ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2000Colon irritabile: Neue Therapieansätze beim Reizdarmsyndrom

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Colon irritabile: Neue Therapieansätze beim Reizdarmsyndrom

Dtsch Arztebl 2000; 97(39): A-2549

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Das Colon irritabile galt bisher als ein Beispiel für eine primär psychogene Erkrankung. Tatsächlich zeigen viele Patientinnen – die Erkrankung tritt bei Frauen viermal so häufig wie bei Männern auf – oft psychologische Auffälligkeiten von Somatisierungen, bis hin zu manifesten Depressionen und Zwangsneurosen. Nicht selten führen die Patientinnen selbst die Erkrankung auf psychologische Trigger wie Stress zurück, was durchaus plausibel ist, da in Experimenten Stress auch bei Gesunden den intrakolonischen Druck erhöhen kann.
Neuere Untersuchungen bestätigen, dass es eine Verbindung zwischen Hirn und Darm gibt – allerdings nicht nur auf der Ebene der Psyche, sondern auch in neurologischen Schaltkreisen. Danach liegt den Symptomen des Colon irritabile zweierlei zugrunde. Einmal führt eine gestörte intestinale Motilität zur verkürzten Transitzeit und damit zur Diarrhö. Zum anderen scheint die viszerale Perzeption gesteigert zu sein, was die heftigen subjektiven Beschwerden erklärt. An beiden Störungen könnten Neurotransmitter des enteralen Nervensystems beteiligt sein.
Diskutiert werden Störungen im Bereich von 5-Hydroxytryptamin (5-HT3, 5-HT4), Cholezystokinin, Dopamin, Substanz P oder auch alpha-2-adrenergen Stimuli. Dies hat zur Entwicklung einer Reihe neuer Therapieprinzipien geführt (siehe Tabelle). Am weitesten ist die Firma Glaxo Wellcome mit dem 5-HT3-Antagonisten Alosetron. Alosetron hemmt die Wirkung des enterischen Neurotransmitters 5-HT, der in den enterochromaffinen Zellen des Darms gebildet wird. Das soll sowohl die zentralnervöse abdominelle Schmerzwahrnehmung mindern, als auch die abdominale Motilität und Schleimsekretion reduzieren – also beiden pathophysiologischen Veränderungen beim Colon irritabile entgegenwirken.
Das Unternehmen hat zwei placebokontrollierte Phase-III-Studien durchgeführt, deren Ergebnisse kürzlich in Hamburg vorgestellt wurden. Die wichtigste, weil größte mit Reizdarm-Patientinnen durchgeführte Studie (647 Teilnehmerinnen mit überwiegender Diarrhö) wurde in Lancet (2000; 355: 1035–1040) publiziert.
Die Therapie von zweimal täglich 1 mg Alosetron führte bereits nach der ersten Woche zu einer besseren Linderung der Schmerzsymptome als in der Placebogruppe. Der Unterschied erreichte in der zweiten Woche Signifikanzniveau und die Verbesserung von Stuhldrang, Stuhlkonsistenz und -frequenz blieben bis zum Ende der gesamten zwölf Behandlungswochen bestehen. Nach Ende der Behandlung kehrten die Symptome allerdings rasch auf das Ausgangsniveau zurück.
Vor allem die Tatsache, dass damit erstmals für ein Medikament eine Wirksamkeit in placebokontrollierten Studien (insgesamt 1 273 Patientinnen) nachgewiesen wurde, veranlasste die FDA, das Medikament im Februar zur Behandlung von Frauen mit Colon irritabile (bei überwiegender Diarrhö) zuzulassen. In beiden Studien berichteten zwischen 50 bis 60 Prozent der Frauen über eine Linderung der Schmerzen, während es in der Placebogruppe 35 bis 45 Prozent waren. Damit bestätigt die Studie indirekt auch die gute Wirksamkeit einer psychologischen Intervention, selbst wenn diese vorwiegend auf einer Placebowirkung beruhen sollte. Die vermehrte Zuwendung in der Studie, vielleicht auch allein der Glaube, jetzt von den Experten ein wirksames Arzneimittel zu erhalten, führte jedenfalls auch in der Placebogruppe zu erstaunlichen Ergebnissen.
Bei 30 Prozent der Alosetron-Patientinnen (Placebo drei Prozent) entwickelte sich eine subjektiv empfundene Obstipation, die 30 Prozent dieser Patientinnen zum Abbruch der Behandlung veranlasste (Laxanzien waren nicht erlaubt). Außerdem entwikkelten in den Studien insgesamt vier Patientinnen eine akute Colitis. Sie besserte sich nach Absetzen des Medikamentes sofort wieder, und es muss nicht unbedingt eine kausale Beziehung bestehen.
Vielleicht bringt die erste medikamentöse Therapie mit nachgewiesener Wirksamkeit Bewegung in die wissenschaftliche Untersuchung des Colon irritabile. Die Krankheit führt ein wenig ein Schattendasein, obwohl in Deutschland etwa zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung unter 65 Jahren an den Symptomen eines Reizdarmsyndroms leiden soll. Glaxo Wellcome hat die Zulassung in Europa beantragt. Mit einer Entscheidung rechnet der Hersteller aber nicht vor dem ersten Quartal 2001. Der Konkurrent Novartis prüft zurzeit, ob sein 5-HT3-Antagonist auch bei männlichen Patienten wirksam ist. Rüdiger Meyer


´Tabelle
Kommende Therapieansätze des Colon irritabile
5-HT3-Antagonist Alosetron, Cilansetron
Partieller 5-HT4-Agonist Tegaserod
5-HT4-Agonist Prucaloprid*
Cholecystokinin-A-(CCKA)-
Antagonist Dexoxyglumid
Dopamin-2-Antagonist Levosulprid
Substance-P-Antagonist NN
M3-cholinergische-Rezeptor
Antagonist NN
Alpha-2 adrenergischer Agonist NN
Kappa-Opioid-Agonist NN
* für funktionelle Konstipation Quelle: Lancet
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