ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Klinische Pharmakologie – Quo vadis?

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Klinische Pharmakologie – Quo vadis?

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2518 / B-2150 / C-1904

Wehling, Martin

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LNSLNS Der Druck auf den separaten Bestand von „kleinen“ Fachärzten in der Weiterbildung wächst. Davon betroffen sind auch die Klinischen Pharmakologen. Warum erscheint gerade dieser Umstand als kritisch?
Die Klinische Pharmakologie ist ein Querschnittsfach, das die wichtigste therapeutische Tätigkeit von Ärzten praktisch aller Spezialitäten beinhaltet: die Verordnung von Arzneimitteln. Die Möglichkeiten einer differenzierten, häufig der Multimorbidität Rechnung tragenden Mehrfachtherapie sind angesichts des großen Arzneimittelschatzes enorm, aber auch ihre Risiken. Was liegt daher näher als die Etablierung eines interdisziplinären Faches, das bei der Anwendung, aber auch der kritischen Würdigung dieses Potenzials Hilfestellungen gibt?
Analog hatte sich vor langer Zeit die Radiologie als diagnostisches Querschnittsfach entwickelt, als die Methoden dieses Faches komplizierter, und daher für den Praktiker, zum Beispiel den Internisten, nicht mehr effizient anwendbar waren. Leider existiert ein gravierender Unterschied zwischen beiden Querschnittsfächern: Eine moderne (diagnostische) Radiologie ist abhängig von teuren Geräten, die sich nur über die mit der Spezialisierung verbundene größere Auslastung amortisieren, ganz abgesehen vom Spezialwissen, das zu ihrem Betrieb nötig ist. Solche Spezialgeräte fehlen der Klinischen Pharmakologie weitgehend, was es dem Kliniker leichter macht zu sagen: „Das können wir alleine genauso gut.“
Dabei hat die Klinische Pharmakologie in den letzten fünf Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Als Folge zweier Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Förderung der Klinischen Pharmakologie von 1990 und 1997 gibt es drei relevante Gebiete, die das Bun­des­for­schungs­minis­terium fördert: Klinische Pharmakologie, MedNet und Kompetenzzentren für klinische Studien. Zudem wurden mehrere C3- und C4-Lehrstühle eingerichtet. Auch wenn es noch keine flächendeckende Versorgung in Klinischer Pharmakologie gibt, sind diese Entwicklungen doch zeitgemäß und zukunftsweisend.
In dieser Zeit des Aufschwungs wirft uns die Diskussion um die mögliche Abschaffung eines eigenständigen Facharztes für Klinische Pharmakologie um Jahre zurück. Erst 1986 eingeführt, haben inzwischen etwa 200 Ärzte diese Facharztbezeichnung erworben. Diese Möglichkeit wird von jungen Ärzten als reales Berufsziel begriffen, das derzeit gerade an den Hochschulen, aber auch in der Industrie einen ansonsten unbekannten Stellenzuwachs erfährt.
Dieser Facharzt ist neben der Habilitation zudem das einzige, was man jungen Ärzten in einem unabhängigen Institut für Klinische Pharmakologie als Berufsziel, auch im Sinne eines zukunftsträchtigen „Labels“ bieten kann. Eine Abschaffung hätte deletäre Folgen für die Attraktivität des Faches, das jetzt schon in oft schmerzlicher Konkurrenz zu traditionellen klinischen Fächern steht. Eine Teilgebietsbezeichnung Klinische Pharmakologie zusätzlich zu einem „klassischen“ Facharzttitel würde die grundlegende Eigenschaft des Faches, die Interdisziplinarität, herabwürdigen. Angesichts der mittlerweile sichtbaren Anfangserfolge wäre eine Rückstufung eine Katastrophe. Es bleibt nur zu hoffen, dass den Entscheidungsträgern in dieser Angelegenheit kompetente Ratgeber zur Seite stehen und die rationale und rationelle Pharmakotherapie in Deutschland eine wichtige und ausbaufähige Stütze behält. Martin Wehling
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