ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1996Gesundheitsstrukturgesetz tangiert die Hochschulmedizin

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Gesundheitsstrukturgesetz tangiert die Hochschulmedizin

Wenderlein, Matthias

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mit dem Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) werden die Universitätskliniken zu immer mehr Wirtschaftlichkeit bei der Krankenversorgung aufgefordert. Das bisherige Finanzierungsprinzip bestand wesentlich in der Kostendeckung durch die Bundesländer. Bei einem Gesamtaufwand von jährlich etwa 18 Milliarden DM haben die Universitätskliniken darauf zu achten, daß Dienstleistungen so erbracht werden, daß weitgehend Kostendeckung erfolgt. Mit diesem Wirtschaftlichkeitsprinzip ist die Diskussion anderer Rechtsformen für die Universitätskliniken, wie die Umwandlung in eine GmbH oder eine andere Form der Privatisierung, naheliegend. Ob damit eine Abkopplung von Lehre und Forschung einhergeht, bleibt abzuwarten. Auch der diesjährige (99.) Deutsche Ärztetag in Köln hat sich mit diesem komplexen Thema befaßt.


Da die Bundesländer jährlich rund sechs Milliarden DM an Forschung und Lehre in der Medizin ausgeben, ist es naheliegend, daß sie in Zeiten des Sparens darüber mehr Kontrolle und Transparenz fordern.
Neben diesem gewaltigen Finanzaufwand der Länder erhalten die Universitätskliniken auch Drittmittel und andere Förderungsmaßnahmen für Forschung von etwa 600 Millionen DM jährlich. Das sind also rund ein Zehntel der Aufwendungen, die von den Bundesländern kommen.
Zum optimalen Verwalten der Lehrgelder von den Bundesländern bedarf es weiter starker medizinischer Fakultäten an den Universitäten. Sie sind zugleich die Garanten, daß sich eine eventuelle Klinik-GmbH nicht zu weit von universitären Interessen und Verpflichtungen entfernt.
Krankenkassen befürchten, daß Mittel für Krankenversorgung zu Lehr- und Forschungszwecken benutzt werden. Die Bundesländer haben Skepsis in entgegengesetzter Richtung.
Mehr Mitspracherecht der Bundesländer in der Hochschulmedizin fürchten die Universitäten, speziell die Universitätskliniken. Deren Autonomie läßt sich am ehesten durch transparentere Selbstkontrolle in allen Leistungsbereichen erhalten. Exemplarisch sei dazu die seit einem Jahr in Baden-Württemberg ministeriell angeordnete bzw. gesetzliche – und damit obligatorische – Lehr-Evaluation an Universitäten angeführt. Wären nicht Defizite bekanntgeworden, der Staat hätte kaum Anlaß gehabt, gesetzgeberisch in eine universitäre Aufgabe einzugreifen.
Wenn man berücksichtigt, daß es in verschiedenen nichtmedizinischen Studienrichtungen über 80 Prozent Studienabbrecher gibt, so sind weitere staatliche Eingriffe in die universitäre Autonomie naheliegend. Wieviel Steuergelder hohe Studienabbrecher-Quoten verbrauchen, ist schwer abschätzbar.
Zu Mißtrauen gegenüber Lehre und Studienordnung gibt das Medizinstudium derzeit kaum Anlaß. Wie wird das bei anderen Rechtsformen der Universitätskliniken mit noch stärkerer Betonung der Wirtschaftlichkeit infolge GSG sein? Für die weiter feste Verankerung des Medizinstudiums in der Universität spricht die eventuell im kommenden Jahr schon zu erwartende Approbationsordnung, die jene von 1970 ablösen soll. Eine echte Reform wird bereits im vorklinischen Studium beginnen mit mehr interdisziplinärem Unterricht. Von den naturwissenschaftlichen Fächern wird mehr Blick in die Klinik gefordert – als eigentliches Studienziel.
Damit muß es mehr Absprachen und Gedankenaustausch zwischen den Dozenten der nichtklinischen und klinischen Disziplinen geben. Das wird eher praktikabel sein, wenn die Klinik bzw. Medizinische Fakultät fest in die Ge-samtuniversität integriert bleibt.
Ein denkbarer und zum Teil auch schon praktizierter Weg wäre zum Beispiel, Biologen ausschließlich für das Medizinstudium von seiten der Medizinischen Fakultät zu verpflichten. Das ist vertretbar, wenn das Medizinstudium nur das Ziel der Berufsbefähigung hätte – wie bei Fachhochschulen üblich. Zu fortgeschrittener Studienzeit sollte aber der Aspekt Forschungsstudium – zumindest für einen Teil der MedizinStudenten – dazukommen.


Größerer Zeitaufwand für die Lehre
Der Zeitaufwand für die Lehre bei Medizinstudenten wird nach dem Reformwillen größer werden. Wie setzen das GSG-bedingt mehr wirtschaftlichkeitsorientierte Universitätskliniken um? Die Studentenzahlen je Semester werden voraussichtlich von 15 000 auf knapp 10 000 fallen. Damit wird mehr Lehrqualität möglich sein, wie von der neuen Approbationsordnung gefordert (zum Beispiel mit Verdoppelung der Pflichtvorlesungsstunden). Das Multiple-choice-Prüfungsverfahren – aus der Zeitnot der Massenuniversität eingeführt – wird wohl reduziert und durch zeitaufwendigere Prüfungsverfahren relevanter. Das wird eine neue Lernkultur bewirken.
Die Universitätskliniken werden auch durch folgende Entwicklungen mehr interdisziplinäre Kontakte mit der übrigen Universität brauchen: Die soziale Dimension im klinischen Alltag wird mehr gefordert werden. Exemplarisch sei das internationale WHO-Projekt "gesundheitsförderndes Krankenhaus" und letztlich damit das patientenfreundlichere Krankenhaus genannt. Solche Projekte brauchen die wissenschaftliche Begleitung an Universitätskliniken durch verschiedene nichtmedizinische universitäre Disziplinen.
Medizinstudenten müssen auf diese Entwicklung im Studium interdisziplinär vorbereitet werden. Seelische und soziale Hintergründe bei Krankheiten bekommen neue Aktualität bei derzeit mehr als drei Millionen Arbeitslosen.


Bedeutsamer Arbeitsmarkt
Die angeführten möglichen Gründe für eine "Distanzierung" der Universitätskliniken infolge GSG-Zwängen tangieren auch die nichtmedizinischen Disziplinen an den Universitäten.
Die 36 Universitätskliniken mit durchschnittlich 1600 Betten stellen einen bedeutsamen Arbeitsmarkt für nichtmedizinische Hochschulabsolventen dar. In einem Teil der naturwissenschaftlichen Fächer wäre bereits im Studium so auszubilden, daß der spätere Einsatz in der Klinik besser möglich ist. Das müßte bei weiter fester Integration der Medizin in der Hochschule leichter sein. Die Realität sieht anders aus: Die Fachhochschulen haben diesen Markt für ihre Kunden "Studenten" erkannt mit Schwerpunkten wie Medizintechnik, Gesundheitsökonomie und Klinikmanagement.
Zu dieser Entwicklung ist es wohl mit dadurch gekommen, daß auf Kommunikations- und Forschungskultur zwischen Medizin und Naturwissenschaften nicht expliziter hingearbeitet wurde. In der Medizin wird durch das GSG dazu ein gewisser Zwang entstehen. Wenn der Forschungsumfang wie bisher in der Medizin beibehalten werden soll, ließen sich doch noch mehr Laboreinrichtungen von Medizinern auch von Chemikern und Physikern nutzen sowie umgekehrt.
Ein exemplarisches Argument einer festen universitären Integration der Universitätskliniken trotz Wirtschaftlichkeitszwängen ist die Überlegung, ob nicht auch die universitären Geisteswissenschaften in Medizinstudium und -forschung mehr Gehör finden sollten. Genau vor 50 Jahren waren die Nürnberger Ärzteprozesse. Aktuellen Bedarf an geisteswissenschaftlichen Anregungen braucht die Medizin auch heute, zum Beispiel beim Embryonen-Schutzgesetz von 1991, das eventuell durch weitere rasante Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin früher oder später einer Überarbeitung bedarf. Weiter seien Lebensqualität und Machbarkeit in der neonatologischen sowie geriatrisch-onkologischen Medizin angeführt und erste Gerichtsaktivitäten zur Sterbehilfe in den USA.


Innige Verflechtung
Sicher gibt es dazu bei uns bereits gut interdisziplinär besetzte Ethikkommissionen. Der Bedarf an solchen Aktivitäten wird nicht nur bei Forschungsentscheidungen größer. Auch in das Medizinstudium muß dies stärker Eingang finden. Bei Kultusministerkonferenzen wird bereits seit 1993 diskutiert, ob Universitätskliniken einen strikten dreiteiligen Betriebsverband anstreben sollen. Es gibt also mehr denn je die Notwendigkeit einer innigen Verflechtung von Lehre, Forschung und Krankenversorgung.
Die von der Volkswirtschaft berechtigt geforderte größere Wirtschaftlichkeit an Universitätskliniken sollte nicht Lehre und Forschung einengen. Statt unrealistisch auf mehr finanzielle Mittel zu hoffen, sollten die latenten und noch ungenutzten Ressourcen der Universität insgesamt genutzt werden. Dazu gehören mehr interdisziplinäre Kommunikationskultur und Nachdenken über neue Führungsorganisationen im universitären Bereich – durch das GSG aktiviert.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2077–2079
[Heft 33]


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein
Universitäts-Frauenklinik
Prittwitzstraße 43
89075 Ulm

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote