ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Vergangenheit: Heutige Besserwisser

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Vergangenheit: Heutige Besserwisser

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2520 / B-2150 / C-2014

Oeken, Jens

Zu den Leserbriefen in Heft 31–32/2000, die sich auf das Interview mit Prof. Dr. med. Eggert Beleites „Das Problem ist ja nicht weg aus unserer Zeit“ in Heft 27/2000 bezogen:
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LNSLNS Es war ausgesprochen wohltuend, festzustellen, dass es immer noch Kollegen wie Prof. Beleites gibt, die in der Lage sind, philosophisch zu denken. Natürlich fällt es uns heute leicht über Entscheidungen zu richten, die in anderen Zeiten getroffen wurden. Man braucht heute nicht über die Kastration psychisch schwer Geschädigter nachzudenken, da man sie mit entsprechenden Hormonpräparaten „behandeln“ kann. Man braucht heute Patienten, die sich in schwerster Weise selbst verstümmeln, nicht mehr zu bandagieren oder mit stereotaktischen Eingriffen „ruhig zu stellen“, da es entsprechende Psychopharmaka gibt. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Wie kommen wir heutigen Besserwisser eigentlich dazu, über die damaligen Beweggründe eines Prof. Ibrahim in grob vereinfachter Weise zu urteilen. Lust am Töten war es bestimmt nicht. Die schneidigsten Vertreter der „political correctness“, die sich heute zu Wort melden, wären die schneidigsten Vertreter des damaligen Zeitgeistes gewesen. Sie sollten Gott danken, dass sie in anderen Zeiten geboren worden sind. Von derartigen „edlen“ Gemütern hebt sich Prof. Beleites deutlich ab. Ironischerweise hat er völlig Recht, dass er damit wieder nicht auf der „richtigen“ Linie liegt.
Ein konkretes Wort noch zum Leserbrief von Dr. Emmrich. Es ist unverschämt, Prof. Beleites der Verniedlichung der DDR-Verbrechen zu bezichtigen. Ausgerechnet Prof. Beleites ist ein Kollege, der in DDR-Zeiten tatsächlich in der Karriere behindert wurde, weil er nicht auf der richtigen Linie lag. Im Übrigen sollte ein promovierter Hochschulabsolvent in der Lage sein, zwischen dem totalitären Regime, das innerhalb von zwölf Jahren mehr als sechs Millionen Menschen vergaste, einen Weltkrieg vom Zaun brach und sich unzähliger weiterer Verbrechen schuldig machte, und jenem, das in den vierzig Jahren seiner Existenz seine Bürger zur Unfreiheit und Unmündigkeit zwang und einige Hundert Opfer hervorbrachte, objektiv zu unterscheiden. Diese Systeme gleichzusetzen, stellt eine Herabwürdigung der Opfer des Nationalsozialismus dar. Wie wäre es da mit einer persönlichen Entschuldigung bei Prof. Beleites?
Jens Oeken, Universitätsklinikum, Klinik und Poliklinik für HNO, Liebigstraße 18a, 04103 Leipzig
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