ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1996Psychosoziale Betreuung in Sarajewo: Kinder leiden besonders an psychischen Kriegsfolgen

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Psychosoziale Betreuung in Sarajewo: Kinder leiden besonders an psychischen Kriegsfolgen

Jungjohann, Eugen

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LNSLNS Vor allem bei Kindern und Jugendlichen hat der Krieg im ehemaligen Jugoslawien tiefe seelische Wunden hinterlassen. Die Fronten dieses Krieges verliefen zwischen Nachbarn und häufig auch innerhalb von Familien. Dr. med. Eugen E. Jungjohann, Begründer und ehemaliger Leiter der ärztlichen Kinderschutzambulanz am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, schildert im folgenden die Bemühungen der vor Ort verbliebenen Kinder- und Jugendpsychiater am Kosevo-Klinikum, die psychosoziale Betreuung der betroffenen Kinder zu sichern und auszubauen.


Nach einer Besprechung komme ich aus der kleinen kinderpsychiatrischen Abteilung der Universitätsnervenklinik der Kosevo-Kliniken in Sarajewo. Das Kopfsteinpflaster der engen Straßen ist teilweise aufgerissen. Ich bin auf dem Weg zur Ärztewohnung der deutschen Hilfsorganisation "Help" und sehe plötzlich vor mir vier Kinder: Ein Junge und ein Mädchen, beide etwa acht Jahre alt, bedrohen mit vorgehaltenen Plastikgewehren zwei gleichaltrige Mädchen. Es gibt keinen Streit, nur eine deutliche Abwehrhaltung der beiden bedrohten Mädchen. Die Kinder protestieren nicht, sie schreien nicht, sie sprechen mit ihrem Körper. Die beiden "Angreifer" drücken ihre Gewehre in die Rücken ihrer "Opfer". Die beiden Mädchen gehen mit hängenden Schultern langsam die Straße hinunter, in ihren Gesichtern spiegelt sich Angst. So führen zwei Soldaten gefangene Frauen ab, lautlos, zweckvoll. Die Kinder bemerken mich nicht.


Frontlinie verläuft durch die eigene Familie
Kinder wie diese waren es, die mich als Kinder- und Jugendpsychiater bewegten, nach Sarajewo zu kommen. Die Berichte über humanitäre Hilfsaktionen beziehen sich meist auf körperliche Verletzungen durch Kugeln, Granatsplitter und Landminen, aber nie auf die psychischen Verletzungen des Krieges. Dabei müssen die psychischen Folgen gerade dieses Krieges erheblich sein, da es sich um einen Krieg gegen Nachbarn, mitunter sogar gegen Familienangehörige handelte. Rund 80 000 Kinder erlebten den Krieg in Sarajewo, und oft wurde der Tod eines Elternteils oder anderer Angehöriger verursacht von einem Menschen, den sie kannten.
So schildern Prof. Dr. med. Ismet Ceric, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am KosevoKlinikum, und Dr. med. Vera Danes, einzig verbliebene Oberärztin der Klinik, die Situation der Kinder und Jugendlichen. Neben den körperlichen Bedrohungen, den Hungerschmerzen, den Verlustängsten seien die Kinder vor allem dadurch traumatisiert, daß sie sich seit 1992 fast ausschließlich innerhalb der Wohnungen aufhalten mußten. Sie waren inkarzeriert, hatten keine Möglichkeit, sich draußen zu bewegen und zu spielen. Vor allem die heute Fünfjährigen haben nie ein anderes Leben kennengelernt.
Die Zahl der jungen Patienten der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie war während der Kriegsjahre stark zurückgegangen. Die Ärzte gehen davon aus, daß sich die Familien in dieser Zeit aufgrund der ständigen Gefahr, der mühsamen Suche nach Nahrung, aber auch aufgrund der Propaganda emotional sehr stark nach innen gerichtet haben. Die Kinder hätten ihre Familien aus diesem Grund als außerordentlich beschützend erlebt. Dieses Gefühl sei allerdings immer dann gestört worden, wenn Tod und Verletzung Verlust brachten. Nun, in den ersten Monaten ohne das ständige Krachen von Schüssen und Granaten und nach der sogenannten ethnischen Säuberung, veränderten sich die Familien – nicht nur die ethnisch oder religös gemischten. Mit zunehmender Destabilisierung und emotionaler Distanzierung werde die emotionale Schutzhülle der Kinder durchlöchert. Klinikleiter Ceric spricht von einer "durchdringenden Kälte des Mißtrauens", das die gesamte Bevölkerung durchzieht und sich nicht auf den ethnischen oder religiösen Gegner beschränkt.


Psychisch auffällig: die "Kinder-Soldaten"
Psychische Manifestationen oder Symptomenbildung bei den Kindern bis etwa zum zwölften Lebensjahr unterscheiden sich deutlich von denen der Adoleszenten etwa bis zum 20. Lebensjahr. Eine Gruppe von Jugendlichen verhält sich besonders auffällig: Von 1992 an meldeten sich 15- bis 17jährige Jungen freiwillig zum Dienst an der Front, die oft bizarr und ungenau zwischen Häusern und ethnischen Gruppen verlief. Diese "Kinder-Soldaten", wie es sie in Ruanda, Mozambique und Angola gab, leben auch in Sarajewo. Sie sind mittlerweile 20 Jahre alt. Sie stehen in deutlich kampferprobten Tarnanzügen auf den Straßen, einige mit einem amputierten Arm oder einem bewegungseingeschränkten Bein. Die meisten von ihnen sind arbeitslos, viele betteln. Sie sprechen nur mit Gleichaltrigen, ihre Gesichter und die Körperhaltung sind mürrisch depressiv oder verhalten aggressiv.
Die Mädchen dieses Alters haben andere Probleme. So behandelt eine Nervenärztin eine 14jährige Patientin wegen einer neurotisch depressiven Entwicklung und Suizidneigung. Das Mädchen ist während des Krieges auf die sexuellen Forderungen von Männern eingegangen mit der Begründung: "Wenn ich jetzt nicht erlebe, was mein Körper sexuell empfindet, werde ich es morgen nicht mehr erleben können, weil ich tot bin."
Besonders häufig tritt den Ärzten zufolge bei Kindern bis zur Pubertät hysterisch geprägte Konversionssymptomatik auf. Sie geht einher mit partiellen Lähmungen, Aphonien, psychogenen Anfällen und Atemstörungen. Häufig sind auch herzphobisch geprägte Symptome, depressive Symptomatik mit sozialem Rückzug oder in der Reaktivierung Suizidtendenzen. Das sogenannte posttraumatische Streßsyndrom, das sich durch psychomotorische Unruhen, Panik, den Flash-back von Kampfszenen, aggressive Episoden (vor allem in der Familie) oder mutistisch geprägten Rückzug äußert, wurde während des Krieges immer wieder bei Soldaten beobachtet. An diesem Syndrom litten Soldaten an der Frontlinie, die dann unter Umständen entlassen wurden, oder es trat während ihres Heimaturlaubs auf.
Einer der Ärzte des Klinikums beobachtete diese psychischen Auffälligkeiten an seinem Sohn, der von der Front nach Hause kam, Gewehr und Gepäck krachend auf den Boden warf, in sein Zimmer ging, die Tür zuschlug und oft Tage nicht herauskam. Wollte seine Mutter ihm Essen anbieten, wies er sie barsch zurück. Nach seiner Rückkehr an die Front veränderte er sich so, als ob der Krieg für ihn eine Art Therapie sei. Mittlerweile sind diese Kinder-Soldaten wieder in der Stadt.


Psychosoziale Hilfe verbessern
In einer Psychotherapie-Gruppe, die aus 15 Mädchen und Jungen im Alter von 14 Jahren besteht, können leicht etwa fünf bis sechs Kinder identifiziert werden, die deutlich aggressive Bedürfnisse gegenüber den anderen, eher depressiv-zurückhaltenden Kindern haben. Die Gruppe wird von zwei Frauen professionell und gut geleitet. Glücklicherweise ist in Sarajewo eine Reihe von Menschen dazu bereit, diesen Kindern entweder unentgeltlich oder für ein monatliches Einkommen zwischen 50 und 100 DM die notwendige psychosoziale Hilfe zukommen zu lassen.
Die psychiatrische Klinik des Kosevo-Klinikums hat ein Projekt gestartet, das die sozialpsychiatrische Versorgung der Region Sarajewo reorganisieren soll. Es wird von der Welt­gesund­heits­organi­sation unterstützt, deren Hilfsmittel von Ceric als leitendem Klinikarzt organisiert und verwaltet werden. Auch die psychiatrische Klinik soll umstrukturiert werden. Ebenso soll durch die Einrichtung von Ambulanzen oder Sozialstationen die Versorgung der einzelnen Stadtteile gewährleistet werden.
Ceric ist vor allem daran interessiert, das Platzangebot in der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung zu erweitern. Es ist geplant, eine "halbstationäre" Abteilung mit 15 Plätzen sowie eine Tagesklinik einzurichten. Als Spiel- und Sportgelände muß eine große Terrasse genügen. In der halboffenen Abteilung sollen die Patientenzimmer mit ein bis drei Betten und jeweils einem abschließbaren Nachttisch ausgestattet werden, so daß jedes Kind seinen eigenen Raum bestimmen kann. Zur Zeit haben die Zimmer noch bis zu sechs Betten. Es gibt weder Schränke noch Stühle und Tische. Außerdem sind Gruppen- und Spielzimmer geplant. Ähnliches gilt für die Tagesklinik.
Nach Ansicht der Ärzte sind Zimmer für die Spiel- und Werktherapie unbedingt erforderlich. Die Gestaltung der Räume soll kindgerecht sein, wobei die optischen, akustischen und haptischen Erfahrungen der Kinder eine Rolle spielen. Die Grundsätze der therapeutischen Gemeinschaft sind an Maxwell Jones angelehnt. Dabei steht die Patienten-Personal-Konferenz im Vordergrund, die zum Ziel hat, die kindlichen Patienten den Gruppenalltag mitbestimmen zu lassen.
Die Verwirklichung dieses sozialpsychiatrischen Konzepts in Sarajewo scheint derzeit möglich, weil die WHO das Projekt finanziell unterstützt. Auch die Bonner Organisation "Help" leistet dem Klinikum Hilfe. Trotzdem bedarf es weiterer Mittel für Spielzeug, therapeutisches Material, Mal- und Zeichenpapier, Hefte, Stifte, Wasserfarben usw. Außerdem fehlt noch die gesamte Ausstattung für das Spieldiagnostik- und das Werktherapiezimmer. Besonders hilfreich wäre es, wenn die Oberärztin Dr. Danes sowie eine Assistentin und eine Diplom-Psychologin für einige Wochen an einer deutschen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie hospitieren könnten.
Anfragen beantwortet "Help", Kaiserplatz 3, 53113 Bonn, Telefon 02 28/91 52 90, Fax 02 08/9 15 29 99. Spendenkonto: Dresdner Bank, Bonn, BLZ: 380 800 55, Kontonummer: 44 44.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Eugen Jungjohann
Kaiser-Friedrich-Ring 7
40445 Düsseldorf

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