ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Hormonersatz-Therapie: Rechnung mit Unbekannten
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LNSLNS Gemeinsame Stellungnahme der Fachgesellschaften* zu dem Beitrag von Klaus Koch im DÄ 33 vom 18. August 2000

* Die Fachgesellschaften:
– Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG)
– Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin e.V. (DGGEF) als Arbeitsgemeinschaft der DGGG e.V.
– Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie (AGO) der DGGG
– Deutsche Menopausegesellschaft
– Deutsche Krebsgesellschaft (DKG)
– Berufsverband der Frauenärzte
– Deutsche Gesellschaft für Senologie



Zusammenfassung: Die von dem so genannten Forschungsinstitut der AOK mit Unterstützung des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) vorgelegte Stellungnahme weist schwerwiegende inhaltliche Fehler auf. Hierdurch kann es zu einer drastischen Verunsicherung von Frauen kommen, die in dieser Lebensphase ohnehin schon durch eine mehr oder weniger ausgeprägte Angst vor dem Mammakarzinom belastet sind. Kritikpunkte unter anderem sind:
1. Eine differenzierte Betrachtung der zur Verfügung stehenden epidemiologischen Literatur zum Thema Brustkrebs und Gebärmutterkrebs insbesondere auch aktuelle Meta-Analysen fehlen. Die gesamte Arbeit beruht mit ihren Vergleichszahlen auf nur drei Literaturstellen, die noch nicht einmal als Quelle im Literaturverzeichnis angegeben wurden.
2. Die Interpretation vieler Daten ist falsch; in der gesamten Arbeit werden nicht die Grundlagen der Biostatistik berücksichtigt und bei der Interpretation epidemiologischer Daten auf die hiermit verbundenen Probleme der Verfälschung der Daten durch studienimmanente Fehler (BIAS) hingewiesen.
3. Die von den Autoren vorgelegten, in Deutschland erhobenen Daten, sind äußerst lückenhaft; eine Fragenbogenaktion mit 13 Prozent Rücklaufrate ist nicht verwertbar; das Ergebnis könnte möglicherweise dadurch beeinflusst worden sein, dass nur unzufriedene Patientinnen sich die Mühe gemacht haben, den Fragebogen zu beantworten.
4. Ein Vergleich der in Deutschland erhobenen Krebsrisiken mit dem Krebsrisiko in den USA ist unzulässig; hinzu kommt noch, dass die Hormonersatztherapie in Deutschland nicht mit der in den USA verglichen werden kann, da in Deutschland zum Teil andere Hormonpräparate und Therapieschemata eingesetzt werden; außerdem kommen bei der Bewertung des Endometriumkarzinom-Risikos die unterschiedlichen Inzidenzen von Hysterektomien, die in den USA deutlich höher sind als in Deutschland, hinzu.
5. Diese Arbeit ist ein Beispiel dafür, wie man anhand tendenziöser, zum Teil unvollständiger und unwissenschaftlicher Behandlung eines Themas die Bevölkerung, aber auch die Frauenärzte, verunsichern kann.
6. Auch wenn eine Veröffentlichung aus einem wissenschaftlichen Institut einer Allgemeinen Ortskrankenkasse kommt, sollte sie auch durch ein Expertenkomitee hinsichtlich ihrer Qualität geprüft werden. Ein entsprechendes Qualitätsmanagement bei wissenschaftlichen Publikationen sollte im Hinblick auf den Verbraucherschutz gewahrt werden.
Grundlagen: Dieser Stellungnahme liegt Folgendes zugrunde:
- Referenzdaten über die Erkrankungshäufigkeit von Krebs unter Einnahme von Östrogenen
- Ergebnisse der 1995 publizierten Nurses’ Health Studie (Colditz et al. 1995)
- Endometriumkarzinomdaten, publiziert in der IARC-Monographie 1999
- Eine eigene Befragung des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin bei AOK-Versicherten zwischen 45 bis 75 Jahren in Sachsen-Anhalt und Hessen (1998) mit einer Rücklaufquote der Fragebogenaktion von zwölf bis 13 Prozent bei insgesamt 10 000 Fragebögen.
Endometriumkarzinom: Es wird behauptet, dass eine Hormonersatztherapie das Risiko für den Gebärmutterkrebs erhöht.
Diese Behauptung stützt sich auf die Beobachtung, dass eine alleinige Gabe von Östrogenen, wie sie in der Anfangsphase der Hormonersatztherapie insbesondere in den USA üblich war, zu einer Steigerung der Häufigkeit des Gebärmutterschleimhautkrebses führte. Die alleinige Behandlung mit Östrogenen ist seit vielen Jahren bei Frauen, die eine Gebärmutter haben, kontraindiziert.
Die Hormonersatztherapie besteht heute in dieser Situation grundsätzlich aus zwei Komponenten, nämlich einem Östrogen und einem Gelbkörperhormonanteil. Letzterer schützt die Gebärmutterschleimhaut vor der Entstehung eines Endometriumkarzinoms. Dies wurde in umfangreichen Untersuchungen, die vorwiegend in den USA durchgeführt wurden, belegt.
Es konnte eindeutig gezeigt werden, dass eine kombinierte Therapie mit Östrogenen und Gestagenen in der Postmenopause (Phase nach den Wechseljahren) nicht zu einer Steigerung des Endometriumkarzinom-Risikos im Vergleich zur Normalbevölkerung führt (vgl. Literaturübersichten Rabe et al. 1999; Schneider & Jackisch, 2000).
Mammakarzinom: Es wird weiterhin behauptet, dass die Hormonersatztherapie zur Steigerung des Mammakarzinom-Risikos führt. Der Brustkrebs ist heute eine der häufigsten Tumorerkrankungen. In Deutschland treten circa 47 000 Neuerkrankungen pro Jahr auf. Ein Teil dieser Erkrankungen ist hormonabhängig. Dies bedeutet aber nicht zwingend, dass eine Hormonersatztherapie für das Auftreten eines Mammakarzinoms verantwortlich ist.
In der weltweit größten Reanalyse aller publizierten Daten (Beral et al. 1997: Collaborate Group on Hormonal Factors in Breast Cancer) zu diesem Thema wurde festgestellt (52 705 Frauen mit Brustkrebs; 108 411 Kontrollen; 51 Studien), dass das relative Risiko bei Langzeiteinnahme einer Hormonersatztherapie – also über fünf oder mehr Jahre – für ein Mammakarzinom um den Faktor RR 1,035 (Vertrauensgrenzen 1,021 bis 1,049) erhöht ist.
Dies bedeutet aus epidemiologischer Sicht einen nur sehr geringgradigen Anstieg des Risikos. Die Einnahme einer derartigen Therapie bis zu einem Zeitraum von fünf Jahren erhöht das Risiko für das Mammakarzinom nicht (Anmerkung: Die weitaus überwiegende Anzahl von Frauen, die eine Hormonersatztherapie einnimmt, erreicht diese Einnahmedauer nicht). Bei der Risikozunahme handelt es sich nicht um Tumoren, die unter der Hormonbehandlung neu aufgetreten sind, sondern um Tumoren, die mit größerer Wahrscheinlichkeit entdeckt werden (mögliche Erklärung: bessere und intensivere Suche nach Brustkrebs).
Diese unter der Hormonsubstitution vermehrt entdeckten Karzinome sind in einem früheren Stadium und daher besser zu therapieren. Dies erklärt auch die Beobachtung, dass die Sterblichkeit wegen Brustkrebs nicht zunimmt. Darauf sei insbesondere in Anbetracht des Titels des Artikels, der in der Süddeutschen Zeitschrift erschienen ist, hingewiesen.
Darüber hinaus zeichnet sich aufgrund großer Internationaler Studien ab (Willis et al., 1996), dass die Mortalität von Patientinnen mit Brustkrebs um circa 15 Prozent (RR 0,84) (0,75 bis 0,87) abnimmt – immerhin bei über 422 373 postmenopausalen Amerikanerinnen überprüft.
Zusammenfassung der Stellungnahme einer internationalen Expertengruppe: The Hormone Continuem Workshop 9.–11. Juni 2000 in Chicago (Rabe, pers. Mitteilung 2000):
- Exogene Östrogene in oralen hormonalen Kontrazeptiva und in einer Hormonersatztherapie lösen keinen Brustkrebs aus.
- Sowohl orale hormonale Kontrazeptiva als auch eine Hormonersatztherapie können das Brustkrebswachstum während der Einnahme der Präparate beschleunigen, aber nicht nach dem Absetzen.
- Screening und Diagnostik sind möglicherweise verantwortlich für erhöhte Brustkrebsdiagnosen bei Frauen unter Östrogenanwendung.
- Wenn Brustkrebs unter Hormontherapie auftritt, ist das Tumorstadium günstiger als bei Frauen ohne Hormontherapie und somit auch die Prognose.
- Eine Östrogentherapie führt nicht zur Erhöhung der Rezidiv- oder Mortalitätsrate durch Brustkrebs. Es zeichnet sich eher eine Abnahme der Gesamtmortalität bei HRT-Einnehmerinnen ab, die an Brustkrebs erkrankten.
Risiko-Nutzen-Analyse: Bei der Bewertung der Risiken der Hormonsubstitution sollte ihr großer Nutzen nicht übersehen werden. In großen prospektiven amerikanischen Studien wurde festgestellt, dass die Sterblichkeit postmenopausaler Frauen durch eine Hormonsubstitution um circa 50 Prozent gesenkt wird, was in erster Linie auf die günstigen Auswirkungen der Östrogenpräparate auf das Herz-Kreislauf-System zurückzuführen ist. Selbst die von Karzinomen abhängige Sterberate wird durch die Hormonsubstitution um etwa 30 Prozent verringert, wobei dies auch für Frauen mit einem Mammakarzinom in der Familienanamnese gilt.
Aus den bisher vorliegenden Daten lässt sich ableiten, dass es bei 1 000 postmenopausalen Frauen durch eine zehnjährige Hormonsubstitution zu sechs zusätzlichen Brustkrebsfällen kommt, dass aber gleichzeitig sieben Oberschenkelhalsbrüche und 60 Herzinfarkte weniger auftreten. Dies führt zu einem Rückgang der Todesfälle wegen Herzinfarkt um 30 Prozent und insgesamt zu einer deutlichen Abnahme der allgemeinen Mortalität. Demnach überwiegt der Nutzen der Hormonsubstitution die gesundheitlichen Risiken bei weitem. Trotzdem sollte eine Hormonsubstitution nur bei entsprechender Indikation verordnet werden, die aus therapeutischen oder präventiven Gründen auf der Basis einer individuellen Nutzen-Risiko-Analyse gestellt werden sollte.
In Deutschland liegen derzeit keine zuverlässigen Zahlen vor, um eindeutige Aussagen zu machen, die vergleichbar wären mit den Ergebnissen aus den oben angegebenen Untersuchungen. Zweifelsfrei ist es erforderlich, dass Patientinnen, bei denen eine langfristige Hormonersatztherapie durchgeführt werden soll, auch über das, wenn auch wie oben angegeben geringe, Risiko eines Mammakarzinoms, aufgeklärt werden.
Es ist richtig, dass sich die Pharmaindustrie um die Fortbildung deutscher Ärzte bemüht. Der Frauenarzt, der Hormontherapien verordnet, richtet sein Handeln jedoch nach Empfehlungen von Fachgesellschaften. Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie und die Deutsche Gesellschaft für Senologie (Brusterkrankungen) haben diesbezüglich Empfehlungen abgegeben. Insbesondere wurden von der Deutschen Gesellschaft für Senologie eine sehr ausführliche Stellungnahme zur Problematik Hormone und Mammakarzinom abgegeben.
Schlusswort
Prof. Dr. med. Eberhard Greiser
Sieben Fachverbände haben massiv Kritik geübt an der von mir vorgenommenen Berechnung des Bevölkerungsrisikos für Krebserkrankungen der Brust und des Endometriums infolge von Östrogensubstitution in der Peri- und Postmenopause. Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, mich fachlicher Kritik zu stellen. Was mir in diesem Fall jedoch einige Probleme bereitet, ist die Tatsache, dass die Kritiker eine erkennbar halbfertige Broschüre, die durch eine Indiskretion an einen Journalisten gelangt war, unhinterfragt wie eine wissenschaftliche Publikation bewerten.
Es scheint bei den Unterzeichnern der Kritik nach dem Erscheinen eines Berichts in der Süddeutschen Zeitung am 8. August 2000 auch zu einem kompletten Zusammenbruch aller Kommunikationssysteme gekommen zu sein, weil mich weder per Telefon noch per Fax oder E-Mail eine Bitte um Erläuterung meiner Methoden und Ergebnisse erreicht hat. Zur Kritik im Einzelnen:
1. In der Berechnung des Attributiv-Risikos durch Östrogen-Substitution wären „nicht die Grundlagen der Biostatistik berücksichtigt“ und bei der Interpretation epidemiologischer Studien Verzerrungsmöglichkeiten außer Acht gelassen worden: Der Berechnung des Attributiv-Risikos liegt eine sehr einfache Formel zugrunde, die sich in jedem besseren epidemiologischen Lehrbuch findet. Erforderlich als Ausgangsdaten sind
- Informationen über die Häufigkeit des Risikofaktors in der Bevölkerung (in diesem Fall: Verordnungshäufigkeiten von Östrogen-Mono- und -Kombinationspräparaten),
- die Kenntnis der Risiko-Erhöhung durch diesen Risikofaktor,
- Informationen über die Neuerkrankungshäufigkeit in der Bevölkerung.
Die genauesten Daten über Verordnungshäufigkeiten in Deutschland stehen im Arzneimittel-Index der gesetzlichen Krankenkassen zur Verfügung. Diese Daten nach Altersgruppen der versicherten Frauen und nach Präparate-Gruppen nach der ATC-Klassifikation wurden ergänzt durch personenbezogene Auswertungen von AOK-versicherten Frauen aus Bayern, Hessen und Sachsen-Anhalt.
Verschiedene epidemiologische Studien haben Schätzungen über erhöhte Erkrankungsrisiken für Mamma-Ca nach Einnahme von Östrogen-Mono- beziehungsweise -Kombinationspräparaten geliefert. Eine der größten dieser Studien ist die Nurses’ Health Studie (Colditz 1995). Die altersstandardisierten Risiko-Erhöhungen betragen hier 36 Prozent für Mono- und 50 Prozent für Kombinationspräparate. Natürlich hätte man hier auch Risiko-Erhöhungen aus anderen Studien (Ross et al. 2000; Schairer et al. 2000) heranziehen können.
Da es für Deutschland insgesamt noch keine umfassenden Inzidenz-Daten für Krebserkrankungen gibt, ist es bei Krebsepidemiologen inzwischen Standard, die Daten des am längsten mit hoher Qualität etablierten Krebsregisters (Saarland) zur Hochrechnung heranzuziehen. Unter Berücksichtigung der in den einzelnen Altersklassen unterschiedlichen Verordnungshäufigkeiten und Inzidenzraten ergibt sich dann, dass im Jahre 1998 von circa 42 000 Erkrankungsfällen bei Frauen zwischen 40 und 79 Jahren circa 5 000 auf die Östrogen-Substitution zurückzuführen sind.
Angesichts der offenkundigen Brisanz dieser Zahlen habe ich meine Berechnungen nicht nur von zwei Fachkollegen (Prof.Dr. Jürgen Berger, Hamburg; Prof.Dr. Hans-Peter Hense, Münster) überprüfen lassen, sondern Methoden und Ergebnisse auch auf dem Frühjahrs-Workshop der Arbeitsgruppe Krebsepidemiologie der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Epidemiologie (Mainz, 6. bis 7. April 2000) vorgetragen und diskutieren lassen.
2. Östrogene seien nicht eigentlich carcinogen, in epidemiologischen Studien gefundene erhöhte Risiken wären möglicherweise auf intensivere Diagnostik bei substituierten Frauen zurückzuführen.
Unabhängig von einzelnen Fachpublikationen erfolgt durch die International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO periodisch die Bewertung von Risikofaktoren, Chemikalien und Arzneimitteln im Hinblick auf ihre Carcinogenität beim Menschen. Eine im Juli 1999 erschienene Monographie (IARC 1999) bewertet die Östrogen-Substitution mit Monopräparaten als eindeutig humancarcinogen, eine Substitution mit Kombinationspräparaten zum Zeitpunkt der Bewertung (Juni 1998) als „möglicherweise carcinogen“.
Eine Reihe von zwischenzeitlich erschienenen Publikationen (u. a. Schairer et al. 2000, Ross et al. 2000) haben die Carcinogenität von Kombinationspräparaten weiter untermauert. Darüber hinaus muss eine Östrogen-Exposition in der Zwischenzeit nicht nur als promovierend für die Carcinogenese, sondern auch als initiierend betrachtet werden (s. a. Estrogens as Endogenous Carcinogens in the Breast and Prostate, 2000). Es gibt keinen Beleg für die Vermutung, dass die in einer Vielzahl von epidemiologischen Studien gefundenen Risikoerhöhungen für Brustkrebs durch eine Überdiagnostik bei substituierten Frauen zurückzuführen wären.
3. Wenn tatsächlich in einem geringen Prozentsatz durch Östrogen-Substitution Mamma-Carcinome entstünden, wären diese weniger maligne und mit besserer Prognose zu behandeln. Diese Vermutung findet keine Bestätigung in neueren Studien (u.a. Schairer et al. 2000). Stallard et al. (2000) fanden in einer umfangreichen Querschnittsstudie in Schottland bei 1 113 Frauen mit Mamma-Ca im Vergleich von substituierten und nicht-substituierten Frauen keinen Unterschied im Hinblick auf Typus und Gradierung, Tumorgröße oder Prognose (Nottingham-Index). Lediglich bei der Anzahl von befallenen Lymphknoten ergaben sich geringfügige Unterschiede.
4. Da Östrogene als Monopräparate bei nicht-hysterektomierten Frauen ein stark erhöhtes Risiko für Endometrium-Carcinome darstellten, bestehe die Substitutionstherapie „heute grundsätzlich aus zwei Komponenten“ (Östrogen, Gestagen). Diese Kombination führe nicht zu einem erhöhten Brustkrebsrisiko. Es trifft zu, dass es seit mehr als zwanzig Jahren als Kunstfehler betrachtet werden muss, wenn einer Frau mit intaktem Uterus ein Östrogen-Monopräparat verordnet wird. Allerdings ist diese Tatsache auch im Jahre 2000 noch längst nicht allen verordnenden Kollegen bekannt. Eine Bremer Erhebung im Jahre 1996 fand in der Altersgruppe der 55- bis 59-jährigen Frauen mit intaktem Uterus eine Anwendungshäufigkeit von mehr als 20 Prozent. Eine noch nicht abgeschlossene Repräsentativ-Befragung von 4 000 Bremerinnen in diesem Jahr zeigt, dass dieses Risiko weiter besteht. Im Gegensatz zu der Vermutung der Fachgesellschaften zeigen neuere Arbeiten, dass eine Östrogen-Gestagen-Kombination dann etwa mit einer Verdoppelung des Endometrium-Ca-Risikos einhergeht, wenn das Gestagen nicht kontinuierlich, sondern zyklisch gegeben wird (Pike et al. 1997; Weiderpass et al. 1999).
5. Die Risiko-Nutzen-Analyse der Östrogen-Substitution müsste der Nutzen durch verhütete Myokardinfarkte und Oberschenkelhalsbrüche berücksichtigt werden. Es wäre erfreulich, wenn eindeutige Belege für die präventive Wirkung der Östrogen-Substitution bei Infarkten vorlägen. Eindeutig können für die Bewertung therapeutischer Wirkungen lediglich kontrollierte klinische Studien herangezogen werden. Bislang liegen neben unkontrollierten Beobachtungsstudien nur zwei kontrollierte klinische Studien vor: Die HERS-Studie (Hulley et al. 1998) zeigte bei 2 763 Frauen mit bestehender Koronarerkrankung im Vergleich der Östrogen-Gruppe mit einer Placebo-Gruppe nach vier Jahren keinen Unterschied in der Häufigkeit von Myokardinfarkten, Koronartod, peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Schlaganfällen oder TIA.
Dagegen war das Risiko für thrombo-embolische Ereignisse in der Östrogen-Gruppe verdreifacht, Gallenblasenerkrankungen traten 38 Prozent häufiger auf. Im Kontrast dazu standen bei der Östrogen-Gruppe eine Senkung des LDL-Cholesterins und eine Erhöhung des HDL-Cholesterins. Herrington et al. (2000) fanden in einer kleineren Randomisierungs-Studie mit 309 Frauen mit angiographisch gesicherter Coronarkrankheit vergleichbare Veränderungen im Lipidprofil der Östrogen-behandelten Frauen, jedoch weder im Vergleich von Serien-Angiogrammen noch bei der Anzahl tödlicher und nicht-tödlicher Infarkte einen positiven Effekt. Bis zur Publikation der Ergebnisse der Women’s Health Initiative (vermutlich erst im Jahre 2005) muss ein präventiver Effekt der Östrogen-Substitution für kardiovaskuläre Ereignisse als ungesichert gelten.
Für die Prävention der Osteoporose schließlich stehen wirksame nicht-pharmakologische Maßnahmen zur Verfügung (calciumreiche Ernährung, Vitamin D, körperliche Aktivität, Hüftprotektoren), die nicht mit dem Risiko von Mamma- oder Endometrium-Carcinom belastet sind.
Schlussfolgerung: Die vorliegende Berechnung des Attributiv-Risikos für Carcinome der Brust und des Endometriums durch Östrogen-Substitution stellt eine begründete Hochrechnung für Deutschland dar. Eine exakte Risiko-Ermittlung unter Berücksichtigung der spezifischen Östrogen-Präparate auf dem deutschen Arzneimittelmarkt ist nur durch eine multizentrische Fall-Kontroll-Studie in vertretbarer Zeit möglich. Eine solche Studie ist allerdings seit mehreren Jahren überfällig.

Prof. Dr. med. Eberhard Greiser
Direktor des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS)
Zentrum für Public Health, Universität Bremen
Linzer Staße 8–10, 28359 Bremen
E-Mail: greiser@bips.uni-bremen.de
(www.bips.uni-bremen.de)

Schlusswort
Klaus Koch
Was taugt die langfristige Hormonersatztherapie? Letztlich war es diese Frage, die mein Artikel (1) aus Anlass der „Greiser/AOK“- Studie (2) beleuchten sollte. Das Ergebnis meiner Recherche war, dass es weit voneinander abweichende Ansichten gibt, aber letztlich derzeit niemand eine verlässliche Bilanz geben kann, ob Nutzen oder Risiken überwiegen. In den meisten Leserbriefen wird mir nun offen oder unterschwellig vorgeworfen, diese Schilderung der Sachlage sei grob verzerrend und hätte Frauen und Ärzte „unnötig verunsichert“.
Das glaube ich nach wie vor nicht. Eine ausführliche Begründung gebe ich auf den Internetseiten des Ärzteblattes. Ich glaube vielmehr, dass sich einige deutsche Frauenärzte bei der Beurteilung der Therapie in falscher Sicherheit wägen. An dieser Stelle will ich nur ein Argument ausführen.
Wer behauptet, er kenne die Bilanz der Hormonersatztherapie, muss zumindest erklären, warum in den USA die „Women´s Health Initiative“ an 27 000 postmenopausalen Frauen stattfinden darf – eine randomisierte doppelblinde Studie, in der seit 1993 die Hälfte der Frauen Hormone erhält, die andere aber Placebo. Unbedingte ethische Voraussetzung für die Entscheidung, mehr als 13 000 Frauen elf Jahre lang die Hormone vorzuenthalten, ist, dass es weder für Nutzen noch Schaden durch die Therapie verlässliche Belege gibt (18). Weder die amerikanischen Gesundheitsbehörden, die das Mammut-Projekt finanzieren, noch die Frauenärzte, würden wohl solch einem Versuch zustimmen, wenn sie bereits wüssten, was das Ergebnis ist.
Und auch die amerikanischen Frauen haben den Sachverhalt offenbar akzeptiert, sonst würden sie nicht an der Studie teilnehmen (19). Vermutlich bis 2005 weiß niemand, ob (und für wen) die langfristige Hormonersatztherapie nützlich, schädlich oder vielleicht einfach überflüssig ist. Dann kann man diskutieren, ob die Ergebnisse der amerikanischen Studien auf Deutschland übertragen werden können. Im Ausland zumindest warten Frauen und ihre Ärzte mit Spannung auf den Ausgang der Studie. Nur hierzulande scheint man die Antwort schon zu kennen.

Klaus Koch
Diplom-Biologe
Freier Wissenschaftsjournalist
Herseler Staße. 28
50321 Brühl
E-Mail: kk@evibase.de


Weitergehende Informationen und Stellungnahmen zum Thema „Hormonersatz-Therapie“ finden Sie auf den Internetseiten des Deutschen Ärzteblattes. Unter www.aerzteblatt.de/foren/ können Sie sich aktiv an der Diskussion beteiligen.

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