MEDIZIN: Diskussion

Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Psychiatrische Hilfe wichtig

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2537 / B-2167 / C-2031

Zilker, Thomas

zu dem Beitrag von Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers M.A. in Heft 13/2000
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Wir möchten Herrn Röttgers zu seinem offenen und sensiblen Übersichtsartikel beglückwünschen. In unserer universitären Umwelt-Ambulanz haben wir bisher knapp 300 Patienten untersucht, die sich von Schadstoffen in ihrer privaten oder beruflichen Umgebung belastet oder gar vergiftet glaubten (die Ergebnisse werden demnächst veröffentlicht). An erster Stelle der Beschwerdeliste standen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen und Schlafstörungen, insgesamt wurden aber über 100 meist unspezifische Symptome an manchmal ein bestimmtes „Gift“, oft aber eine ganz heterogene Gruppe von „Giften“ attribuiert. In wenigen Einzelfällen konnten wir eine Schadstoffbelastung im Biomonitoring oder eine bekannte Reizwirkung einer Substanz nachweisen. Dagegen fanden wir im strukturierten klinischen Interview nach DSM-IV für psychiatrische Diagnosen bei 75 Prozent der Patienten mindestens eine psychiatrische Störung. Im Wesentlichen waren das somatoforme, affektive oder Angststörungen. Bei einer großen Zahl von Patienten waren die Beschwerden auch durch bekannte somatische Krankheiten zu erklären, vorwiegend durch Allergien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, degenerative Skelettschäden oder Autoimmunopathien. Was uns erstaunt hat, war die ganz überwiegend positive Resonanz der Patienten auf das psychiatrische Gespräch (Abbrecherquote 1,5 Prozent). Die meisten erklärten, noch nie so direkt und empathisch auf mögliche psychosoziale Konfliktsituationen, depressive Episoden, Ängste, psychotisches Erleben angesprochen worden zu sein. Obwohl „Umweltpatienten“ in der Regel etliche Arztkontakte und nicht selten auch schädliche „Behandlungen“ (Ausfräsen des Kiefers, wochenlange „Kuren“ mit einem Chelatbildner) hinter sich haben, bevor sie uns aufsuchen, war ein Psychiater in der Regel noch nicht involviert. Unserer Erfahrung nach werden die Patienten im Vorfeld durch die Familie, Arbeitskollegen und oft auch durch einen verunsicherten Hausarzt als schwierig empfunden. Die Patienten haben oft den Eindruck, als „Spinner“ zu gelten und mit dem „Psychiater“ gedroht zu bekommen. Die vielzitierte „Psychiatrisierung“ findet unseres Erachtens nach am wenigsten durch die Psychiater statt, die am Ende einer langen Odyssee oft einem verblüfften Patienten erklären, dass Angst- und Affektstörungen gut therapierbar sind. Leider hat in jüngster Zeit die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin ebenfalls vor einer „Psychiatrisierung“ von Umweltkranken gewarnt – und es damit solchen Patienten noch schwerer gemacht, den Kontakt zu einem Psychiater beziehungsweise Psychotherapeuten zu suchen. Ob sie einer „Kieferorthopädisierung“ oder „Toxikologisierung“ eher zustimmt, hat sie allerdings nicht geäußert.

Prof. Dr. med. Thomas Zilker
Toxikologische Abteilung der II. Medizinische Klinik
Constanze Hausteiner
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Klinikum rechts der Isar der Technischen
Universität München
Ismaninger Straße 22, 81664 München

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige