschlägen für das Gesundheitswesen gestützt. Knapp die Hälfte der Interviewten meinte, dass man als Patient mehr Eigenverantwortung im Gesundheitssystem haben sollte. Zwei Drittel waren überzeugt, dass man Patienten mit finanziellen Anreizen zu kostenbewusstem Verhalten bewegen könne. Gut zwei Drittel befürworteten das für den Bereich der Arzneimittel.
Weiter wurde gefragt, welche Maßnahmen für den Fall akzeptabel seien, dass es nicht gelinge, die Finanzierungslücke im Gesundheitssystem zu schließen. Eine Anhebung der GKV-Beiträge lehnten 67 Prozent der Befragten ganz, 26 Prozent teilweise ab. Gegen eine bewusste Absenkung der Qualität von Gesundheitsleistungen votierten 84 Prozent, 12 Prozent waren teilweise dagegen. Auf Ablehnung stieß der Vorschlag, teure medizinische Leistungen einzusparen, selbst wenn sie sinnvoll wären: 79 Prozent lehnten dies ganz ab, 16 Prozent teilweise.
Die einzige Alternative lautete: „Bei der Behandlung von leichten Beschwerden trägt der Patient einen höheren Anteil der Kosten.“ Dem stimmten 28 Prozent ganz, 40 Prozent teilweise zu. 74 Prozent fanden es besser, dass Patienten bei leichten Gesundheitsstörungen ihre Arzneimittel selbst bezahlen, der Arzt dafür aber bei ernsteren Erkrankungen mehr Spielraum für Verordnungen hat. Ebenso viele trauen sich zu, eigenverantwortlich mehr Arzneimittel in der Apotheke zu kaufen.
Nachzulassung: Mahnung
Der BAH regte vor diesem Hintergrund an, ein Selbstmedikationsbudget in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung einzuführen. Die Versicherten würden dann Ausgaben für selbst gekaufte rezeptfreie Arzneimittel bis zu einer gewissen Höhe erstattet bekommen. „Das rechnet sich für die Krankenkassen, weil die eine Verschreibung begleitenden Arztkosten entfallen“, sagte Burges. Noch wird knapp die Hälfte der rund eine Milliarde Packungen rezeptfreier Arzneimittel, die verkauft werden, von Ärzten verschrieben – laut BAH rund sieben Milliarden DM „verfügbare Masse“.
Burges bekräftigte in Richtung der anwesenden Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin, der BAH lehne weiter jede Listenmedizin ab. Er mahnte zudem, viele Probleme seien noch immer ungelöst, beispielsweise die zügige Nachzulassung älterer Präparate. Andrea Fischer ging darauf ein. Ihr Ziel sei, „dass die unerträgliche Geschichte der Nachzulassung bis 2005 über die Bühne geht“. Sie bekannte sich aber zur Positivliste und betonte, dass sie an Arzneimittelbudgets festhalten werde. Die Umfrageergebnisse beeindruckten die Ministerin wenig: „Gesundheitsreformen sind in der Theorie viel beliebter als in der Praxis.“ Ähnlich sei es mit der Selbstbeteiligung. Sabine Rieser
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