ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2000Alternative Methoden: Was ist Osteopathie?

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Alternative Methoden: Was ist Osteopathie?

Thor, Susanne

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LNSLNS Vom 6. bis 8. Oktober tagt in Schlangenbad der 3. Internationale Kongress der Osteopathen – ein Gebiet, das sich in den USA großer Beliebheit erfreut, in Deutschland jedoch erheblichen Vorbehalten begegnet.

Die Geschichte der Osteopathie begann vor rund 130 Jahren mit dem amerikanischen Arzt Dr. Andrew Taylor Still (1828–1917), der bei seinen Patienten beobachtete, wie auch geringfügige Veränderungen an Knochen, Gelenken oder Muskeln den gesamten Organismus beeinflussen können.
Die osteopathische Medizin hat den Anspruch, sowohl den ganzheitlichen Ansatz der Naturheilkunde wie auch die Wissenschaftlichkeit der Schulmedizin zu vereinen. „Wir als Manualmediziner stehen dieser Methode äußerst positiv gegenüber“, erläutert Matthias Psczolla, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Manualmedizin (DGMM). „Denn gerade diese Synthese schließt wesentliche diagnostische und therapeutische Vorzüge mit ein, demgegenüber viele Heilverfahren, entweder gänzlich in ihren schulmedizischen oder vollständig in naturheilkundlichen Grenzen verbleiben.“ Die osteopathische Medizin dient hauptsächlich der Diagnose und Behandlung von Funktionsstörungen. Sie setzt sehr genaue Kenntnisse der Anatomie und Physiologie voraus. Von daher ist die osteopathische Ausbildung fundiert und aufwendig. Sie ist in Deutschland derzeit in Form von 400 Stunden Kursen für Ärzte mit zwei Jahren manualmedizinischer Erfahrung oder als berufsbegleitende Fünfjahresausbildung für die nichtärztlichen Therapeuten an verschiedenen osteopathischen Colleges absolvierbar.
Etwa 40 000 Osteopathen arbeiten in den USA als Doktoren der Osteopathie. Im Gegensatz zur traditionellen, amerikanischen Osteopathie wird in Europa jedoch eine um den kraniosakralen und viszeralen Bereich ergänzte Form praktiziert. In Deutschland ist sie ein noch sehr junges Gebiet. Die Zahl der praktizierenden Osteopathen in Deutschland wird auf 1 000 bis 1 200 geschätzt. Im Ursprungsland USA ist der Beruf der Osteopathen außerdem gesetzlich anerkant und geschützt. Osteopathen sind Mediziner, können also Diagnosen erstellen und invasiv behandeln. Studenten haben die Wahl, können nach der Highschool entweder den Doktor der Medizin erlangen (M.D.) oder ihr Studium an einem der 19 Colleges für Osteopathie mit einem Doktor der Osteopathie abschließen. In Deutschland hingegen sind gegenwärtig weder die Bezeichnung „Osteopath“ noch dessen Tätigkeit rechtlich geschützt. Denn nur approbierte Ärzte (sowie Heilpraktiker) dürfen mit behördlicher Genehmigung Heilkunde ausüben. Derzeit darf zum Beispiel ein Krankengymnast in Eigenregie nur dann Osteopathie praktizieren, wenn er sich als Heilpraktiker niederlässt. Auch haftungsrechtlich sind Krankengymnasten, wenn sie osteopathisch arbeiten, gegenwärtig nicht geschützt.
Auch was die Ausbildung zum Osteopathen betrifft, sind durch die ärztliche Berufsordnung Grenzen gesetzt. Denn diese besagt, dass Ärzte nicht durch „Nicht-Ärzte“ ausgebildet werden dürfen! Aus diesen Gründen veranstaltet die DGOM seit 1998 mit internationalen, ausschließlich akademischen Lehrkräften, die den Titel „Doctor of Osteopathy“ tragen, 400 Stunden umfassende Fortbildungskurse zur ärztlichen Weiterqualifizierung in osteopathischer Medizin.
Die DGOM wurde 1996 von der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin gegründet. Als ganzheitliche Diagnose- und Behandlungsform berührt die Osteopathie jedoch fachlich nahezu alle medizinischen Bereiche. Dr. med. Susanne Thor

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