ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Zunahme umweltmedizinischer Krankheitsbilder

MEDIZIN: Diskussion

Psychisch Kranke in der Umweltmedizin: Zunahme umweltmedizinischer Krankheitsbilder

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2540 / B-2170 / C-2033

Aschermann, Christine

zu dem Beitrag von Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers M.A. in Heft 13/2000
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LNSLNS Meiner Ansicht nach werden oft Menschen, die über psychische Beschwerden klagen, vorschnell mit dem Etikett der psychogenen Ursache versehen. Leider wird das Ausmaß der allgemeinen Schadstoffbelastung von der so genannten Schulmedizin noch weitgehend geleugnet. Beispielhaft werden in dem Artikel die großen akuten Umweltkatastrophen der letzten Jahre erwähnt, die Problematik der Dauerexposition im Niedrig-Dosis-Bereich wird ignoriert, die vielfache Kombination von Schadstoffen, zum Beispiel in einer einzigen Wohnung, findet keine Beachtung. Von den ungezählten Giftstoffen ist nur ein sehr kleiner Teil toxikologisch gut erforscht. Der Ausdruck „Patienten ohne toxikologisch fassbare Einflüsse“ ist von daher eine leere Formel ohne Aussagekraft. Wenn solche Krankheitsbilder wie CFS, MCS, Fibromyalgie und andere beschrieben werden, ist es leicht für Organmediziner, eine psychogene Ursache anzunehmen und die Verantwortung den Psychotherapeuten/Psychiatern zu überlassen. Ohne Zweifel sind diese Menschen teilweise auffällig, zum Beispiel bei CFS, definiert als mehr als sechs Monate bestehende chronische Erschöpfung, mit Lymphknotenschwellungen, oft mit erhöhter Temperatur, mit mehr als 50-prozentiger Reduktion von normalen Alltagsaktivitäten.
Ich bin seit mehr als 25 Jahren im psychotherapeutischen Bereich tätig und sehe in den letzten drei bis vier Jahren eine Häufung solcher Krankheitsbilder. Selbstverständlich kenne ich auch solche Patienten wie im Bericht geschildert und selbstverständlich kann der Mensch wie mit jeder Krankheit in neurotischer Weise umgehen. Ich sehe in meiner Praxis aber häufig den umgekehrten Fall: Die Patienten sind schwer depressiv, von ihrem Versagen überzeugt, oft von extremer Unruhe und Ängsten geplagt. In der umweltmedizinischen Diagnostik findet sich dann eine gravierende Immunstörung.
Wenn eine größere Anzahl von so genannten funktionellen Störungen bei einem Menschen auftritt, sollte der Psychotherapeut oder Hausarzt eine schleichende Vergiftung in Betracht ziehen und nach eindeutigen Anzeichen einer hirnorganischen Störung fahnden: Störung der Merkfähigkeit und Konzentration, Vergesslichkeit, Neigung zu Fehlhandlungen. Gerade differenzierte Menschen, die die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung haben, registrieren diese Symptome deutlich, erwähnen sie aber aus Scham meist nicht spontan. Wenn solche Störungen sich erfragen lassen, dann erscheinen auch Depression und Unruhe in einem anderen Licht, nämlich hirnorganisch verursacht und werden nicht mehr als psychogen fehlgedeutet.
Es bleibt die Hoffnung, dass, wenn solche für unsere bisherige Organmedizin unergiebigen Krankheitsbilder in ihrer Bedeutung erkannt werden, sich eine echte Prophylaxe der großen bekannten Volksseuchen wie thromboembolische Erkrankungen, Rheuma und Tumoren betreiben lässt.
Dr. med. Christine Aschermann
Nervenärztin – Psychotherapie
Eichenstraße 6, 88299 Leutkirch

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