ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2000Deutscher Apothekertag: „Heißer Herbst“ erwartet

POLITIK

Deutscher Apothekertag: „Heißer Herbst“ erwartet

Dtsch Arztebl 2000; 97(40): A-2582 / B-2206 / C-1960

Korzilius, Heike

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LNSLNS ABDA-Präsident Friese kritisierte die Arzneimittelbudgetierung und den Versandhandel über das Internet.

Wir beobachten mit großer Sorge Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen“, wandte sich Hans-Günter Friese an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer. Der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sprach anläss-
lich der Eröffnung des 50. Deutschen Apothekertages am 28. September in Köln und zielte mit seiner Kritik vor allem auf das Arzneimittelbudget. Dieses inadäquate Steuerungsinstrument der Arzneimittelversorgung sei am Ende der Sackgasse angelangt. Patienten, Ärzte und Apotheker seien mit einer Vorgabe konfrontiert, die dem tatsächlichen Versorgungsbedarf nicht entspreche. Frieses Fazit: „Es findet eine ,stille‘ Rationierung in der Arzneimittelversorgung statt.“ Dabei werde die kostengünstige Therapieform Arzneimittel gegenüber nicht budgetierten Leistungen diskriminiert.
Mit Blick auf das Aktionsprogramm, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung zur Begrenzung der Arzneimittelausgaben in diesem Jahr erneut aufgelegt hat, erwartet der ABDA-Präsident einen „heißen Herbst, der die Patienten wieder einmal verunsichern wird.“ Wenn die Arzneimittelausgaben patientengerecht gesteuert werden sollten, gehöre das Budget abgeschafft. Stattdessen müsse man auf die pharmazeutische Beratung von Ärzten und Patienten setzen. Friese stellt sich darunter unter anderem Folgendes vor: In regionalen Arznei­mittel­kommissionen erarbeiten Ärzte und Apotheker gemeinsam Arzneimittel-
übersichten und nutzen dazu regionale Verordnungsanalysen. Damit erhielten die Ärzte erstmals im Vorhinein alle notwendigen Informationen zu wirschaftlichen Verordnungen. Das sei sachgerecht und fair im Gegensatz zum heute drohenden Regress im Nachhinein.
Zum effizienteren Umgang mit den Ressourcen des Gesundheitswesens soll auch ein Telematik-Projekt der ABDA beitragen. Dort hat man ein elektronisches Rezept inklusive Patientendatenkarte entwickelt, die auch für die Arzneimitteldokumentation genutzt werden kann. Gleich- oder gegensinnige Verordnungen könnten so erkannt, Selbstmedikation und ärztliche Verordnung synchronisiert, Gegenanzeigen und Interaktionen berücksichtigt werden. Frieses Appell an Fischer lautete deshalb, die gesetzlichen Grundlagen für die Versichertenkarte 2000 plus zu schaffen.
Fällt das Versandverbot?
Neben dem Arzneimittelbudget gilt eine der Hauptsorgen der Apotheker dem Versandhandel von Arzneimitteln über das Internet. Friese sieht sich in der „kategorischen Ablehnung“ dieser Vertriebsform auf einer Linie mit Ärzten, Verbraucherorganisationen und den Verbänden der Pharmaindustrie. Der Handel über das Internet heble Sicherheitsstandards, wie sie die Apotheken garantierten, aus. Außerdem seien die Pillen aus dem Web nicht unbedingt billiger. Das klare Nein zum Versandhandel bedeute aber nicht, dass die Apotheker das Internet verteufelten. „Wir wollen das Internet als Informationsmedium ,rund um das Arzneimittel‘ nutzen“, sagte Friese und kündigte an, dass, auch als Gegengewicht zu unseriösen Akteuren, ein öffentliches Gesundheitsportal der Apotheken mit Informationen für Patienten und Verbraucher errichtet werden solle. Gegen die Konkurrenz aus dem Ausland, allen voran die Internet-Apotheke im niederländischen Kerkrade wollen die Apotheker gerichtlich vorgehen. Noch ist in Deutschland der Versandhandel mit Arzneimitteln verboten.
Dass dies nicht so bleiben muss, klang in der Rede von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer an. Unbestritten sei zurzeit der Vertrieb von Arzneimitteln über das Internet noch mit Risiken behaftet, räumte sie ein. Aber mit Warnungen allein lasse sich die Zukunft nicht gestalten. Nationale Verbote scheiterten an der Grenzenlosigkeit des Internet. Sie forderte die Apotheker auf, sich dem Wettbewerb zu stellen und ihn mit einem besseren Angebot, das Beratung und Sicherheit vereine, zu gewinnen. Fischer kündigte an, sie wolle die ABDA noch in diesem Jahr zu einem Expertengespräch einladen, bei dem vor allem auch die ausländischen Erfahrungen mit dem Versandhandel über das Internet diskutiert werden sollen.
In der Frage der Arzneimittelbudgetierung blieb die Ministerin hart. „Solange wir keine geeigneteren Steuerungsinstrumente haben, werden Budgets notwendig sein.“ Auch die Kritiker seien bislang realistische Alternativen schuldig geblieben. Gut die Hälfte der Kassenärztlichen Vereinigungen, die ihr Budget 1999 eingehalten hätten, belegten, dass die Steuerungswirkung der Arzneimittelbudgets ohne Qualitätseinbußen für die Patientenversorgung funktioniere. Darüber hinaus habe das Ministerium den Sachverständigenrat beauftragt, ein Gutachten zu Fragen der Unter-, Über- und Fehlversorgung zu erstellen. „Ich hoffe, dass wir damit auf einer rationalen Grundlage darüber reden können, wo in unserem Gesundheitssystem die Defizite liegen“, sagte Fischer. Heike Korzilius
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