ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Nichtinvasive Gefäßdiagnostik: Fortschritt für den Patienten

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Nichtinvasive Gefäßdiagnostik: Fortschritt für den Patienten

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2527 / B-2156 / C-2020

Krause, Ulrich; Hahn, Dietbert; Schultz, Georg; Kenn, Werner; Wittenberg, Günther; Pabst, Thomas

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LNSLNS Zusammenfassung
Erkrankungen des Gefäßsystems zeigen weiterhin eine steigende Tendenz. Deshalb ist die Weiterentwicklung der Gefäßdiagnostik besonders wichtig. Bereits seit mehreren Jahren hat ein Wandel von invasiven zu nichtinvasiven Untersuchungsverfahren begonnen. Vor allem Entwicklungen auf dem Gebiet der Computertomographie, der Kernspintomographie und der Ultraschalldiagnostik haben die Indikationen zur invasiven digitalen Subtraktionsangiographie (DSA) im Rahmen der Gefäßdiagnostik deutlich eingeschränkt. Die neueren Entwicklungen, insbesondere auf dem Gebiet der MR-Angiographie und Ultraschalldiagnostik, lassen erwarten, dass in naher Zukunft die primäre Gefäßdiagnostik fast vollständig mit nichtinvasiven Untersuchungsverfahren durchgeführt werden kann.

Schlüsselwörter: Gefäßdiagnostik, DSA, MR-Angiographie, CT-Angiographie, farbkodierte Duplexsonographie

Summary
Non-invasive Diagnostic Procedures of the Vascular System
Diseases of the vascular system are still increasing. For that reason, the development of modern non-invasive diagnostic procedures are of importance for the health system. Recently there has been a change from invasive to non-invasive diagnostic procedures. Especially new developments in computed tomography, magnetic resonance imaging and ultrasound have reduced the indications for the invasive digital subtraction angiography (DSA) concerning the diagnostics of the vascular system. Further improvement especially in MR-angiography and colour-coded dopplersonography will enable physicians to cover all primary diagnostic examinations by non-invasive radiological procedures.

Key words: diagnostic of the vascular system, DSA, CT-angiography, MR-angiography, colour- coded dopplersonography



Viele Jahrzehnte lang galt die Angiographie als das Verfahren der Wahl zur Diagnostik von Gefäßerkrankungen. Die erste zerebrale Angiographie wurde 1927 von Egas Moniz und die erste lumbale Aortographie wurde 1929 von Reynaldo dos Santos durchgeführt. Es folgte die Entwicklung neuer, besser verträglicher Kontrastmittel.
Ein wesentlicher Meilenstein in der Entwicklung der angiographischen Technik stellte 1952 die Einführung einer neuen Punktions- und Kathetertechnik durch Sven Ivar Seldinger dar. Erst in den 70er-Jahren kam es dann zu einer weiteren grundlegenden Verbesserung der Untersuchungstechnik durch die Einführung der digitalen Subtraktionsangiographie.
Die Weiterentwicklung während der letzten Jahre auf dem Gebiet der Untersuchungsgeräte, der Kathetertechnik und des Kontrastmitteleinsatzes hat zu einer generellen Verbesserung der Diagnostik von Gefäßerkrankungen geführt. Durch die Weiterentwicklung anderer radiologischer Untersuchungsverfahren stehen heute die Computertomographie, die Kernspintomographie und die Ultraschalldiagnostik als alternative Techniken zur Abklärung von Gefäßerkrankungen zur Verfügung. Einige dieser Verfahren werden bereits seit längerer Zeit erfolgreich in der Gefäßdiagnostik eingesetzt.
Die Weiterentwicklung der nichtinvasiven Verfahren, vor allem auf dem Gebiet der Kernspintomographie und des Ultraschalls, wird in den nächsten Jahren zu einem erheblichen Wandel der Gefäßdiagnostik führen. Neben einer Darstellung der heute zur Verfügung stehenden radiologischen Verfahren ist es das Ziel dieser Arbeit, Entwicklungstendenzen und Zukunftsperspektiven in der Diagnostik von Gefäßerkrankungen aufzuzeigen.
Untersuchungsverfahren
Für die moderne Diagnostik von Gefäßerkrankungen stehen heute die digitale Subtraktionsangiographie (DSA), die computertomographische Angiographie (CTA), die Kernspinangiographie (MRA) und der Ultraschall sowohl als B-Mode, Dopplersonographie und farbkodierte Duplexsonographie (FKDS) zur Verfügung.
Der Trend in der Gefäßdiagnostik zeigt einen Wechsel von invasiven
Methoden zu nichtinvasiven Verfahren, von rein morphologischen zu funktionellen Darstellungen und einen Wechsel von der Stufendiagnostik zu einer optimierten Untersuchungsstrategie.
Digitale Subtraktionsangiographie
Die digitale Subtraktionsangiographie gilt heute immer noch als das Standardverfahren zur Abklärung von Gefäßerkrankungen. Es ist jedoch ein invasives Untersuchungsverfahren, das eine arterielle Punktion und die Einführung eines Katheters in die gewählte Untersuchungsregion, die Gabe eines jodhaltigen Kontrastmittels sowie eine unterschiedlich hohe Strahlenexposition erfordert. Der Vorteil liegt in der sehr hohen räumlichen und zeitlichen Auflösung.
Die digitale Subtraktionsangiographie stellt jedoch nur das perfundierte Lumen eines Gefäßes dar. Sie erlaubt nur eine sehr eingeschränkte Beurteilung der Gefäßwand. Verdickungen der Gefäßwand sowie kleinere Verkalkungen lassen sich nicht oder nur indirekt nachweisen.
CT-Angiographie
Die Einführung der Computertomographie hat bereits Ende der 70er-Jahre einen Wandel der Gefäßdiagnostik eingeleitet, der durch die Einführung der Spiral-Computertomographie neue Impulse erhielt. Die Spiral-Computertomographie erlaubt seit mehreren Jahren eine zufriedenstellende dreidimensionale Darstellung der größeren Gefäße in unterschiedlichen Techniken (28). Die CTA ist ein geringinvasives Untersuchungsverfahren mit einer hohen räumlichen, aber sehr begrenzten zeitlichen Auflösung. Die CTA erfordert jedoch ähnlich wie die DSA die Gabe von jodhaltigen Kontrastmitteln und eine nicht zu vernachlässigende Strahlenexposition. Der große Vorteil der computertomographischen Gefäßdiagnostik besteht jedoch in der gleichzeitigen Erfassung von Gefäßverkalkungen, der Möglichkeit der Beurteilung der Wandstruktur größerer Gefäße sowie der exakten Bestimmung der Lumenweite eines Gefäßes. Sie bietet damit im Vergleich zur DSA eine bessere diagnostische Aussage vor interventionellen Eingriffen. Moderne Rekonstruktionsverfahren ermöglichen eine 3-D-Darstellung größerer Gefäße bei jedoch noch immer relativ langer Nachverarbeitungszeit der digitalen Bilder (Abbildung 1).
MR-Angiographie
Als konkurrierendes Diagnoseverfahren steht seit Anfang der 80er-Jahre die Kernspintomographie zur Verfügung. Als nichtinvasive Methode gewann sie relativ rasch Einfluss auf die Gefäßdiagnostik, nicht nur im Bereich der thorakalen Aorta, sondern auch im Bereich der peripheren Gefäße. Ohne zusätzliche Kontrastmittelgabe blieb ihr Einsatz jedoch in den ersten Jahren auf die Diagnostik größerer Gefäße beschränkt. Sehr früh wurde allerdings bereits die Möglichkeit der Erfassung von funktionellen Parametern, wie der Flussgeschwindigkeit und des Flussvolumens erkannt und entwickelt.
Die Weiterentwicklung der MR-Angiographie war in den letzten Jahren von der Einführung schneller Sequenzen mit oder ohne Kontrastmittel geprägt. Auch im Bereich der Gefäßdarstellung der parenchymatösen Oberbauchorgane besitzt die Kernspintomographie mittlerweile einen hohen Stellenwert, da sie nicht nur eine gleichzeitige Darstellung der arteriellen und venösen Gefäße, sondern im gleichen Untersuchungsgang eine Beurteilung von Parenchymveränderungen ermöglicht. Die MR-Angiographie besitzt eine sehr gute räumliche und zeitliche Auflösung sowie eine sehr hohe Kontrastauflösung. Eine wesentliche Verbesserung der diagnostischen Aussagekraft, vor allem im Bereich kleinerer Gefäße, wurde durch den zunehmenden Einsatz paramagnetischer Kontrastmittel erreicht. Ähnlich wie die Computertomographie bietet die Kernspintomographie die Möglichkeit, sowohl das perfundierte Lumen als auch Veränderungen der Gefäßwände sicher darzustellen. Aufgrund der höheren Kontrastauflösung ist sie dabei jedoch der Computertomographie eindeutig überlegen. Die Bildnachverarbeitung und 3-D-Rekonstruktion selbst großer Gefäßabschnitte ist innerhalb extrem kurzer Zeit möglich (Abbildung 2).
Farbkodierte Duplexsonographie
Seit vielen Jahren werden Ultraschalluntersuchungen der Gefäße mit der B-Bild-Sonographie, der Dopplersonographie, der Duplexsonographie und in zunehmendem Umfang mit der farbkodierten Duplexsonographie durchgeführt. Auch im Bereich der peripheren Gefäßdiagnostik, vor allem
der Becken-Bein-Region, gewinnt die farbkodierte Duplexsonographie zunehmend an Bedeutung. In der Thrombosediagnostik der unteren Extremitäten hat die Phlebosonographie mittlerweile eine führende Rolle übernommen. Die Weiterentwicklung der Ultraschall-Gefäßdiagnostik durch Einführung von Panoramaverfahren, Verbesserung der farbkodierten Duplexsonographie und Einsatz von Ultraschallkontrastmitteln hat die diagnostische Aussagekraft erheblich verbessert. Die Ultraschalldiagnostik ist ein nichtinvasives Untersuchungsverfahren mit einer sehr hohen räumlichen und zeitlichen Auflösung sowie einer guten Kontrastauflösung. In einem Untersuchungsgang lassen sich sowohl das perfundierte Lumen als auch die Gefäßwand darstellen und pathologische Veränderungen nachweisen. Im Vergleich zur DSA und der CT-Angiographie ermöglicht die farbkodierte Duplexsonographie, ähnlich wie die MR-Angiographie, eine funktionelle Beurteilung durch Messung der Flussgeschwindigkeit und des Flussvolumens.
Halsgefäße
Im Bereich der Halsgefäße kann eine kombinierte Ultraschalldiagnostik bereits alle notwendigen Fragen des Operateurs ausreichend beantworten, sodass eine angiographische Abklärung mithilfe der digitalen Subtraktionsangiographie überflüssig ist oder lediglich einer zusätzlichen Absicherung dient. Bei unklaren Befunden sollte heute die MR-Angiographie als zweites nichtinvasives Verfahren eingesetzt werden (Abbildung 3).
Die CT-Angiographie der Halsgefäße bietet im Vergleich zur farbkodierten Duplexsonographie und der MR-Angiographie keinen diagnostisch wertbaren Vorteil. Der Einsatz der invasiven DSA erscheint nur noch dann gerechtfertigt, wenn im Rahmen der Gefäßdarstellung eine interventionelle Maßnahme, wie zum Beispiel eine Dilatation oder Stenteinbringung geplant ist. Die diagnostische Aussagekraft der farbkodierten Duplexsonographie und der Kernspinangiographie (Tabelle 1) ist so hoch, dass der Einsatz invasiver oder semi-invasiver Verfahren nur noch unter speziellen Fragestellungen gerechtfertigt erscheint (24, 29).
Handgefäße
Die selektive hochauflösende DSA der Handgefäße war immer mit diagnostischen Problemen, bedingt durch Gefäßspasmen, belastet, sodass sehr häufig eine sichere Differenzierung funktioneller Veränderungen nicht möglich war. Auch der zusätzliche intraarterielle Einsatz von Medikamenten konnte nur in einem Teil der Fälle zu einer Verbesserung der Diagnostik führen. Im Bereich der Handgefäße besitzen weder die computertomographische Angiographie noch die Ultraschalldiagnostik derzeit einen diagnostischen Stellenwert.
Im Gegensatz dazu stellt die MR-Angiographie das Verfahren der Wahl zur Diagnostik funktioneller Gefäßveränderungen im Handbereich, wie zum Beispiel dem M. Raynaud, dar. Auch bei Einsatz von intravenösen Kontrastmitteln kommt es in der MR-Angiographie nicht zum Gefäßspasmus. Durch die Einführung neuer zeitaufgelöster MR-Angiographie-Sequenzen konnte die Diagnostik im Bereich der Handgefäße weiter verbessert werden, sodass heute eine Darstellung bis in die distalen Abschnitte der Digitalarterien möglich ist. Die Untersuchungszeiten in der MR-Angiographie der Handgefäße schwanken in Abhängigkeit von der gewählten kontrastmittelunterstützten MRA-Sequenz zwischen fünf Sekunden und 30 Sekunden (Abbildung 4).
Thorakale Gefäße
Für Erkrankungen der thorakalen Aorta gilt bereits seit vielen Jahren die nichtinvasive Kernspintomographie als das Verfahren der Wahl bei elektiven diagnostischen Untersuchungen. Für beatmete und polytraumatisierte Patienten ist die Spiral-Computertomographie mit intravenöser Kontrastmittelgabe die schnellste Untersuchungsmethode. Diese bietet vor allem durch die große Verfügbarkeit, die hohe Geschwindigkeit und die Möglichkeit der gleichzeitigen Beurteilung der Lungen und der umgebenden Organstrukturen einen deutlichen Vorteil. Die DSA spielt sowohl bei der elektiven Abklärung von Erkrankungen der thorakalen Aorta als auch bei Notfallpatienten nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Eine wesentlich geringere Bedeutung besitzt die Ultraschalluntersuchung im Bereich der thorakalen Aorta, da lediglich die transösophageale Ultraschalluntersuchung eine diagnostische Aussage bei Dissektionen erlaubt. Die transösophageale Ultraschalluntersuchung gehört jedoch in den Bereich der invasiven Untersuchungsverfahren. Unter dem Aspekt der Verfügbarkeit liegt die transösophageale Ultraschalluntersuchung deutlich hinter der Computertomographie (7, 21). Bei elektiven Untersuchungen bietet die MR-Angiographie im Vergleich zur CT-Angiographie erhebliche Vorteile durch mögliche Funktionsuntersuchungen sowie Messungen des Blutflusses und von Shuntvolumina. Vor allem Gefäßmissbildungen oder Variationen im Kindesalter stellen heute eine eindeutige Indikation zum primären Einsatz der Kernspintomographie dar (Abbildung 5).
Im Rahmen der Lungenemboliediagnostik ist die digitale Subtraktionsangiographie mittlerweile fast vollständig durch die Spiral-Computertomographie abgelöst worden. Die MR-Angiographie der Pulmonalarterien hat durch die schnelle technische Weiterentwicklung dieses Verfahrens zunehmend an Bedeutung gewonnen (Tabelle 2). 1992 benötigte man für eine MR-Angiographie der Pulmonalgefäße zwischen sieben und elf Minuten. Heute kann eine kontrastmittelunterstützte MR-Angiographie der Pulmonalgefäße in hoher Auflösung in fünf bis 20 Sekunden durchgeführt werden. Eine Indikation zum primären Einsatz der MR-Angiographie der Pulmonalarterien stellen Gefäßmissbildungen im Kindes- und Erwachsenenalter dar. Bei der Abklärung der pulmonalen Hypertonie und der Lungenembolie wird die MR-
Angiographie in zunehmendem Maße eingesetzt (3, 12). Nach vorliegenden Untersuchungen ist es denkbar, dass die MR-Angiographie die CT-Angiographie langfristig vollständig ablösen kann. (Abbildung 6).
Abdominale Gefäße
Während Ultraschall und Kernspintomographie im Abdominalbereich in einem Teil der Fälle mit technischen Problemen belastet sind, stellt die Computertomographie der abdominalen Aorta zurzeit das robusteste Verfahren dar (10, 14). Gegen den primären Einsatz der digitalen Subtraktionsangiographie bei rein diagnostischen Fragestellungen spricht die Invasivität des Verfahrens und die fehlende Möglichkeit, thrombosierte Anteile bei aneurysmatischen Veränderungen der Aorta abdominalis beurteilen zu können. Auch beim polytraumatisierten Patienten mit dem Verdacht auf eine Gefäßverletzung ist die Spiral-Computertomographie das Verfahren der Wahl, da Begleitverletzungen mit großer diagnostischer Sicherheit miterfasst werden können.
Die häufigste Fragestellung im Bereich der Nierenarterien betrifft die Nierenarterienstenose. Hierbei handelt es sich aufgrund der geringen Prävalenz in aller Regel um eine Ausschlussdiagnostik. Daher sollte bei der Abklärung von Nierenarterienstenosen das Verfahren mit der geringsten Invasivität eingesetzt werden. Die Ultraschalldiagnostik besitzt nur einen eingeschränkten Stellenwert, da die Aussagekraft zum einen durch patientenbedingte Schallprobleme, zum anderen durch die Untersucherabhängigkeit sehr stark schwankt. Trotz der in der Literatur belegten hohen Aussagekraft der CT-Angiographie, vor allem in Bezug auf Verkalkungen der Nierenarterie, gilt sie als geringinvasives Verfahren mit den Nachteilen der relativ hohen intravenösen Kontrastmittelgabe und einer entsprechend hohen Strahlenexposition. Die Kernspin-Angiographie der Nierenarterien besitzt eine vergleichbar gute diagnostische Aussagekraft bei jedoch minimaler Invasivität und wird daher zukünftig als das Verfahren der Wahl eingesetzt werden (4, 5, 9, 11, 13, 14, 17, 31, 33). Durch die verbesserte räumliche Auflösung besteht die Möglichkeit, kleine Gefäßveränderungen, wie zum Beispiel bei der fibromuskulä-
ren Dysplasie, sicher nachzuweisen (Tabelle 3).
Im Bereich der Darmgefäße und des portalvenösen Gefäßsystems besitzt die hochauflösende DSA weiterhin eine eindeutige Indikation. Vor allem die Blutungsdiagnostik der Darmgefäße gilt weiterhin als eine Domäne der DSA. Trotz einzelner Literaturangaben über den Stellenwert der CT-Angiographie und der MR-Angiographie bei gastrointestinalen Blutungen scheinen beide Methoden die DSA derzeit noch nicht ersetzen zu können (8). Bei der Darstellung der Gefäßversorgung der großen Oberbauchorgane und des portalvenösen Gefäßsystems wird jedoch die MR-Angiographie zunehmend die invasive DSA ersetzen. Im Vergleich zur CT-Angiographie ermöglicht die MR-Angiographie durch ihre hohe räumliche und zeitliche Auflösung eine kontinuierliche Darstellung des arteriellen und venösen Gefäßsystems in einem Untersuchungsgang (1, 19, 20, 22, 26, 27, 32, 36). Die MR-Angiographie erlaubt im Vergleich zur DSA eine qualitativ bessere Darstellung des portalvenösen Systems (Abbildung 7).
Becken-Bein-Gefäße
Zur Abklärung von Gefäßerkrankungen der Becken-Bein-Region gilt die DSA noch als das Standardverfahren. Der zunehmende Einsatz der farbkodierten Duplexsonographie bei rein diagnostischen Fragestellungen wird jedoch in absehbarer Zeit zu einem deutlichen Rückgang der peripheren DSA-Untersuchungen führen. Trotz der sehr guten diagnostischen Aussagekraft der farbkodierten Duplexsonographie mit der Möglichkeit der funktionellen Beurteilung stenosierter Gefäßabschnitte stellt die FKDS ein sehr zeitaufwendiges Untersuchungsverfahren dar. Die neu entwickelten Panoramaverfahren im Ultraschall ermöglichen zwar eine übersichtliche Darstellung größerer Gefäßabschnitte, sind jedoch noch nicht zur Stenosediagnostik geeignet (18). Eine primäre Indikation für die Ultra-schalldiagnostik stellen dagegen Kontrollen nach Gefäßdilatation, Stenteinbringung oder peripheren Gefäßoperationen dar, da in diesen Fällen nur umschriebene Gefäßabschnitte untersucht werden müssen. Die MR-Angiographie der peripheren Gefäße, die bereits in einer Schrittverschiebetechnik möglich geworden ist, bleibt trotz aller Weiterentwicklungen vorläufig ein relativ aufwendiges Verfahren (2, 6, 15, 16, 23, 25, 34, 35). Sie wird daher in absehbarer Zeit nur für spezielle Fragestellungen eingesetzt werden (Abbildung 8). Die CT-Angiographie hat trotz der in der Literatur (30), vor allem für den Beckenbereich beschriebenen hohen diagnostischen Aussagekraft, keinen Stellenwert im Rahmen der generellen Abklärung von Gefäßveränderungen der Becken-Bein-Region (Tabelle 4).
Koronarangiographie
Die Diagnostik der Koronararterien wird fast ausschließlich mithilfe der Katheterangiographie in digitaler Technik durchgeführt. Ultraschallverfahren führen nur unter Einsatz des intravasalen Ultraschalls zu verwertbaren diagnostischen Ergebnissen. Der intravasale Ultraschall ist ebenfalls eine invasive Methode mit vergleichbarem Komplikationsrisiko wie bei der digitalen Subtraktionsangiographie. Als semi- oder nichtinvasive Untersuchungsverfahren werden die ultraschnelle Spiral-Computertomographie und die MR-Angiographie erprobt. Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten der Koronararterien, der Atem- und Bewegungsartefakte bestehen bei der Gefäßdarstellung der Koronarien erheblich größere technische Probleme als in anderen Gefäßregionen. Neuere Entwicklungen auf diesem Gebiet zeigen jedoch, dass langfristig auch eine Konkurrenz zur invasiven Koronarangiographie entstehen kann. (Abbildung 9).
Schlussfolgerung
Die Diagnostik von Gefäßerkrankungen unterliegt derzeit einem raschen Wandel. Invasive Untersuchungsverfahren werden in zunehmendem Maße durch nichtinvasive Methoden ersetzt werden. Anstelle einer rein morphologischen Betrachtung werden zusätzliche funktionelle Aussagen treten. In Abhängigkeit von der Untersuchungsregion und der Fragestellung können heute verschiedene nichtinvasive Verfahren zur Gefäßdiagnostik eingesetzt werden. Bei Gefäßerkrankungen mit einer niedrigen Prävalenz steht der Ausschluss einer pathologischen Veränderung im Vordergrund. In diesen Fällen sollte eine Untersuchungsmethode mit einer möglichst niedrigen Rate an falsch negativen Befunden eingesetzt werden.
Bei Gefäßerkrankungen mit einer hohen Prävalenz sollten dagegen Verfahren mit einer möglichst niedrigen Rate an falsch positiven Befunden bevorzugt werden. Der Einsatz der invasiven digitalen Subtraktionsangiographie sollte wegen des zwar geringen, aber nicht vollständig vernachlässigbaren Komplikationsrisikos in Zukunft auf die Kombination mit geplanten interventionellen Eingriffen beschränkt werden.
Eine wesentliche Aufgabe für die nächsten Jahren besteht in der Entwicklung und Optimierung nichtinvasiver Untersuchungsverfahren für jede Gefäßregion. Trotz der Erfolg versprechenden Ansätze in vielen klinischen Studien wird die Einführung der neuen nichtinvasiven Untersuchungsverfahren in die Routinediagnostik noch einige Zeit erfordern. Bei der derzeit schnellen Weiterentwicklung in den Bereichen der Kernspinangiographie und der Ultraschalldiagnostik muss jedoch davon ausgegangen werden, dass diese beiden Verfahren in Zukunft die führende Rolle in der Diagnostik von Gefäßerkrankungen spielen werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A 2527–2532 [Heft 39]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift für die Verfasser:
Professor Dr. med. Dietbert Hahn
Institut für Röntgendiagnostik
der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität
Josef-Schneider-Straße 2
97080 Würzburg
E-Mail: hahn@roentgen.uni-wuerzburg.de


Abbildung 1: Darstellung der Nierenarterien und der abdominalen Aorta in CT-Angiographietechnik eines 54-jährigen Hypertonie-Patienten. Verkalkte Plaques am Abgang der Nierenarterien ohne Nachweis einer hämodynamisch wirksamen Stenose


Abbildung 2a und b: Kontrastmittelunterstützte MR-Angiographie und T1-gewichtetes Gradientenecho-Bild eines 74-jährigen Patienten mit akutem Abdomen: Teilthrombosiertes infrarenales Bauchaortenaneurysma (Durchmesser 10 cm). Die MR-Angiographie (a) belegt, dass die Nierenarterien nicht in das Aneurysma miteinbezogen sind. Sie zeigt den perfundierten, das Imaging zeigt (b) den thrombosierten Anteil (Pfeil).


Abbildung 3: 37-jährige Patientin mit Takayasu-Arteriitis: Wandverdickung und Lumeneinengung der A.
carotis communis rechts im Power-Doppler (Intensity Mode)


´Tabelle 1
Halsgefäße
Methode Sensitivität Spezifität
(Prozent) (Prozent)
CTA 60–92 90–98
MRA 84–98 91–99
FKDS 91–95 86–97
CTA, computertomographische Angiographie
MRA, Kernspinangiographie
FKDS, farbkodierte Duplexsonographie


Abbildung 4: Kontrastmittelunterstützte MR-Angiographie (intravenöse Injektion) der Hand eines gesunden Probanden in 24 Sekunden


Abbildung 5: 27-jährige Patientin, Hypertonus seit Jahren bekannt: hochgradige, membranöse Aortenisthmusstenose mit exzessiver Kollateralisierung über dilatierte Interkostalarterien und A. thoracica interna


´Tabelle 2
Pulmonalarterien (Akute Lungenembolie)
Methode Sensitivität Spezifität Treffsicherheit
(Prozent) (Prozent) (Prozent)
EBT 92 100 94
MRA 79 100 84
EBT, Elektronenstrahl-Computertomographie
MRA, Kernspinangiographie


Abbildung 6: Kontrastmittelunterstützte MRA einer 73-jährigen Patientin mit Lungenembolie: embolischer Verschluss der linken Unterlappenarterie (Pfeil)


´Tabelle 3
Nierenarterienstenose
Methode Sensitivität Spezifität
(Prozent) (Prozent)
CTA 59–100 82–98
MRA 84–98 91–99
FKDS 40–100 85–91
CTA, computertomographische Angiographie
MRA, Kernspinangiographie
FKDS, farbkodierte Duplexsonographie


Abbildung 7: KM-MRA einer 66-jährigen Patientin mit a) hochgradiger Nierenarterienstenose beidseits (Pfeile) sowie b) weiteren Stenosen des Truncus coeliacus und der A. mesenterica superior (Pfeil). c) Darstellung der Nierenparenchymphase sowie des portalvenösen Gefäßsystems


Abbildung 8: Darstellung des Unterschenkelgefäßstatus eines 60-jährigen Patienten mit AVK IIb rechts. Kontrastmittelunterstützte MR-Angiographie (intravenöse KM-Gabe) in 34 Sekunden: Okklusion des Truncus tibiofibularis mit segmentaler Wiederauffüllung der A. fibularis und der A. tibialis posterior


´Tabelle 4
Periphere Gefäße (Becken-Bein-Region)
Methode Sensitivität Spezifität
(Prozent) (Prozent)
CTA 91–94 95–100
MRA 93–98 97–99
FKDS 88–97 95–99
CTA, computertomographische Angiographie
MRA, Kernspinangiographie
FKDS, farbkodierte Duplexsonographie


Abbildung 9: Darstellung des Ramus interventricularis anterior der linken Koronararterie und der V. cordis magna bei einem gesunden Probanden
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