ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Medikamentenentwicklung: Experten empfehlen neue Strategien zur schnelleren Marktreife

VARIA: Wirtschaft

Medikamentenentwicklung: Experten empfehlen neue Strategien zur schnelleren Marktreife

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2545 / B-2174 / C-2037

Flintrop, Jens

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LNSLNS Shareholder-Value-Interessen setzen die Pharmaunternehmen
zunehmend unter Leistungsdruck. Nach hohen Forschungsinvestitionen
in den Vorjahren gilt es nun, die Entwicklungszeiten zu reduzieren.


Um wettbewerbsfähig zu bleiben, haben die großen Pharmakonzerne in den letzten Jahren viel Geld in die Forschung investiert. Ziel war es, möglichst viele Moleküle zu entdecken, die sich zu Medikamenten weiterentwickeln lassen. Investitionen, die sich doppelt auszahlten: Zum einen prognostiziert eine Studie der Unternehmensberatung Andersen Consulting*, dass sich die Zahl der verfügbaren Moleküle in den kommenden Jahren mindestens verdreifachen wird. Zum anderen belebten die Forschungsaktivitäten die Kursfantasien der Börsianer, was die Pharmatitel in die Höhe trieb und so die Aktionäre zufrieden stellte – im Sinne des Shareholder-Value-Gedankens der wichtigste Maßstab für Unternehmenserfolg.
Neues Geschäftsmodell
Das Problem: Es kostet ein Pharmaunternehmen durchschnittlich rund 300 Millionen US-Dollar, ein Molekül zu einem Medikament weiterzuentwickeln. Wollte eine Firma alle entdeckten Moleküle zur Marktreife bringen, käme es zu einem deutlichen Kostenanstieg. Experten schätzen, dass der Anteil der Entwicklungskosten am Umsatz von zehn auf 17 Prozent steigen würde. Das wäre auch für die finanzstarken Pharmakonzerne nicht zu bezahlen. Andersen Consulting empfiehlt den Unternehmen deshalb, ihr Geschäftsmodell grundsätzlich neu auszurichten, und nennt fünf strategische Ansatzpunkte zur Steigerung der Produktivität:
- Patienten- statt Kundenorientierung: Eine stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen der Patienten ist nach Meinung der Unternehmensberater unumgänglich. Dazu gehöre ein integratives medizinisches Angebot, das auch die Bereiche Diagnostik, Gesundheitsberatung und Prophylaxe umfasse. „Der Patient will mehr als nur eine Pille. Das Pharmaunternehmen der Zukunft muss ständig mit seinen Kunden in Kontakt sein, um sie zu verstehen. Dazu gehören Service und Lebenshilfe rund um Krankheitsbilder wie Diabetes“, meint Michael Schwörer von Andersen Consulting.
- Eine aktivere Rolle des Patienten bei der Medikamentenentwicklung: Erfahrungen zeigen, dass Patientengruppen (wie zum Beispiel Multiple-Sklerose-Kranke) großen politischen Druck auf Medikamentenhersteller und Zulassungsbehörden ausüben können, wenn es darum geht, neue Wirkstoffe schneller auf den Markt zu bringen – auch, wenn es sich dabei überwiegend um Medikamente für ein spezielles Krankheitsbild und nicht mehr um traditionelle „blockbuster“-Arzneien handelt. Durch direkte Kommunikation mit den Patienten könnten die Unternehmen, Andersen Consulting zufolge, früher neue Märkte identifizieren und erschließen. Der Patient profitiere durch gestaffelte Zulassungsverfahren, günstigere Medikamente und schnelle Einbeziehung in klinische Tests. Eine wichtige Rolle spiele das Internet, über das sich die Patienten über neue Therapien und laufende Entwicklungen informieren, sich aber auch als Probanden für klinische Tests anbieten könnten.
- Ein globales Wissensmanagement: Die Unternehmensberater prognostizieren den Firmen deutlich sinkende Informationskosten infolge des globalen Wissensaustausches. Es sei deshalb entscheidend, sich zu „lernenden Organisationen“ mit kurzen Entwicklungszeiten und hohen Trefferquoten in den vorklinischen Tests weiterzuentwickeln. In die neuen weltweiten Informationsplattformen sollten außer den Herstellerfirmen auch Universitäten und Forschungsinstitute, Ärzteverbände sowie Zulassungsbehörden integriert werden. Patienten-Foren, Datenbanken und Test-Archive im Internet erlaubten darüber hinaus eine effizientere Abwicklung von Studien und Projekten.
- Eine bessere Kooperation mit den Zulassungsbehörden: In der Zusammenarbeit mit den Zulassungsbehörden empfiehlt Andersen Consulting eine ausgeprägte Kooperationsstrategie. Durch frühe Einbindung in laufende Entwicklungsverfahren könne die Frist für eine erste begrenzte Zulassung eines neuen Medikaments von bisher durchschnittlich fünf bis sieben auf drei bis vier Jahre gesenkt werden. Mit einem gestaffelten Zulassungsverfahren für bestimmte Patientengruppen und einheitlichen Zulassungsstandards ließe sich die „time to market“ zusätzlich verkürzen.
- Prozessoptimierung bei der Medikamentenentwicklung: Auch innerbetriebliche Verbesserungen des Entwicklungsprozesses versprechen kürzere Entwicklungszeiten für die Medikamente, wenn dadurch weniger unnötige Daten erhoben werden müssen.
Jens Flintrop


* „Speed To Value – Delivering on the Quest For Better Medicines“, Andersen Consulting, 2000. Teilnehmer der Studie: Bristol-Myers Squibb, Glaxo Wellcome, Merck, Novartis, Pfizer, Hoffmann-La Roche, SmithKline Beecham, Federal Food & Drug Administration (FDA, die US-amerikanische Zulassungsbehörde) und Medical Control Agency (MCA, die britische Zulassungsbehörde).


Enge Kooperationen mit den Zulassungsbehörden versprechen kürzere Zulassungszeiten für die Medikamente.
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