ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2000Anatomie: Um kein Haar kürzen

BRIEFE

Anatomie: Um kein Haar kürzen

Fischer, Christoph

Zu dem Beitrag „Reform des Medizinstudiums: Anatomie in der Zange: Gefährdung von zwei Seiten“ von Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Welsch in Heft 31–32/2000:
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LNSLNS Selten habe ich mit einem Autor im DÄ so lückenlos übereingestimmt wie bei der Lektüre des Artikels. Und dass am Anatomieunterricht offenbar von „Reformern“ mit dem Ziel einer massiven Einschränkung von Qualität und Quantität herumgedoktert werden soll – ich kann es nur als Treppenwitz oder als handfesten Skandal empfinden. Als Frauenarzt und Medizinpublizist begründe ich auch warum:
Kaum ein Unterrichtsfach war für mich als Medizinstudent so wichtig wie gerade der Anatomieunterricht/Präparierkurs. Prof. Welsch ist voll beizupflichten: Wenn es ein vorklinisches Fach gibt, das dem angehenden Arzt gleichsam als hermeneutische Klammer der diffusen Einzelbeobachtungen zu einer wirklichen Humanwissenschaft dienen kann, dann ist es gerade die Anatomie. Noch lebhaft im Ohr ist mir die Mahnung meines Anatomieprofessors, der gern und oft den berühmten Anatomen Friedrich Tiedemann zitierte: „Ärzte ohne anatomische Kenntnisse sind wie Maulwürfe: Sie arbeiten im Dunkeln und ihrer Hände Tagewerk sind Erdhügel!“ Als Assistent der Frauenheilkunde habe ich mich an diese Mahnung oft erinnert und meine gute anatomische Ausbildung als äußerst hilfreich erlebt.
Ja, selbst als verantwortlichem Medizinredakteur einer großen Publikumszeitung kommen mir meine anatomischen Kenntnisse zugute: Denn die exakte Beschreibung von Stefan Effenbergs Achillessehne, Steffi Grafs Wirbelsäulenbeschwerden oder gar Goethes Schädel sind ohne exakte anatomische Kenntnisse gar nicht machbar. Im Lichte meiner ganz persönlichen Erfahrungen kann ich nur raten, den Anatomieunterricht eher zu intensivieren, keinesfalls aber auch nur um ein Haar zu kürzen!
A propos Goethe: der hat den Begriff „Morphologie“ erfunden (1796), eifrigst Anatomie studiert und zeitlebens eine ausführliche wissenschaftliche Korrespondenz zu den großen Anatomen seiner Zeit unterhalten. Ein Vorbild, auf das wir Ärzte stolz sein können.
Dr. med. Christoph Fischer, Redaktion Medizin, BILD-Zeitung, Axel-Springer-Platz 1, 20350 Hamburg
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