ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Toxikologische Messmethoden oft unzureichend

MEDIZIN: Diskussion

Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Toxikologische Messmethoden oft unzureichend

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2538 / B-2059 / C-1878

Fink, Michael

zu dem Beitrag von Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers M.A. in Heft 13/2000
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LNSLNS Herr Kollege Röttgers weist auf die unwidersprochene Tatsache hin, dass psychisch Kranke ihre Störungen häufig als umweltbedingt interpretieren und die Wertigkeit von „Entgiftungs-“ und „Ausleitungs-“Behandlungen mit äußerster Zurückhaltung interpretiert werden sollten. Problematisch wird diese Ansicht jedoch dann, wenn Patienten mit Beschwerden, aber ohne toxikologisch erfassbare Einflüsse, allzu pauschal als psychisch krank eingestuft werden.
Erfahrungen beim Umzug in einen Klinikneubau zeigten mir vor einigen Jahren, dass die Korrelation zwischen „toxikologisch fassbaren Einflüssen“ und der Reaktion der Bewohner eines Neubaus gering ist. In einigen dieser Räume berichteten zum Beispiel mehrere Mitarbeiter über einen unangenehmen „Neubaugeruch“ sowie über Schleimhautreizungen und zum Teil erhebliche Konzentrationsbeschwerden. Diese Zimmer waren nicht mit einer Klimaanlage versehen, sodass die von Herrn Röttgers akzeptierten „ungünstigen Verhältnisse klimatisierter Großbauten“ nicht vorlagen. Interessanterweise ergab die Raumluftanalyse keinen auffälligen Befund. Dies wiederum bedeutet, dass die Toxikologen in diesen Dingen noch erheblich dazulernen müssen und dass es verheerend wäre, Beschwerden ohne toxikologisch erfassbare Parameter als psychogen einzustufen. Schließlich ist die Medizingeschichte voll von Beispielen, in denen Ärzte ihr mangelndes Verständnis einer Krankheit der Psyche der Patienten anlasteten. Hierzu sei nur auf das Magenulkus verwiesen, das bis vor gut 15 Jahren noch dem psychosomatischen Formenkreis zugeordnet wurde; seit der Entdeckung des Helicobacter ist es um diese Hypothese plötzlich sehr still geworden.
Eine einfache Unterscheidung zwischen psychischen und chemisch induzierten Störungen mag dadurch möglich sein, dass chemisch induzierte Beschwerden sich nach Aufenthalt von einigen Minuten oder Stunden im Freien zurückbilden. Es gibt jedoch mit ausreichender Sicherheit auch länger anhaltende chemisch bedingte Störungen, und hierzu dürfte auch die vom Autor als „vermeintlich“ eingestufte chronische Amalgamvergiftung durch Zahnfüllungen gehören. Problematisch scheint hier insbesondere die Entfernung von Amalgamfüllungen zu sein, die offensichtlich zu mehrere Monate anhaltenden Beeinträchtigungen führen kann. Mir ist zum Beispiel der Fall eines Sportlers bekannt, bei dem die Entfernung von sehr vielen Amalgamfüllungen zu einer circa sechs Monate lang anhaltenden Reduzierung seiner Leistung um etwa fünf Prozent führte. Diese Beeinträchtigung war also nicht dramatisch, aber immerhin mit der Stoppuhr eindeutig messbar.
Ich möchte mit diesen Ausführungen nicht bestreiten, dass psychische Störungen von dem Betroffenen selbst als umweltassoziiert interpretiert werden können. Umgekehrt bin ich jedoch sicher, dass der Mensch empfindlicher reagieren kann als ein Gaschromatograph. Und wenn mehrere Mitarbeiter in einem Raum, dessen Luft chromatographisch unauffällig ist, über Beschwerden klagen, dann liegt das wahrscheinlich nicht an der Psyche der Mitarbeiter, sondern an der Unzulänglichkeit einer toxikologischen Messmethode.
Priv.-Doz. Dr. med. Michael Fink
Medizinische Klinik II, Klinikum Fürth
Jakob-Henle-Straße 1, 90766 Fürth

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