ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Nahrungsmittel als mögliche Noxen

MEDIZIN: Diskussion

Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Nahrungsmittel als mögliche Noxen

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2537 / B-2167 / C-2031

Schwabedissen, Otto Meyer zu

zu dem Beitrag von Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers M.A. in Heft 13/2000
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Von 1 648 in 16 Jahren neu untersuchten Patienten haben 85,3 Prozent funktionelle und algetische Störungen. Unterteilt in drei Jahresabschnitte zu zweimal sechs und einmal vier Jahren ist das Ergebnis in etwa gleich. Das heißt, in der Praxis eines niedergelassenen Internisten, der sich hauptsächlich mit hausärztlicher Tätigkeit befasst, finden sich solche Erkrankungen, die je nach Weltanschauung des Arztes und der derzeit herrschenden Meinung als psychosomatisch oder rheumatisch oder funktionell jedenfalls nicht mit einem Leitsymptom eines Organbefunds korrelieren. So kann man natürlich Erkrankungen von Patienten, die an der Umwelt leiden, vom Blütenstaub bis hin zu Autoabgasen, auf die derzeitige Situation, in der der Mensch lebt, beziehen, obwohl man sich fragen muss, warum dann nicht alle Menschen, die der gleichen Belastung ausgesetzt sind, ähnlich krank werden.
Funktionelle und algetische Störungen gehen mit einem erhöhten Kausalitätsbedürfnis einher mit einer Schuldverschiebetendenz, die dann auf die Umwelt projiziert wird. Daher stammt dann auch der Druck auf die Ärzte, diese Situation aufzugreifen und möglichst zu beseitigen, obwohl der Arzt weniger als der Politiker so etwas regeln kann. Wie es zu der funktionellen Störung kommt, ist eine Frage, die nur geklärt werden kann, wenn man sich um die Ätiologie dieser Erkrankung kümmert. Denn sie ist nicht gefährlich quo ad vitam, sondern trübt die Lebensqualität, wie das Beispiel des Lehrers zeigt, der zunächst seine Amalgamfüllungen entfernen ließ, dann Kolonspülungen zur Entgiftung durchführen ließ und auch sonst einige unkonventionelle Verfahren austestete, ohne von seiner Krankheit befreit zu werden.
Es wird zu wenig beachtet, dass Nahrungsmittel wie Pharmaka wirken, wenn sie nicht korrekt verstoffwechselt werden. Um zehn Gramm einer gemischten Kost in Wasser und Kohlendioxid zur Energiegewinnung zu verstoffwechseln, braucht es soviele Reaktionen, die man sich nur vorstellen kann, wenn man sich dazu die Zerlegung einer Stadt von der Größe New Yorks in ziegelsteingroße Steine vorstellt und dies 100 000-mal an einem Vormittag. Arzneimittel, wenn sie verstoffwechselt werden sollen, sind schon so konstruiert, dass sie einfacher durch Bindungen an Glucuronsäure und andere Mechanismen entgiftet werden können. So ist es wahrscheinlich, dass die Multiple Chemical Sensitivity (MCS) oder das chronische Müdigkeitssyndrom (CFS) Folge unvollständig abgebauter Nahrungsmittel sind. Jedenfalls ist das ein Ergebnis intensiver diätetischer Studien, die durch Weglassen und erneutes Belasten beim einzelnen Patienten die Krankheitssituation deutlich beeinflussen, ohne dass man zusätzlich Medikamente gibt. Aus dieser Situation wird auch verständlich, dass die funktionellen und algetischen Störungen nicht in eine Statistik einzubringen sind und daher der Evidenz-basierten Medizin nicht zugänglich sind. Es ist Aufgabe der Praxis, dieses Problem zu lösen, die Kliniken sind dafür ungeeignet.

Dr. med. Otto Meyer zu Schwabedissen
Arzt für Innere Medizin
Am Stadtgarten 28, 77855 Achern

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema