ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2000Somatoforme (funktionelle) Störungen des Urogenitalsystems - Behandlung von Prostatodynie und Reizblase: Hormonelle Untersuchung bei Frauen

MEDIZIN: Diskussion

Somatoforme (funktionelle) Störungen des Urogenitalsystems - Behandlung von Prostatodynie und Reizblase: Hormonelle Untersuchung bei Frauen

Dtsch Arztebl 2000; 97(40): A-2634 / B-2244 / C-2107

Merkle, Walter

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Herbert Csef Dr. med. Klaus Rodewig Prof. Dr. med. h.c. Jürgen Sökeland in Heft 23/2000
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LNSLNS Nachdem ich als erster Herausgeber
in einem rein urologischen Lehrbuch (Urologie, Hippokrates 1997) die Psychosomatik durch ein Kapitel von Günthert bearbeiten ließ, freue ich mich, dass nun auch das Deutsche Ärzteblatt diese Problematik aufgreift, da man als Urologe, der sich um diese Dinge kümmert, nicht selten auch bei Fachkollegen auf Unverständnis stößt.
Allerdings muss ich bei aller Zustimmung einige Punkte ansprechen, da sonst die Gefahr besteht, dass vor allem Frauen zu schnell auf die „Psychoschiene“ geschoben werden. Im Textkasten Zystitis/Urethritis fehlt der klare Hinweis auf eine notwendige hormonelle Untersuchung. Zwar kann dies eigentlich auch ein Urologe, wenn er in der Urethralzytologie bewandert ist, aber die Durchführung einer Vaginalzytologie ist für die betroffene Frau weniger unangenehm. Dort lässt sich – bei gleicher „Reizblasensymptomatik“ – nicht selten prämenopau-
sal ein Androgenüberschuss, postmenopausal ein Östrogendefizit, finden. Ist diese Störung durch lokale Therapie beseitigt, verschwindet die Symptomatik in der Regel von allein. Nur die Frauen, die hormonell ausgeglichen sind, sollten psychosomatisch untersucht werden.
Bei beiden Geschlechtern empfiehlt es sich, die rektale Palpation in Rechtsseitenlage durchzuführen. Dort kann man an typischen Triggerpunkten (1) nicht nur Druckschmerzhaftigkeit, sondern auch muskuläre Verspannungen tasten. Zusammen mit einem dyskoordinanten (nicht notwendigerweise herabgesetzten) Flowmuster und einer sonographisch erkennbaren Blasenwandhypertrophie fällt die Verdachtsdiagnose Chronic-Pelvic-Pain-Syndrom relativ leicht.
Man sollte die alten, weil falschen Begriffe „Prostatodynie“ und „Reizblase“ wie auch die anderen Synonyma für dieses Krankheitsbild nicht mehr benutzen.
Weiterhin fällt es auf, dass ein Großteil dieser Beckenbodenschmerzpatienten und -patientinnen zusätzlich erhebliche Rückenprobleme angibt. Sollte dies der Fall sein, was sich bei einer einfachen manualtherapeutischen Überprüfung objektivieren lässt, sollte zusätzlich ein in diesen Dingen erfahrener Osteopath zusammen mit entsprechend ausgebildeten Krankengymnasten begleitend hinzugezogen werden. Die Psychodynamik dieser Patienten ist in der Regel so ausgeprägt, dass der Weg allein über die Psychotherapie nicht zum Dauererfolg führt. Seitens der Urologie ist die Kombination mit einem Biofeedback-kontrollierten Entspannungstraining der beste Weg, nachdem man dem Patienten die Zusammenhänge ausführlich erklärt hat. Ohne diese Aufklärung lassen sich die Betroffenen nicht auf eine solche Psychotherapie ein. Es ist auch bekannt, dass für den Erfolg des Biofeedbacks die empathische Patientenbetreuung unverzichtbar ist. Bei schwersten Beckenbodenschmerzen, die jedem Therapieversuch widerstehen, kann es gerechtfertig sein, eine Neuromodulation zu versuchen. Mittels sogenannter PNE-Testung, die in Lokalanästhesie durchgeführt werden kann, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit vor einer permanenten Implantation relativ problemlos zu überprüfen. Eigene Erfahrungen haben in solch verzweifelten Fällen gute Ansprechraten gezeigt.

Literatur
1. Günthert EA: Psychosomatische Urologie. In: Urologie. Hrsg. W. Merkle. Stuttgart: Hippokrates, 1997; 383–408.
Dr. med. Walter Merkle
Deutsche Klinik für Diagnostik
Fachbereich Urologie
Aukammallee 33, 65191 Wiesbaden

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Avatar #725167
Menschenrechtler
am Mittwoch, 29. März 2017, 20:26

Prostata, Reizblase u.ä..

Hatte mich von einem Urologen routinemäßig urologisch untersuchen lassen. Der Urologe tastete alles ab und untersuchte mit Ultraschall. Er meinte, dass die Prostata leicht vergrößert ist und ich damit gut leben könnte. Ich habe auch keine Beschwerden, muss nachts auch kaum auf Toilette. Der Urologe hatte auf seine Kosten einen PSA-Test machen lassen. Da mein PSA bei 14,07, freies 1,47 lag, hat er mir Antibiotika (Levofloxacin) verschrieben und zur Entspannung der Prostata auch Tamsulosin. Bei keiner Verbesserung wollte er mir eine Biopsie machen. Nach dem Antibiotikum war nach 1 ½ Monaten mein PSA auf 18,16, freies 1,54 gesprungen. Habe im Internet recherchiert, darunter auch aufschlussreiche Informationen dahingehend gefunden, dass es ein Verkettungssyndrom von der Lumboischialgie zu den Unterleibsorganen und vom Iliosakralgelenk zum Gesäß, Oberschenkel bis Knie und Organverkettung zur Prostata gibt (http://www.wirbel-sturm.com/ws/index.php/verkettungssyndrom.html). Das alles trifft genau auf mich zu. Weitere Infos z.B. unter http://www.dr-walser.ch/index.html?prostatitis.htm. Leider hat das die Schulmedizin übersehen.
Ich habe seit meiner Jugendzeit wiederholt Kreuzschmerzen, oft mit Gehbeschwerden, seit vielen Jahrzehnten auch mit zunehmenden Schmerzen des Cremastermuskels und nunmehr mit Gesäßschmerzen sowie Beinschmerzen mit mehr Gehbeschwerden. Ich kann mich auch immer schlechter bücken. Gelegentlich klemmt es rechts im Kreuz (ISG-Block). Habe neben Kreuzproblemen auch Polyarthritis und Fibromyalgie. Da Levofloxacin Gelenkschmerzen und Muskelschmerzen hervorruft und das LWS- Syndrom verschlechtert (https://www.sanego.de/Gelenkschmerzen-bei-Levofloxacin+AL, http://www.yamedo.de/forum/75-fluorchinolone.html, https://ciprohilfe.wordpress.com/deine-geschichte/comment-page-4/ u.a.), schmerzte mir das Kreuz noch mehr und seit Einnahme auch noch der rechte Arm.
Das Sitzen verursachte bei Einnahme von Tamsulosin besonders heftige Schmerzen am Cremaster und am Gesäß. Die Beckenbodenverspannung suchte sich offenbar einen anderen Weg. Seit Absetzung des Tamsulosin habe ich weniger Schmerzen. Sicher sind auch die Prostatanerven und -muskeln verspannt und erhöhen damit den PSA-Wert. Prostatamassage erhöht den PSA-Wert angeblich um etwa das 3-fache. Ich werde mich um Chirotherapie bemühen.

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