ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Umweltbelastung - auch ein psychischer Stressor

MEDIZIN: Diskussion

Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Umweltbelastung - auch ein psychischer Stressor

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2539 / B-2169 / C-2032

Dunkelberg, Hartmut; Paufler, Patrick

zu dem Beitrag von Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers M.A.in Heft 13/2000
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LNSLNS Unsere in einer seit 1995 bestehenden umweltmedizinischen Ambulanz gewonnenen Erfahrungen bestätigen die in dem Beitrag gemachten Aussagen in einem wichtigen Punkt: Nur in seltenen Fällen lassen sich die umweltbezogenen Beschwerdebilder auf die Einwirkung einer Noxe im Umfeld des Patienten zurückführen. In Fallberichten und veröffentlichten Studien wie auch in den eigenen Untersuchungen werden dagegen weitgehende Ähnlichkeiten der umweltbezogenen Körperbeschwerden zu somatoformen Störungen festgestellt.
In der Konsequenz eines solchen Befundes wird – wie es auch im Beitrag geschieht – dann das Krankheitsbild nicht als umweltbedingt, sondern mit psychischen Faktoren wie der Persönlichkeitsentwicklung, dem psychosozialen Umfeld und so weiter erklärt. Der im Patientenverständnis als Gefahr angesehene Umweltfaktor erweist sich in der medizinischen Abklärung nicht als Krankheitsursache, sondern ist Teil einer vorbestehenden psychischen Erkrankung, für die eine nach außen gerichtete Kausalzuweisung typisch ist. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass auch die psychosomatische Untersuchung häufig nicht die erhoffte Klarheit bringt. Auch aus psychosomatischer Sicht sind Ätiologie und Pathogenese der unspezifischen Umweltsyndrome ungeklärt (2). Wir finden die Hypothese, die allgemeine Umweltproblematik sei nur eine Projektionsfläche für Ängste und laienhafte Krankheitskonzepte, nicht immer bestätigt. Wir sehen dagegen auch Patienten, bei denen es aufgrund einer gestörten Mensch-Umwelt-Beziehung in Verbindung mit einem Mangel an protektiven psychischen und physischen Ressourcen zur Ausprägung umweltbezogener Krankheitsbeschwerden kommt.
Die Bedeutung der Umwelt für die Gesundheit sollte nicht auf physiologische oder toxikologische Zusammenhänge reduziert werden. Umwelt wird vom Menschen als Ganzes wahrgenommen, interpretiert und in gesundheitlicher Sicht bewertet. Die Umwelt bietet auch den Raum, in dem sich das Bestreben des Menschen, die Welt als zusammenhängend und sinnvoll zu erleben, realisiert. „Sense of coherence“ nannte Antonovsky (1) diese fundamentale gesundheitsbezogene Orientierung mit den Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit, die als wichtige Ressource in der Erhaltung und Erlangung von Gesundheit erkannt wurde.
Die gesundheitliche Bedeutung der Umwelt besteht auch in der sinnlichen Erfassbarkeit und alltäglichen Erfahrbarkeit eines gesunden Lebensraumes im eigenen Umfeld mit den kommunikativen Wechselbeziehungen im Pflanzen- und Tierreich: Alle Kräfte setzen sich im Rahmen lebender Systeme Grenzen, die in geordnete Strukturen einmünden (3). Wie in dem Beitrag beschrieben, sind es eben solche Faktoren wie die Unbeeinflussbarkeit und die Nichterfahrbarkeit von Umweltbeeinträchtigungen, die bedeutend sind und – das ist unsere Erfahrung – unter besonderen persönlichen Bedingungen zu pathologischen Ängsten mit Symptombildung führen können. Gerade die bisher im Sinne eines umfassenden Gesundheitsschutzes unzureichend entwickelten Beurteilungsnormen und Standards im Umweltbereich gestatten es, das uns umgebende Leben und damit die außermenschliche Gesundheit Stück um Stück als suboptimal und defizitär zu definieren, dann zu unterwerfen und schließlich auf steuerbare biochemische Prozesse zu reduzieren.
Pflanzenschutzmitteleinsatz und Monokulturen, Hormonanwendung in der Tiermast und Gentechnik in der landwirtschaftlichen Urproduktion sind einige der Beispiele für die Abschaffung uns umgebender Selbstregulation und Autonomie. Der Verlust einer noch als gesund wahrgenommenen Umwelt wird ebenso wie die direkten gesundheitlichen Risiken als Bedrohung empfunden. Ganz analog hierzu lässt sich der in dem Beitrag angesprochene Noceboeffekt nicht allein mit der psychopathologischen Ängstlichkeit und Beeinflussbarkeit der Patienten erklären. Wie der Placeboeffekt auf ein kulturell und individuell erworbenes Vertrauen in die Medizin zurückgeht und eine entsprechende Erwartungshaltung beinhaltet, so setzt der Noceboeffekt einen allerdings emotional negativ gefärbten Erfahrungshintergrund und eine entsprechende Zukunftsbesorgnis voraus. Eine auf den biochemischen Mechanismus reduzierte und ihres eigenen selbstregulierenden Potenzials und damit der natürlichen Lebensgrundlagen beraubte Umwelt ist – so könnte jedenfalls die erhebliche Zunahme von Patienten mit umweltmedizinischen Beschwerdesymptomen gedeutet werden – ein immer wichtiger werdendes gesundheitliches, aber auch ein medizinisches Problem: gewissermaßen eine Noxe neuen Typs.

Literatur
1. Antonovsky A: Salutogenese. Tübingen: Dgvt-Verlag, 1997.
2. Csef H: Die unspezifischen Umweltsyndrome MCS, IEI und SBS. Klinische Bilder und Therapieansätze. Fortschr Medizin 1998; 116: 18–24.
3. Uexküll TH, Wesiack W: Theorie der Humanmedizin. 3. Aufl. München: Urban & Schwarzenberg, 1998.

Prof. Dr. med. Hartmut Dunkelberg
Dr. med. Patrick Paufler
Universität Göttingen
Abteilung Allgemeine Hygiene und Umweltmedizin
Windausweg 2, 37073 Göttingen

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